Höhlenmalereien Die Höhle von Lascaux macht Station in München

1940 wurde die Höhle von Lascaux entdeckt. Damit die Öffentlichkeit die Malereien sehen kann, ohne sie zu beschädigen, gibt es Nachbildungen.

(Foto: Corinna Guthknecht)
  • Seit 1963 ist die Höhle von Lascaux für die Öffentlichkeit unzugänglich.
  • Es wurden drei Repliken angefertigt, eine davon wird in einer Wanderausstellung gezeigt.
  • Die ist nun bis zum 8. September in der Kleinen Olympiahalle in München zu sehen.
Von Martin Bernstein

Am Ende wartet der Tod. Mit einem wilden Schnauben wirft der waidwund von einem Speer getroffene Wisent seinen mächtigen Schädel herum. Das Tier hat keine Überlebenschance - aus einer riesigen Bauchwunde quellen bereits die Gedärme. Doch mit einem letzten Stoß der mächtigen Hörner trifft das Rind noch seinen Jäger. Tödlich getroffen sinkt auch der nach hinten zu Boden. Der Vogel des Todes zeigt es an: Auch der Mensch wird diesen Jagdtag nicht überleben.

Die Szene bildet den spektakulären Höhepunkt einer Ausstellung in der Kleinen Olympiahalle. "Lascaux - die Bilderwelt der Eiszeit" soll gezeigt werden. Die originale, etwa 250 Meter lange Höhle, liegt in der südwestfranzösischen Dordogne. Doch außer ein paar Wissenschaftlern haben seit 1963 überhaupt keine Menschen mehr die Originale der Höhlenmalereien gesehen. Damit die Ausdünstungen und der Atem Hunderttausender Besucher die urgeschichtliche Kunst nicht zerstören, wurde die Höhle in den Dornröschenschlaf zurückversetzt, in dem sie sich nach einem Bergsturz vor etwa 17 000 Jahren befand. Bis sie am 12. September 1940 von vier jungen Männern, Marcel Ravidat, Jacques Marsal, Georges Agnel und Simon Coencas, wiederentdeckt wurde. Seit 1979 gehört die Höhle von Lascaux zum Unesco-Weltkulturerbe.

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Damit die Menschheit an diesem Erbe teilhaben kann, ohne es zu zerstören, wurden inzwischen drei Repliken angefertigt, "Lascaux II-IV" genannt. Die zweite Teilnachbildung ist in Form einer Wanderausstellung seit 2012 auf Reisen. Zum ersten Mal gastiert sie nun im deutschsprachigen Raum. Wer in dem dunklen Gang steht und beobachtet, wie durch eine geschickte Lichtregie die Bilder aus der Eiszeit vor ihm auftauchen, wie feine Linien zunächst andeuten, was alles zu sehen sein wird, wie dann immer mehr Tiere - Wisente, Wildpferde, Auerochsen, Hirsche, eine schwarze Kuh, ein Wollnashorn - vor ihm Gestalt und Farbe annehmen und schließlich die Höhlenwände bevölkern, den überkommt ein Gefühl der Ehrfurcht, als stünde er in der echten Höhle, die der Ersterforscher Abbé Breuil als "Sixtinische Kapelle der Frühzeit" bezeichnete.

Es spricht eigentlich alles dafür, dass man sich durch eine Ausstellung bewegt: die Geländer, die Sitzbänke, die erklärenden Tafeln, die Multimedia-Stationen, die um die nächste Ecke auf den Besucher warten. Und ja, der Kopf weiß natürlich, dass nichts echt ist - dass die Felsen auf eine Polyesterform aufgetragenes Steinimitat sind, dass moderneste Laserscannertechnik am Anfang der Rekonstruktion und die Kunstfertigkeit von Malern des 21. Jahrhunderts an ihrem Ende standen. Und doch ...

Die originalen Kunstwerke in der Höhle in der südwestfranzösischen Dordogne sind seit 1963 nur noch für Wissenschaftler zugänglich.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Wer in grauer Vorzeit die Jagdszene mit schwarzem Manganoxid an die Höhlenwand gemalt hat, weiß niemand. Ebenso wie niemand weiß, was die Szene wirklich bedeuten soll. Ist es tatsächlich das Bild einer tödlichen Begegnung zwischen Mensch und Tier? Oder ist ein Schamane mit seiner Vision und seinem Totemtier zu sehen? War es ein Jagdzauber? Warum ist dann aber das Tier, von dem die vorgeschichtlichen Bewohner der Dordogne sich vor allem ernährten, das Ren, nur ein einziges Mal in Lascaux abgebildet, dafür aber zum Beispiel eine ganze Galerie von Raubkatzen? Welche Bedeutung hat das zottelige Wollhaarnashorn, das der Szene den Rücken zukehrt? Und was sollen die sechs regelmäßigen, kurzen schwarzen Striche daneben aussagen und die rund 500 geometrischen Zeichen, die zwischen den 950 Tierdarstellungen in Lascaux zu entdecken sind - und die sich so oder so ähnlich auch an vielen anderen Felsbildorten rund um den Globus wiederfinden.

