Tanzlehrerin für Hochzeiten„Ich liebe es, wenn ich komplett freakige Wünsche bekomme“

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Hochzeitspaare tanzen längst nicht mehr nur Walzer (Symbolfoto).
Hochzeitspaare tanzen längst nicht mehr nur Walzer (Symbolfoto). (Foto: David Pereiras/imago/Westend61)

Profi-Tänzerin Lucy Lüttjohann-Reinwardt übt mit Paaren den Hochzeitstanz. Über spektakuläre Hebefiguren, die bei Hochzeiten trenden, und Songs, die Gäste auf die Tanzfläche ziehen.

Von Laura Geigenberger

Nach 14 Sekunden ist Lucy Lüttjohann-Reinwardt in ihrem blau-gelben Kostüm das erste Mal in Großaufnahme zu sehen: Einlauf mit Tanzpartner, synchronisierte Posen, dann Freestyle bis zu Beginn der Gruppen-Choreografie. „Krass“, sagt sie über diese Erfahrung auf dem runden Podest im Mittelkreis der Allianz Arena – als eine von zehn Hauptakteuren, die am Abend des 14. Juni 2024 mit einer bunten Zeremonie die Fußball-Europameisterschaft eröffneten, vor rund 70 000 Zuschauern im ausverkauften Stadion und einem Millionenpublikum vor dem Fernseher.

„An diesem Ort vor so vielen Leuten zu stehen, und dann auch noch auf der Bühne, das war richtig irre – eine der krassesten Sachen, die ich gemacht habe“, so Lüttjohann-Reinwardt. Mehr als 200 Akrobaten, Tänzer und Fahnenträger standen an diesem Abend auf dem Rasen; Tausende hatten sich zuvor bei Castings beworben. Dass ausgerechnet sie für die Bühne ausgewählt wurde, lässt sie auch rückblickend noch ungläubig den Kopf schütteln, denn das professionelle Tanzen ist nur der kleinere Teil ihres Berufslebens.

Lucy Lüttjohann-Reinwardt ist Hochzeitstanztrainerin.
Lucy Lüttjohann-Reinwardt ist Hochzeitstanztrainerin. (Foto: Robert Haas)
Lucy Lüttjohann-Reinwardt bei der Tanzarbeit.
Lucy Lüttjohann-Reinwardt bei der Tanzarbeit. (Foto: privat)

Eigentlich arbeitet die 32-Jährige aus München-Trudering vor allem als private Tanztrainerin und Choreografin – sie hat sich darauf spezialisiert, Hochzeitstänze „maßzuschneidern“, ganz individuell nach den Vorstellungen, Musikwünschen und dem Selbstvertrauen der Verlobten. Etwa 20 künftige Ehepaare, sagt Lüttjohann-Reinwardt, hat sie so durch das vergangene Jahr begleitet, für sie Choreografien ausgearbeitet, mit ihnen Schrittfolgen und Figuren für den großen Tag geübt. Statt wie üblich im Tanzstudio probt sie mit „ihren“ Heiratswilligen dort, wo die sich am wohlsten fühlen: zwischen Couch und Esstisch im eigenen Wohnzimmer.

„Es ist ein ganz besonderes Gefühl, im eigenen Heim zu tanzen – das ist total intim, also auch ein großer Vertrauensbeweis der Paare an mich“, sagt sie. Auf die Idee sei sie anfangs eher zufällig gekommen, nachdem sie einmal ein Kunde um einen „Hausbesuch“ gebeten habe; inzwischen ist diese Art des Unterrichtens zum Herzstück und Merkmal ihrer Arbeit geworden. Lüttjohann-Reinwardt bezeichnet sich deshalb selbst als „mobile Tanzlehrerin“.

„Man kann den Leuten dadurch viel mehr ermöglichen, zum Beispiel, wenn sie kleine Kinder haben. Oder, wenn man noch gar keine Erfahrung hat und sich unsicher fühlt, ist es zu Hause natürlich viel entspannter und stressfreier als in einer fremden Umgebung“, sagt sie. Auf Platz oder Ausstattung komme es ihr dabei überhaupt nicht an. „Drei Meter reichen für den Hochzeitstanz“, sagt Lüttjohann-Reinwardt. „Keiner wohnt in einem Palast.“

Die 32-Jährige mit kenianischen Wurzeln versteht Tanz als Ausdrucksform, als Entspannung, Erlebnis – und als Weg, die eigene Gefühlswelt und den Körper immer wieder neu zu erfahren. „Und jeder, wirklich jeder, kann das Tanzen lernen“, sagt sie. „Das erste, was Babys machen, ist herumhüpfen und ‚bouncen‘. Die denken halt nur noch nicht so viel drüber nach.“

Lüttjohann-Reinwardt selbst entdeckte als Zehnjährige den Tanz für sich, in einer Hip-Hop-AG an ihrer Schule in Dortmund, wo sie zunächst aufwuchs. Als ihre Familie kurz darauf nach München zog, fand sie vor allem in einer Tanzschule in der Innenstadt Anschluss. „Das Studio war mein zweites Zuhause“, erinnert sie sich. Dort lernte sie auch das Unterrichten und ließ sich schließlich über drei Jahre hinweg offiziell ausbilden. Seit 2015 ist sie eine qualifizierte Lehrkraft des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes (ADTV) für Hip-Hop, Gesellschafts- und Kindertanz.

