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Geflüchtete:München bietet Hilfe für Kinder aus griechischen Lagern an

'Flüchtlingskinder aus der Gefahrenzone holen'

Auf der griechischen Insel Lesbos harren Kinder in unwürdigen Zuständen und ohne Eltern aus. München könnte bald Dutzende von ihnen aufnehmen.

(Foto: obs)
  • In München können 100 geflüchtete Kinder und Jugendliche aufgenommen werden, die derzeit unbegleitet auf griechischen Inseln ausharren.
  • Wann diese nach München fliegen können, ist unklar. Bislang hat sich europaweit nur die Bundesregierung bereit erklärt, Kinder aufzunehmen.

München will helfen. Die Stadt bereitet sich derzeit darauf vor, geflüchtete Kinder von den griechischen Inseln aufzunehmen, nachdem der Koalitionsausschuss in Berlin am Montag einen entsprechenden Beschluss gefasst hat. "Wir haben ab sofort einhundert Plätze zur Verfügung für unbegleitete Kinder und Jugendliche", sagte Andrea Betz, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, am Dienstag. Es sei genügend Raum und Personal vorhanden, um Kinder, die auf Lesbos, Samos und weiteren Inseln zum Teil seit vielen Monaten unter katastrophalen Bedingungen leben müssen, in Obhut zu nehmen. "Das sollte sehr schnell geschehen, die Kinder leiden dort - und sie haben ein Recht auf Schutz und Fürsorge."

Bereits vor zwei Monaten hatte Oberbürgermeister Dieter Reiter nach einem Antrag der SPD-Fraktion das Sozialreferat beauftragt, zu prüfen, wie viele schutzbedürftige Kinder die Stadt, Wohlfahrtsverbände und soziale Vereine zusätzlich aufnehmen könnten - bislang allerdings ohne konkretes Ergebnis von Seiten der Stadt. Im Sozialreferat geht man bislang inoffiziell von lediglich etwa einem Dutzend Plätzen für geflüchtete Kinder aus.

Bis Kinder und womöglich auch ihre Eltern aus den Krisengebieten auf den griechischen Inseln auch nach München ausgeflogen werden können, dauert es möglicherweise noch Wochen. Denn bislang hat sich ja lediglich die Bundesregierung darauf verständigt, dass aus humanitären Gründen zwischen 1000 und 1500 Kinder europaweit aufgenommen werden könnten. Gespräche der Innenminister stehen noch aus. Das kritisieren der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx und der evangelisch-lutherische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm scharf. "Anstatt humanitäre Lösungen, zu finden, bei denen alle Länder Europas Verantwortung übernehmen, hält man sich Männer, Frauen und Kinder, die Schutz suchen, mit Tränengas vom Leib", so Bedford-Strohm. Es sei unverständlich, dass sich das christliche Europa bislang weigere, 5000 Kinder aufzunehmen, sagte Marx. Diese Zahl hatten die Grünen im Bundestag gefordert.

München will aber nicht nur akut dazu beitragen, dass Kinder aus der dramatischen Lage in der Ostägäis herausgeholt und in München untergebracht werden. Nachdem der Münchner Stadtrat Mitte Dezember beschlossen hatte, auch in Griechenland zu helfen, indem München eine Patenschaft für ein Flüchtlingscamp auf dem Festland übernimmt, reiste eine elfköpfige Delegation, darunter Sozialreferentin Dorothee Schiwy, Wohnungsamtsleiter Gerhard Mayer, zwei Münchner Ärztinnen sowie drei Stadträte nach Nordgriechenland. Sie wollten sich ein Bild davon machen, wie den Menschen konkret geholfen werden kann. Die Situation in den Lagern sei zwar auf dem Festland besser als auf den vorgelagerten Inseln, erzählt SPD-Stadtrat Marian Offman. Trotzdem: "Bei allen Gesprächen, die wir führen konnten, bekamen wir leider keine klare Stellungnahme dazu, ob auf dem Festland weitere Lager geschaffen werden sollen, um die Zustände auf den Inseln zu verbessern."

Die Delegation besuchte unter anderem eine Flüchtlingsunterkunft bei Ioannina mit 1200 Bewohnern, darunter 300 Kinder. Zwar müssten dort keine Geflüchteten außerhalb der Einrichtung kampieren wie auf Lesbos und Samos. Dennoch sei auch hier Hilfe nötig, so Offman. "Viele der Kinder sind vom Schulbesuch ausgeschlossen, weil der Impfstoff für die nötige Impfung fehlt." Obwohl zeitweise eine Ärztin und eine Hebamme in der Unterkunft seien, fehle es an Medikamenten und einer angemessenen Einrichtung für einen Behandlungsraum. Für Offman sei die Situation in Griechenland "ein Signal an Europa, dass dringend für eine gerechtere Verteilung bei der Aufnahme von Geflüchteten gesorgt werden muss. Es ist in höchstem Maße ungerecht, wenn die Grenzstaaten der Europäischen Union mit dieser Überlastung allein gelassen werden."

Die Münchner Hilfe, die nun in einem Camp in Griechenland geplant ist, um vor Ort die Situation für die Menschen zu verbessern, funktioniert seit Jahren auch in anderen Ländern. So unterstützt München unter anderem die jordanische Stadt Gharb Irbid, um dort Geflüchteten und Einheimischen einen besseren Zugang zu beruflicher Qualifizierung bieten. In Jordanien haben fast 50 Prozent der Menschen einen Fluchthintergrund, in Gharb Irbid ist nahezu jeder fünfte Bewohner ein syrischer Flüchtling.

© SZ vom 11.03.2020/wean
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