HistorieWie bayerische Herrscher um die Macht in München rangen

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Kurfürst Maximilian I. ließ die Mariensäule auf Münchens zentralem Platz errichten – ein Ausdruck seines Anspruchs, Herr über die Stadt zu sein.
Kurfürst Maximilian I. ließ die Mariensäule auf Münchens zentralem Platz errichten – ein Ausdruck seines Anspruchs, Herr über die Stadt zu sein.
Robert Haas

Ein neues Buch untersucht den Wandel von einer bürgerlich zu einer fürstlich geprägten Residenzstadt. Welche Bedeutung dabei die Mariensäule hatte und welche Rolle die patrizische Oberschicht spielte.

Von Wolfgang Görl

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Seit zwanzig Jahren verwüstet der Krieg die deutschen Regionen, und keiner derjenigen, die am 7. November 1638 auf dem zentralen Marktplatz der Stadt München versammelt sind, dürfte ahnen, dass das Gemetzel noch zehn Jahre fortdauern würde. An diesem Tag lässt Kurfürst Maximilian I. eine Votivsäule einweihen, die eine Plastik der Heiligen Maria, der Patronin Bayerns, trägt. Vordergründig dankt der Kurfürst damit der Muttergottes, dass Landshut und vor allem seine Residenzstadt München der Zerstörung entgangen sind, trotz der zwischenzeitlichen Besetzung durch schwedische Truppen.

Doch die Mariensäule verkörpert eine zweite, eine politische Botschaft: Der Kurfürst demonstriert seinen Anspruch, Herr über die Stadt zu sein. Nicht der die Bürgerschaft repräsentierende Magistrat hat das Sagen, sondern er, der Landesherr. Dies unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen, hat er sein marienfrommes Herrschaftszeichen mitten auf den Hauptplatz der Bürgergemeinde gestellt – und damit jahrhundertealte städtische Privilegien verletzt. Eine Provokation!

Herzog und Kurfürst Maximilian I. von Bayern
Herzog und Kurfürst Maximilian I. von Bayern
Stadtarchiv München

Maximilians Machtdemonstration geschah in der letzten Phase einer Entwicklung, die in einem Zeitraum von etwa 300 Jahren mal schleichend, mal abrupt das Herrschaftsgefüge der Stadt veränderte. In dieser Zeit wandelte sich München von einer bürgerlich zu einer fürstlich dominierten Stadt. Wie das im Einzelnen vor sich ging, ist im jüngst im Pustet-Verlag erschienenen Buch „Fürst und Residenzstadt“ nachzulesen, das der Historiker Hubertus Seibert herausgegeben hat.

In zwanzig Beiträgen untersuchen darin die Autorinnen und Autoren, allesamt Experten im Fach Geschichte, wie fürstlicher Hof und städtisch-bürgerliche Gesellschaft aufeinander einwirkten, und warum sich die Kräfteverhältnisse im Laufe der Zeit zugunsten der Wittelsbacher Herrscher veränderten. Bei den jeweiligen Arbeiten handelt es sich um Vorträge, die während der interdisziplinären wissenschaftlichen Tagung „Fürstliche Residenz und städtische Gesellschaft (1350–1650)“ im September 2022 in München gehalten wurden.

Im Fokus der wissenschaftlichen Untersuchungen steht dabei München, doch blicken die Autoren zu Vergleichszwecken mitunter auf andere Residenzstädte wie Berlin/Cölln, Innsbruck, Brixen oder Heidelberg. Auch wenn es regionale Unterschiede gibt, gilt generell, was Hubertus Seibert in seiner Einführung resümierend feststellt: „Von der immer engeren Vernetzung zwischen Fürstenhof und Stadtgesellschaft seit dem 14./15. Jahrhundert gingen vor allem wirtschaftliche, soziale und kulturelle Impulse aus, die Konsum, Gewerbe und Warenverkehr förderten, eine weitere Differenzierung der städtischen Gruppen bewirkten und das urbane Erscheinungsbild baulich und kulturell nachhaltig veränderten.“

In seinem Beitrag „Ratsverfassung und Münchner Patriziat im Wandel“ schildert Michael Stephan, der ehemalige Leiter des Stadtarchivs, das sich wandelnde Verhältnis des Stadtherrn zur Führungselite der städtischen Gesellschaft, der patrizischen Oberschicht. Diese verdankte ihren Reichtum dem Handel, und als Mitglieder des „Inneren Rats“ bestimmten die vermögenden Kaufleute bereits im 13. Jahrhundert wesentlich die Geschicke der Stadt. „Sehr früh“, schreibt Stephan, „kristallisierten sich etwa 20 bis 30 Bürgergeschlechter heraus, die vor allem die 12 Sitze des Inneren Rats, aber auch einen Teil der 24 Sitze des Äußeren Rats innehatten.“

Allerdings gab es innerhalb dieser Oligarchengruppe auch Konflikte, die in den Jahren zwischen 1397 und 1403, verquickt mit Machtkämpfen im Hause Wittelsbach, sogar in einen Bürgerkrieg mündeten. Einer der Beteiligten, der Patrizier und vorübergehend verbannte Ratsherr Jörg Kazmair, hat die damaligen Ereignisse, die zu einem, allerdings nicht nachhaltig wirksamen Umsturz geführt hatten, aus seiner Sicht niedergeschrieben.

