Rokuro Suzuki war Friseur. Der 43 Jahre alte Familienvater betrieb einen Herrensalon in Hiroshima. Als die Bombe am Morgen des 6. August 1945 fiel, wurde er so schwer verletzt, dass er einen Monat nach der Bombardierung starb. Sein dreijähriger Sohn Mamoru und die einjährige Tochter Akiko kamen durch die Bombendetonation sofort ums Leben. Ihre Gebeine wurden in dem ausgebrannten Friseursalon gefunden. Der älteste Sohn, der zwölf Jahre alte Hideaki, und seine neunjährige Schwester Kimiko erlebten die Bombardierung in ihrer Schule. Schwer verletzt schleppte Hideaki seine Schwester bis zu einer Hilfsstation. Dort verliert sich Kimikos Spur. Ihr Bruder wurde evakuiert und kam zu Verwandten. Bald darauf begann er aus der Nase zu bluten, verlor seine Haare und starb. Rokuros Frau, die 33 Jahre alte Fujie, war schwer verletzt zu Verwandten geflüchtet. Als sie vom Tod ihrer Familie erfuhr, nahm sie sich das Leben.
Die Geschichte der Familie Suzuki – sie ist so singulär wie allgemeingültig für das, was am 6. August vor 80 Jahren in Hiroshima (und drei Tage später in Nagasaki) geschah. Denn vor 80 Jahren wurde die zerstörerischste Waffe eingesetzt, die Menschen je erfunden haben: die Atombombe. Und auch wenn zu jedem Jahrestag die Erinnerung daran wachgehalten wird, in Zeiten, in denen ein US-Präsident Atom-U-Boote „näher an Russland“ verlegt, sodass man das Gefühl hat, der Kalte Krieg kehre brennend heiß zurück, erhält der anstehende Jahrestag eine besondere Bedeutung.

Erzählt wird die Familiengeschichte in der Ausstellung „Vom Inferno zum Friedenssymbol“, die aktuell im Museum Fünf Kontinente in München zu sehen ist. Das Grundgerüst der Wanderausstellung mit vielen Fotoreproduktionen und Infografiken haben das Friedensgedächtnismuseum Hiroshima und das Atombombenmuseum Nagasaki konzipiert und seit 1995 weltweit in mehr als 60 Städten gezeigt. Immer wieder wurde die Wanderausstellung aktualisiert und ergänzt; in München, wo die Schau in Kooperation mit dem Japan-Zentrum der LMU realisiert wurde, unter anderem um die Geschichte der Suzukis.
Außerdem wird die Geschichte von Sadako erzählt, eines Mädchens, das während der qualvollen Jahre, in denen sie wegen ihrer Strahlenerkrankung um ihr Leben kämpfte, Papierkraniche faltete als Hoffnungssymbol. In der Ausstellung könnten Kinder und Jugendliche ebenfalls Kraniche falten, die aufgehängt werden.
Ein weiteres Projekt, das dokumentiert wird, ist das der künstlerischen Arbeiten von Schülerinnen und Schülern der Motomachi-Oberschule. Sie setzen die Erzählungen der Überlebenden, der Hibakusha, in Zeichnungen und Gemälde um und sind in ihrer kindlich-naiven Klarheit oft schockierend und berührend zugleich. Man fragt sich, wie die Kinder diese grausamen Details, die sie hier erfahren, emotional verarbeiten. Sind die Fakten doch schon für Erwachsene schwer erträglich.
Mehr als 100 000 Menschen kamen durch die beiden Atombombenabwürfe sofort ums Leben, viele Hunderttausende starben in der Folge an ihren Verletzungen oder durch die Spätfolgen der radioaktiven Strahlung. Die kleine Ausstellung erinnert nicht nur an die beiden Atombombenabwürfe und ihre Opfer, sie will auch ein Zeichen gegen den Einsatz von Nuklearwaffen ganz allgemein setzen.
Gleich am Anfang der Ausstellung gibt es eine Triggerwarnung: Denn manche der gezeigten Fotos von verletzten und entstellten Menschen sind nur schwer zu ertragen.

Die Ausstellung erzählt auch von den Hintergründen der Atombombenabwürfe der Amerikaner im Krieg gegen Japan im August 1945. Was sie dazu brachte, überhaupt über den Einsatz einer solch vernichtenden Waffe nachzudenken, wie sie die Abwurfziele in Japan auswählten, wie die Flugrouten ausgearbeitet wurden, warum es Hiroshima und Nagasaki traf, wann, wie und wo alles dokumentiert wurde. Sie informiert in Text- und Bildtafeln über die beiden Städte, zeigt Aufnahmen vor und nach den Abwürfen, historische Fotos aus japanischen Stadtarchiven und Fotos, die die Begleitflugzeuge der Bomber aufzeichneten. Dazu sind die Wände zum Teil mit den bekannten Aufnahmen der zerstörten Städte tapeziert. Am bekanntesten wohl die Kuppel des Gebäudes, das eine Art Handelskammer von Hiroshima war. Das ausgebrannte Stahlskelett der Kuppel ging als „Atombombendom“ in die Geschichte ein. Heute ist es ein Friedensdenkmal.
Die Bilder der aufsteigenden Atompilze nach den Abwürfen, die die US-Streitkräfte gemacht haben, sind ebenfalls raumhoch zu sehen. Davor Laternen, wie sie die Menschen in Japan alljährlich zur Mahnung in den Fluss setzen. Den Bildern ist noch immer eine gruselige Faszination zu eigen, die über Jahrzehnte die Menschen in ihren Bann schlug. Viele verklärende Erzählungen sind dazu entstanden. Aber auch viele mahnende. Das Theater, der Film, die Literatur, die Kunst und die Musik haben sich des Themas genommen. Von „Hiroshima, mon amour“ von Marguerite Duras, verfilmt von Alain Resnais, bis zu dem Song „Hiroshima“ von Wishful Thinking.
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Zum 80. Jahrestag in diesem Jahr erschienen viele Bücher, die sich mit den Atombombenabwürfen von 1945 beschäftigen. Unter anderem der im vergangenen Jahr erschienene Roman „Als die Welt zerstörbar wurde“ des Münchner Autors Ekkehart Baumgartner. Darin geht es um den sogenannten „Einstein-Brief“, den Alexander Sachs 1939 an Roosevelt überbrachte. Es war ein von dem Physiker Leó Szilárd verfasstes und von seinem Kollegen Albert Einstein unterzeichnetes Schreiben an den damaligen US-Präsident Franklin D. Roosevelt, in dem sie diesen auf die Konsequenzen der kurz zuvor in Nazi-Deutschland erfolgten Entdeckung der Kernspaltung hinwiesen und auf den möglichen Bau von Atombomben. In der Folge begann das Manhattan-Projekt und vereinfacht gesagt damit das Atomzeitalter.
In seinem, in diesem Jahr erschienen Buch „Hitlers Atombombe“ zeichnet der amerikanischen Wissenschaftshistoriker Mark Walker die Geschichte des deutschen Atomprogramms im Zweiten Weltkrieg nach. Die Geheimdokumente zu diesem Programm aus der NS-Zeit liegen übrigens im Archiv des Deutschen Museums.
Vom Inferno zum Friedenssymbol. 80 Jahre Hiroshima und Nagasaki, Museum Fünf Kontinente, bis 11. Januar 2026