Modelle, gekleidet in Felle

Staunend steht der Betrachter vor diesem rätselhaften Universum. Eine fremde Welt, nicht nur, weil sie aus dem Dunkel von Höhlengängen in den modernen Zweckbau der Olympiahalle geholt wurde. Doch zugleich wartet die Münchner Ausstellung mit einer überraschenden Erkenntnis auf: Die prähistorischen Künstler waren Menschen wie wir. Der "Cro-Magnon-Mensch" des Eiszeitalters ist biologisch nicht vom modernen Menschen zu unterscheiden - Homo sapiens sapiens der eine wie der andere. Am Ende des Höhlengangs sitzt eine junge Frau, die gerade ihre Tochter schminkt. Jeden Moment, so erwartet man, werden die beiden aufstehen. Es sind Modelle. Gekleidet in Felle, doch mit Gesichtern, die nicht anders aussehen als die der Betrachter.

Wie "sapiens", also: weise unsere direkten Vorfahren schon vor Jahrzehntausenden waren, zeigt eine Multimedia-Station in der Ausstellung. Eben hat man im Höhlengang noch das realistische Bild einer sich bewegenden Kuh bewundert. Jetzt kann man das Gemälde aus der Perspektive des Künstlers sehen, der im Liegen malen musste. Und der offenbar die Gesetze der Perspektive schon kannte, die erst viele Jahrtausende später wiederentdeckt wurden. Er hat seine Kuh verzerrt auf den gekrümmten Felsen gemalt - damit sie vom Betrachterstandpunkt aus dann die richtigen Proportionen bekommt.

Seit 2012 tourt die Ausstellung durch die Welt. Nun ist sie erstmals im deutschsprachigen Raum zu sehen.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Das Ausstellungsteam von SC Exhibitions hat gut daran getan, sich nicht auf die Magie der Bildrepliken allein zu verlassen. Zum sinnlichen Erlebnis in den dunklen Räumen kommt der Aha-Effekt an den Lernstationen und beim Blick aufs "Making of" des Höhlenimitats. Ein weiterer Raum bindet die Höhle von Lascaux in die weltweite Geschichte der Steinzeitkunst ein. Eine Kunst, die lange Jahre als viel zu perfekt galt, um echt sein zu können. Wie die Malereien der 1879 entdeckten Grotte von Altamira (die schon seit 1962 als Nachbildungen in einem künstlichen "Höhlenraum" im Deutschen Museum gezeigt werden). Der Historiker Wilfried Seipel, einst Chef des Kunsthistorischen Museums Wien, hat als Berater dafür Sorge getragen, dass die Lascaux-Schau um Steinzeit-Figuren aus der Schwäbischen Alb und aus Österreich ergänzt wurde. Schließlich handle es sich "um das erste Auftauchen künstlerischer und religiöser Äußerungen", mithin die älteste Kunst der Welt.

Der unbekannte Künstler der dramatischen Jagdszene in Lascaux hat sein Werk unter größten Mühen gefertigt. Er stand nämlich, während er malte, nicht mit beiden Beinen auf ebenem Boden, wie es die Besucher der Kleinen Olympiahalle tun können. Er hing an einem Seil gesichert in einem Schacht. Im Licht einer Sandsteinlampe malte er die dramatische Begegnung von Mensch und Tier. Offenbar ein Bild mit besonderer Bedeutung - die einzige Darstellung eines Menschen in der gesamten Höhle. Die Frage nach dem "Warum" kann nach 17 000 Jahren niemand definitiv beantworten. Professor Seipel findet das aber nicht schlimm, im Gegenteil: "Das ist ja gerade das Spannende."

Lascaux - die Bilderwelt der Eiszeit. Kleine Olympiahalle. 10-17 Uhr, montags geschlossen - außer an Feier- und Ferientagen. An allen Osterfeiertagen ist also geöffnet. 16,90 Euro für Erwachsene, 7,90 Euro für Kinder/ Schüler. Ermäßigung für Familien und Schulklassen.

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