Ausstellung in München:Als die Justiz Hitler eine Bühne bot

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"Protokoll eines Justizversagens - 100 Jahre Hitler-Prozess" heißt die neue Ausstellung unter der Lichtkuppel des Justizpalastes. (Foto: Stephan Rumpf)

Vor 100 Jahren standen in München Teilnehmer des Hitler-Putsches vor Gericht. An das Skandal-Urteil erinnert eine Ausstellung im Justizpalast - mit mysteriösen Stühlen.

Von Ulrike Heidenreich

Wie "das Gesetz in der Luft hängt" kann man sich in diesen Tagen bildlich ansehen. Im Justizpalast am Stachus, unter der stattlichen Lichtkuppel, schweben Stühle von oben herab. Es ist eine Installation, die der Kabarettist Christian Springer hat zusammenzimmern lassen - als Teil der Ausstellung "Protokoll eines Justizversagens - 100 Jahre Hitler-Prozess".

Stühle deshalb, weil Adolf Hitler am 8. November 1923 im damaligen Bürgerbräukeller, dort, wo heute der Gasteig seiner Sanierung harrt, auf einen Stuhl gestiegen war, einen Pistolenschuss in die Decke gefeuert und die "Nationale Revolution" ausgerufen hatte. Der Putsch scheiterte, weder die bayerische Regierung noch die Reichsregierung wurden, wie von den Umstürzlern gefordert, abgesetzt. Die Anklage gegen Hitler, Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff und weitere acht Personen lautete später, am 26. Februar 1924, auf Hochverrat.

Der Prozess damals ging nicht im Justizpalast über die Bühne, sondern in der ehemaligen Infanterieschule in der Blutenburgstraße. Ein Schauspiel, das der Historiker Reinhard Weber in seiner Einlassung zur Ausstellungseröffnung als Beispiel für "krasse Rechtsbeugung" bezeichnete. Hitler galt als "unangefochtener Star des Prozesses", kam mit einem milden Urteil von fünf Jahren Festungshaft davon, von denen er nur neun Monate im Landsberger Gefängnis absitzen musste.

"Die Justiz hat damals eine unrühmliche Rolle gespielt und Hitler nicht gestoppt, obwohl es ihre Pflicht gewesen wäre. Sie hat es zugelassen, dass Hitler den Gerichtssaal als Bühne für seine menschenverachtende Propaganda nutzen und sogar noch davon profitieren konnte", sagte Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) am Montagabend. Der Blick in die Vergangenheit helfe, klug zu handeln, um die Demokratie krisenfest aufzustellen gegen Extremismus - auch in Anbetracht der drei anstehenden Landtagswahlen im Herbst.

Eröffneten die Ausstellung im Justizpalast: Justizminister Georg Eisenreich (links), die Präsidentin des Landgerichts München I, Beatrix Schobel, und Kabarettist Christian Springer. (Foto: Stephan Rumpf)

Bereits im vergangenen Jahr war ein anderes Projekt, das das Bewusstsein für NS-Unrecht schärfen soll, im Justizpalast auf den Weg gebracht worden: die neu konzipierte Dauerausstellung "Willkür im Namen des Deutschen Volkes", die die Prozesse und Todesurteile gegen die Geschwister Scholl, Christoph Probst, Willi Graf, Kurt Huber und Alexander Schmorell, die Widerstandskämpfer der Weißen Rose, aufarbeitet. Bereits 3000 Besucher sahen die Ausstellung.

Die Stühle werden bis zum 5. Juli im Justizpalast in der Prielmayerstraße 7 ausgestellt. Christian Springer hat sie gemeinsam mit seiner Initiative "Schulterschluss" initiiert, die sich gegen Hatespeech und Gewaltbereitschaft, Fremdenfeindlichkeit und Demokratiemüdigkeit einsetzt. "Wer Extremisten erlaubt, Recht zu sprechen, wird Demokratie, Wohlstand und das friedliche Zusammenleben zerstören", so der Kabarettist und Autor, der erzählte, dass er vor einigen Jahren ganz alleine eine größere NPD-Kundgebung auf dem Marienplatz gesprengt habe - "ich sag' jetzt nicht wie, damit ich's wieder tun kann".

Die Stühle, die von der Kuppel schweben, sind falsch zusammengebaut worden, dienen nicht ihrer Funktion. Darauf Platz nehmen kann niemand - und unerreichbar sind sie auch, weil sie so hoch hängen. "Die Montageanleitung wurde missachtet. Genauso wie die gesetzlichen Vorgaben im Rahmen des Hitler-Prozesses durch die Richter", so Springer. Sinnbild für das bestehende Gesetz, das es in der Weimarer Republik ja noch gab, ist ein einziger oranger Stuhl, er ist richtig zusammengebaut.

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