Petition im Landtag:Lehrbeauftragte fordern Reform

Petition im Landtag: An der Musikhochschule München waren Ende 2019 278 Lehrbeauftragte tätig. Ohne Festanstellung haben sie keinerlei Anspruch auf Weiterbeschäftigung.

An der Musikhochschule München waren Ende 2019 278 Lehrbeauftragte tätig. Ohne Festanstellung haben sie keinerlei Anspruch auf Weiterbeschäftigung.

(Foto: Stephan Rumpf)

Viele Mitarbeiter an Münchens Hochschulen wollen sich nicht länger mit ihren prekären Beschäftigungen abfinden. In einer Petition setzen sie sich für eine Veränderung der Arbeitsverhältnisse ein.

Von Sabine Buchwald

Noch gut zwei Wochen, dann wird Hans-Christian Hauser, 58, auch diesen Job verloren haben. Auf der Webseite der Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen ist er noch als stellvertretender Sprecher aufgeführt. Auf einem Foto sieht man ihn neben seinen Kollegen stehen. Hauser aber ist seit einem Jahr nicht mehr Lehrbeauftragter an der Münchner Hochschule für Musik und Theater (HMTM) und wird es auch in diesem Wintersemester nicht sein. Deshalb wird seine ehrenamtliche Tätigkeit als Sprecher bei der Bundeskonferenz nun ebenfalls enden. Dabei könnte die Vertretung der Lehrbeauftragten, die vor gut zehn Jahren gegründet wurde, einen wie ihn gut gebrauchen. Denn Hauser ist zäh, kennt sich in diesem Thema bestens aus und gibt so schnell nicht auf. "Ich bin unbequem", sagt er von sich. Und dass er immer politischer geworden sei in all den Jahren, in denen er vergeblich auf eine Festanstellung an der HMTM gehofft habe.

Am 16. Juli reichte Hauser über die Deutsche Orchestervereinigung eine Petition im Landtag ein. Mehr als 30 Jahre unterrichtete er an der Musikhochschule an der Arcisstraße. Er hat dort auch studiert, sich auf jüdische und slawische Musik spezialisiert, und liebend gerne hätte er mit einer halben Stelle, wie er sagt, seinen Lebensunterhalt abgesichert. Aber Hauser blieb immer nur Lehrbeauftragter ohne arbeitsrechtlichen Status. Er hat wie alle Lehrbeauftragten an Hochschulen - anders als Professoren oder festangestellte Dozenten - keinerlei Anspruch auf Weiterbeschäftigung.

Nach Auskunft der Musikhochschule waren Ende 2019 dort 278 Lehrbeauftragte tätig und haben 38,39 Prozent der Lehre abgedeckt. Zum Vergleich: An der Hochschule für angewandte Wissenschaften sind etwas mehr als 700 Lehrbeauftragte tätig, an der Technischen Universität 650. Ihnen allen könnte wohl jederzeit dasselbe wie Hauser widerfahren. Darum setzt er sich in der Petition nicht nur für seine eigene Wiederbeschäftigung ein, sondern möchte eine generelle Veränderung der Lage an Hochschulen bewirken.

Hauser will sogar eine "Initiative zur Reform der Hochschulen, zur rechtlichen Situation von Lehrbeauftragten mit ausgewogenen Rechten und Pflichten und Zugang zum arbeitsrechtlichen Rechtsweg" starten, heißt es in der Petition. Eine solche Reform sei eine "gesetzgeberische Aufgabe" und auch "eine Aufgabe der zuständigen Staatsministerien". Deshalb wendet sich Hauser nun an den bayerischen Landtag mit einer Beschwerde über den Musikhochschulpräsidenten Bernd Redmann, den Nachfolger von Siegfried Mauser.

Petition im Landtag: Präsident der Musikhochschule in München: Bernd Redmann.

Präsident der Musikhochschule in München: Bernd Redmann.