Diese Aufzeichnungen dienen Gerhard Fouquet als – mit kritischer Vorsicht zu betrachtende – Quelle, um Vorgeschichte und Verlauf dieser soziopolitischen Krise zu schildern. Ebenfalls mit der Revolte von 1397 beschäftigt sich Emanuel Lechenmayr in seinem Beitrag „Konflikte zwischen Stadt und Herzögen“. Als zwei der Ursachen sieht er schon länger schwelende Konflikte um die fürstliche Steuerpolitik und die städtischen Autonomierechte sowie persönliche Verbindungen der alten Ratsgeschlechter zu den Herzögen von Bayern-München.

Der städtische Fest- und Tanzsaal im Obergeschoss des heutigen Alten Rathauses.
Der städtische Fest- und Tanzsaal im Obergeschoss des heutigen Alten Rathauses.
Staatliche Graphische Sammlung München

Einige der alten Patrizierfamilien wie die Tulbeck oder die Sendlinger starben um 1500 aus, andere, so Michael Stephan, zogen sich auf ihre Landgüter zurück, wo sie einen quasi aristokratischen Lebensstil pflegten. Dies erleichterte die Bestrebungen der Landesherren, die Stadt unter ihre Fuchtel zu bekommen. Stephan schreibt: „Die führenden Repräsentanten der Bürgerstadt fühlten sich im 17. Jahrhundert schon eher als Teil der höfischen Sphäre und zeigten sich daher gar nicht mehr an der Förderung einer eigenständigen bürgerlich-städtischen Kultur interessiert.“

Ein wichtiger Moment dieser Entwicklung war das Jahr 1506, in dem die bayerischen Teilherzogtümer unter Albrecht IV. wieder zu einem Herzogtum zusammengelegt wurden. Als Haupt- und Residenzstadt des vereinigten Herzogtums Bayern rückte München nun noch mehr ins Blickfeld der Wittelsbacher Herrscher. Die Zahl der Hofbediensteten, Hofhandwerker und Hofkünstler wuchs ständig, vor allem aber bemächtigten sich die Landesherren architektonisch des urbanen Raums.

„Das Herzogtum Bayern und seine Residenzstadt München“, schreibt Stephan Hoppe in seinem Beitrag, „erlebten unter Wilhelm V. (reg. 1579–1597) und seinem Sohn Maximilian I. (reg. 1597–1651) eine Phase bedeutender baukultureller Neuerungen.“ Als Beispiel nennt Hoppe den von Maximilian I. initiierten Erweiterungsbau der Residenz, einer der „Schlüsselbauten der Renaissancearchitektur in Europa“, als dessen geistigen Urheber er den Bildhauer und späteren Hofmaler Hans Krumpper ausmacht.

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Dass Maximilian, seit 1623 bayerischer Kurfürst, sowohl das öffentliche als auch das private Leben Münchens unter seine Herrschaft zu zwingen trachtete, zeigt Manfred Peter Heimers in seinem Beitrag „Stadtkultur in Zeiten der Krise“. Heimers kommt zu dem Schluss: „Zum bestimmenden Faktor in der bayerischen Haupt- und Residenzstadt hatte sich in der Mitte des 17. Jahrhunderts der kurfürstliche Hof entwickelt. Seinem zunehmend verschwenderischen Repräsentationsaufwand konnte, wollte oder durfte das kleingewerbliche Wirtschaftsbürgertum der Stadt kaum etwas entgegensetzen. Als Träger einer eigenständigen Kulturentwicklung fiel es bis in das 18. Jahrhundert hinein weitgehend aus.“

Neben diesen politischen und kulturellen Aspekten bietet das Buch auch erhellende Einblicke ins Wirtschaftsleben des alten Münchens, etwa den Salzhandel, die Trinkwasserversorgung, die Müllentsorgung oder das Geschäft mit Speisefischen, sowie Beiträge zum Status der Stadt als geistlich-religiöses Zentrum. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch weckt das Wort „Residenzstadt“ ja keine allzu dramatischen Assoziationen. Dass sich dahinter aber folgenreiche Spannungen und Konflikte verbergen, lehrt die Lektüre dieses kenntnisreichen Buches.

Hubertus Seibert (Herausgeber): Fürst und Residenzstadt. München und die Fürstenhöfe im Alten Reich (1350–1650). Verlag Friedrich Pustet. 408 Seiten.

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