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München:Hinter dem Glas die ganze Welt

Vor 150 Jahren gründete Franz Xaver Zettler an der Marsstraße ein Unternehmen, das zu seiner Blütezeit Kirchenfenster für alle Kontinente produzierte - und nebenbei Bayerns Landeshauptstadt in den USA bekannt machte

Von Annette Jäger

Die Zettlerstraße in Moosach, eine kleine Straße, gesäumt von Einfamilienhäusern, ein Grab auf dem Alten Südlichen Friedhof und die Mayer'sche Hofkunstanstalt an der Seidlstraße in der Maxvorstadt - diese drei Orte in München sind verbunden durch einen Namen: Franz Xaver Zettler. Die Orte und der Name erzählen ein Stück Münchner Kunstgeschichte: Zettler, geboren 1841, hat vor fast 150 Jahren das "Institut für kirchliche Glasmalerei" an der Marsstraße gegründet. Die Firma erlangte Weltruhm. Noch heute sind Tausende kunstvoll gestaltete Glasfenster aus den Zettler-Werkstätten in Kirchen und anderen Bauten auf der ganzen Welt zu finden.

F. X. Zettler, mit dieser Signatur sind originale Zettler-Glasfenster gekennzeichnet. Als junger, ambitionierter Mann, begeistert von der Glasmalkunst, arbeitete Zettler in der Mayer'schen Kunstanstalt für kirchliche Arbeiten. Im Jahr 1871, gründete er sein eigenes Institut an der Marsstraße, um sich noch intensiver der Glasmalkunst widmen zu können.

Einer, der die Firmengeschichte von F. X. Zettler bis ins Detail kennt, ist Michael Zettler, der Urenkel des Firmengründers. Sein Vater, Oscar Zettler, war der letzte Firmeninhaber. Er selbst, der heute in Krailling lebt, hat die Familientradition nach drei Generationen Glasmalerei nicht weitergeführt. Dafür sammelt und archiviert er alles, was er zur einst weltberühmten Firma seines Urgroßvaters, Großvaters und Vaters finden kann: Hinweise in Büchern und kunsthistorischen Abhandlungen, Abbildungen von Glasmalkunst aus den Zettler-Werkstätten, Erwähnungen in Dissertationen und Zeitungsartikel über die kunstvollen Glasfenster.

Briefmarken München Stadtviertel

Die Australier frankierten in den Neunzigerjahren ihre Weihnachtspost mit Briefmarken, auf denen Motive von Zettler-Fenstern zu sehen waren.

(Foto: Privat)

Firmengründer F. X. Zettler - so liest man es in Abhandlungen zur Firmengeschichte - hat in der jungen Firma die große Glasmalkunst des Mittelalters aufleben lassen und sich damit international schnell einen Namen gemacht. Er erhielt Auszeichnungen für seine prachtvoll gestalteten Fenster, darunter eine Ehrenmedaille von Papst Pius IX., König Ludwig II. ernannte die Firma zur "Königlich Bayerischen Hofglasmalerei". Die Söhne Franz und Oskar traten in die Firma ein und bauten deren Weltruf aus, eine eigene Zweigstelle wurde unter anderem in New York gegründet. Auch die nächste Generation widmete sich der Glasmalkunst: der Enkel des Firmengründers, Oscar Zettler, übernahm die Leitung der Firma, die 1939 dann von der Mayer'schen Hofkunstanstalt übernommen wurde. Oscar Zettler blieb dann bis zu seinem beruflichen Ausscheiden 1970 Mitarbeiter der Mayer'schen Hofkunstanstalt.

Geradezu ins Schwelgen gerät Michael Zettler, wenn er daran erinnert, wo und wie viele Zettler-Fenster es überall auf der Welt gibt. Viele wurden nach Entwürfen von Künstlern gefertigt. Laut seinem Quellenstudium müssten es etwa 14 000 sein, auf allen Kontinenten. Michael Zettler hat in seinem Archiv ein Dokument verwahrt, in dem der Vater 1952 eine Auflistung von beispielhaften Aufträgen, schreibmaschinengetippt, aufbewahrt hat. "Tausende von Fenstern für Übersee ausgeführt. Vor allem für USA, dann auch für Mittel- und Südamerika, Australien, Neuseeland, Afrika, Indien, China etc.", hat er die Liste überschrieben. Berühmte Zettler-Arbeiten sind die 214 Fenster der "Cathedral Basilica of the Sacred Heart in Newark, New Jersey". Auch Zettler-Fenster in mehr als 50 Kirchen in Chicago hat Michael Zettler verzeichnet. Die Firma hat zur Bekanntheit Münchens in Amerika beigetragen - die Mayer'sche Hofkunstanstalt zitiert heute auf ihrer Website den 1952 verstorbenen Kardinal Michael Faulhaber: "Durch zwei Dinge ist München in den Vereinigten Staaten von Amerika besonders berühmt geworden: Durch sein gutes Bier und durch seine Glasmalereien der Werkstätten Franz Mayer und F.X. Zettler!".

150 Jahre Glaskunst Zettler

Familienunternehmen: Michael Zettler mit einem Madonnen-Glasbild der Werkstatt.

(Foto: Privat)

Auch in München waren zahlreiche Kirchen wie die Frauenkirche und die Christuskirche, aber auch das Rathaus mit Glaskunstfenstern bestückt. Doch die meisten wurden während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstört, sagt Michael Zettler. Im Zuge der Restaurierung der Frauenkirche wurde 1959 in den Werkstätten der Mayer'schen Hofkunstanstalt eine Fenstergestaltung nach einem Entwurf des Malers und Grafikers Peter Gitzinger gefertigt: sieben szenische Darstellungen der "Schmerzen Mariä", zu sehen an der Nordfassade der Kirche.

Verewigt ist die Familie Zettler heute in München mit dem Straßennamen und dem Familiengrab. Und in der kleinen Kirche auf dem Gipfel des Wendelsteins ist ein Votivbild der Familie von 1890 zu finden, hat Zettler entdeckt. Philatelisten stoßen vielleicht auch in ihren Sammlungen auf Spuren von F. X. Zettler: In den 1990er Jahren waren Motive von Zettler-Glasfenstern auf australischen und finnischen Weihnachtsbriefmarken abgebildet. Eine Münchner Firma, verewigt auf einer australischen Briefmarke? "Welche Firma kann das schon von sich behaupten?", fragt Michael Zettler nicht ohne Stolz.

150 Jahre Glaskunst Zettler

Eine Karte aus Michael Zettlers Fundus zeigt die "Königlich Bayerische Hofglasmalerei" des Urgroßvaters.

(Foto: Privat)

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, die Glaswerkstätten F.X. Zettler seien "1939 mit der Mayer'schen Hofkunstanstalt fusioniert". Die Mayer'sche Hofkunstanstalt GmbH legt Wert auf die Feststellung, dass es sich nicht um eine Fusionierung handelte, sondern dass die Firma Zettler zu Jahresbeginn 1939 Konkurs anmelden musste und die "Franz Mayer'sche Hofkunstanstalt und Glasmalerei" die Konkursmasse nebst Archiv, Lager- und Auftragsbeständen aufkaufte. Oscar Zettler war dann von 1939 und bis zu seiner Pensionierung Angestellter der Mayer'schen Hofkunstanstalt. In der früheren Textfassung war auch die Rede davon, dass im Zuge der Restaurierung der Frauenkirche im Jahr 1959 Glasfenster "in den Zettler-Werkstätten" gefertigt worden seien; es waren die Werkstätten der Mayer'schen Hofkunstanstalt.

© SZ vom 30.12.2020
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