(Foto: Robert Haas)

Hauser wurde noch von dessen Vorgänger Robert M. Helmschrott eingesetzt. Der 58-jährige Pianist und Organist, Chorleiter und Kirchenmusiker, der komponiert und dirigiert, empfindet das hierarchische System als ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Es verderbe die Stimmung und untergrabe die Kreativität, sagt er. Die Lehrbeauftragten seien so verängstigt, dass sie sich nicht trauten, den Mund aufzumachen. Sie bangten um jede Unterrichtsstunde, man konkurriere um die Studierenden, anstatt sich gegenseitig zu unterstützen.

Die Online-Lehre im vergangenen Sommersemester, die womöglich in den kommenden Monaten aufgrund der Pandemie erneut überwiegend nötig sein wird, hat die Situation der Lehrbeauftragten noch verschärft. Wie alle Lehrenden der Musikhochschule hätten sie ihre Aufgaben auf digitalem Weg erfüllt und konnten die erbrachten Stunden wie gewohnt abrechnen, heißt es von der HMTM auf Nachfrage. Für die Lehrbeauftragten habe sich durch die Pandemie an der Hochschule nichts geändert.

Dieser letzte Satz aber dürfte so nicht ganz korrekt sein. Die unvorhergesehene Online-Lehre allerorten war nur mit wesentlichem Mehraufwand für die Dozenten zu bewerkstelligen - und das gilt auch weiterhin. Lehrbeauftragte aber bekommen nur ihre Lehrstunden vergütet, Überstunden sind in diesem System nicht vorgesehen.

An der dazugehörigen Ballett-Akademie der HMTM wurde bis vor Kurzem mit freiberuflichen Korrepetitoren gearbeitet. Um für sie sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, bekam die Hochschule zusätzliche Mittel vom bayerischen Wissenschaftsministerium. Zu Beginn des Studienjahres 2020/2021, das im September startete, konnten nun "vollumfänglich sichere Beschäftigungsverhältnisse" geschaffen werden, erklärt eine Sprecherin.

Was an sich positiv klingt, hatte zur Folge, dass sich altgediente Lehrbeauftragte einem Bewerbungsverfahren unterziehen mussten und nicht einfach übernommen wurden. Die HMTM habe sich bemüht, möglichst vielen Personen mit Teilzeitkonstellationen eine Beschäftigung zu ermöglichen, heißt es dazu aus der Hochschule. Aber eben nicht allen. Eine anfangs kritische Repetitorin, die sich gegen dieses Verfahren nach vielen Jahren als Lehrbeauftragte öffentlich wehren wollte, zog letztlich ihre Aussagen zurück und bat die SZ um Verschwiegenheit.

Nicht so Hans-Christian Hauser. Er sei sich wohl bewusst, dass sein Spezialgebiet, slawische und jüdische Musikkultur, nicht die breite Masse an Studierenden anziehe, sagt er. Doch wie solle das Interesse dafür wachsen, wenn man keinen Nachwuchs ausbilde? Er arbeite sehr gerne mit jungen Leuten, sagt Hauser. Er hat ihnen in der Vergangenheit mit seinen Projekten auch außerhalb der Hochschule Möglichkeiten geboten. In Isny etwa, wo Hauser Künstlerischer Leiter des dortigen Opernfestivals ist. Hauser hat einen Namen in der Musikszene auch über deutsche Grenzen hinaus.

Die Petition ging mit 30 Empfehlungsschreiben an den Landtag. Neben Sängern und Professoren verschiedener Hochschulen im In- und Ausland setzen sich auch Thomas Goppel, Präsident des Bayerischen Musikrates, Jan Mühlstein, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Synagoge Beth Shalom und Ludwig Spaenle, Antisemitismus-Beauftragter der bayerischen Staatsregierung, für Hauser ein. Am 7. Oktober kommt sein Fall und sein Ansinnen vor den Wissenschaftsausschuss des Landtags.

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