„Seitdem bin ich nur noch am Tanzen“, sagt Lüttjohann-Reinwardt. Neben ihrer Selbstständigkeit als mobile Tanzlehrerin, die sie unter ihrem kenianischen Namen Lucy Gathoni betreibt, gibt sie wöchentlich Kurse in Hip-Hop und Afro Dance, nimmt als Formationstrainerin und Tänzerin international an Meisterschaften teil und unterrichtet Bewegungsgrundlagen in Kindergärten sowie Schulen. Für ihre Zweitkarriere als Profi-Tänzerin ließ sie sich vergangenes Jahr in den USA fortbilden; heuer stand sie unter anderem für Shows am Deutschen Theater sowie am Gasteig auf der Bühne.

„Viele denken, dass man so was nur nebenher macht und noch einen ‚richtigen Job‘ hat, aber es ist tatsächlich mein Hauptberuf – es ist sehr zeitintensiv und es steckt sehr viel Arbeit und Herzblut drin“, sagt die 32-Jährige. Die Nachfrage an Unterricht steigt ihr zufolge seit Jahren; nicht zuletzt, weil Tanzen durch die sozialen Medien wieder stark im Trend liege.

Auch die Hochzeitsrituale haben sich dadurch verändert. Fast 200 Jahre lang dominierten klassische Tänze wie der Wiener oder langsame Walzer. Mittlerweile haben Videos wie das auf YouTube 106 Millionen Mal geklickte „JK Wedding Entrance Dance“, bei dem ein Brautpaar in Sonnenbrillen den Kirchengang entlang tanzt, oder TikToker wie der Amerikaner Tag Williams, der seine Braut mit einer spektakulären Choreografie überraschte, kreative, humorvolle und vor allem internettaugliche Choreografien populär gemacht.

Hochzeitstänzer beim Training im Grünen.
Hochzeitstänzer beim Training im Grünen. (Foto: privat)

„Ich habe einige Paare, die zum Beispiel Figuren ausprobieren wollen, die sie auf TikTok oder Instagram gesehen haben. Oder es gibt den ‚Hit des Jahres‘ – den einen viralen Song, auf den alle tanzen wollen“, erzählt Lüttjohann-Reinwardt. Häufige Wünsche seien zum Beispiel einfache Hebefiguren, die im klassischen Walzer eigentlich nicht vorkommen, aber spektakulär wirken. Die „Streckhebung“ beispielsweise: ein Partner springt leicht nach oben und macht sich lang, während ihn der andere an Taille oder Hüften stabil hält und kurz über den Boden schweben lässt.

Bei den modernen „Hochzeits-Hits“ liegen vor allem Songs wie „Perfect“ von Ed Sheeran, „All of Me“ von John Legend oder aktuell  „Ordinary“ von Alex Warren vorn, zu dem es sogar eine „Wedding Version“ gibt. Lüttjohann-Reinwardt selbst schwärmt außerdem für sogenannte Mash-ups, die romantisch beginnen und dann in Party-Hits übergehen. „So was holt die Gäste nach dem Tanz des Brautpaares viel einfacher auf die Fläche.“

Sobald die Musik feststeht, setzt die Tanzlehrerin aus Grundschritt-Varianten, Figuren und passenden Posen eine individuelle Choreografie zusammen, abgestimmt auf die Vorlieben und Fähigkeiten des Paares und mit Blick auf das Hochzeitsoutfit. „Vor allem Bräute haben ja oft sehr individuelle Kleider: mit Schleppe, oder sie können sich gar nicht drehen oder nicht die Arme heben“, so Lüttjohann-Reinwardt. „Ich liebe es, wenn ich komplett freakige Wünsche bekomme oder das ein oder andere lustige Ding einbauen kann.“ Bei einem Paar etwa habe die komplette Playlist aus Rock-Songs bestanden. Ein Partner lernt das Führen, der andere das Folgen. Die meisten ihrer Kundinnen und Kunden seien tänzerische Anfänger, manche hätten lediglich in der Jugend mal einen Grundkurs besucht.

Jetzt im Winter sei für sie die ruhigste Zeit ihres Jahres, sagt Lucy Lüttjohann-Reinwardt, denn die meisten Hochzeitsfeiern fänden zwischen April und September statt. Sie freue sich aber bereits auf die neue Saison und darauf, in möglichst vielen weiteren Wohnzimmer zu tanzen. Im neuen Jahr wolle sie sich neben Hochzeiten verstärkt auf die Ballsaison und Firmenveranstaltungen konzentrieren und zusätzlich Gruppenstunden für befreundete Paare anbieten, „als schöne Abend-Aktivität“, wie sie es nennt.

„Gerade bei viel beschäftigten Leuten ist es immer toll zu sehen, dass sie miteinander menschlich sein und Spaß haben können. Das berührt mich jedes Mal“, so Lüttjohann-Reinwardt. „Ich glaube auch, das ist etwas, das mache ich, bis ich alt bin – ich werde noch als Seniorin anderen Leuten das Tanzen beibringen.“

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