Bei dieser Inszenierung muss man mit allem rechnen. Am anderen Ende der Leitung könnte weiß Gott wer abnehmen. In der Neuhauser Herz-Jesu-Kirche, diesem hochmodernen sphärischen Raum, in dem die Luft goldschimmernd zu schweben scheint, steht neuerdings ein uraltes, umgebautes Wahlscheibentelefon sehr prominent auf einer beleuchteten Säule. Wer den Hörer abnimmt, wird empfangen von hellem Klang und sehr persönlichen Fragen.
Wählt man die „Eins“, erkundigt sich eine freundliche Stimme: „Was lässt dein Herz höherschlagen?“ Bei der Zwei will sie wissen: „Wie fühlt sich dein Puls gerade an?“ Und wer die Drei an der Scheibe dreht, soll darüber Auskunft geben: „Wer ist dein Herzensmensch?“
Seit dem 5. Oktober kann man hier den Hörer abnehmen, um das Herz auszuschütten. Das Gesagte verfliegt aber nicht im Kirchenraum. Ein Künstlertrio, das in Köln lebt, hört sich alles später an. Nathalie Brum, Lukas Schäfer und Luis Weiß werden Sätze, Laute, ganze Geschichten, die in die Sprechmuschel gesagt und auf einer Chipkarte gespeichert werden, zu einer Klanginstallation montieren. Sie wird in der Fastenzeit an den Orten der Aufnahmen zu hören sein: in der Neuhauser Herz-Jesu-Kirche und im Südturm der Frauenkirche.
Konstantin Bischoff hat das Klang-Komponisten-Trio für München gewonnen. Im Büro des alten Pfarrhauses hinter dem hoch aufragenden Kirchen-Kubus erzählt der Pastoralreferent und Co-Leiter der katholischen Pfarrei Herz Jesu begeistert von der Idee dahinter.

Zum 25. Geburtstag des Kirchenbaus solle der künstlerische „Jubiläumsmoment“ Offenheit ausstrahlen. Und gleichzeitig solle es zum Patrozinium darum gehen, was bei den Besucherinnen und Besuchern, die hier ein und aus gehen, ganz persönlich im Mittelpunkt ihres Lebens steht.
„Es gibt viele Menschen, die jeden Tag hier vorbeikommen, darunter auch welche, die nichts mit Kirche zu tun haben, sich aber durch den spirituellen Raum angesprochen fühlen“, sagt Bischoff. Dazu gehörten an Architektur interessierte Touristen: Ob seiner Licht- und Formensprache erregt der Sakralbau nach Plänen des Münchner Büros Allmann Sattler Wappner international für Aufsehen.

Diese Besucher „brauchen alle keine Veranstaltung, sondern etwas, was dann ist, wenn sie da sind“. Zum Beispiel ein umgebautes Wahlscheibentelefon aus Bakelit mit hohem Aufforderungscharakter. „Viele haben Lust, das mal in die Hand zu nehmen und die freundliche Stimme, die einen am Hörer begrüßt, hat was total Einladendes“, sagt Bischoff. Man stehe in dem Moment „vor diesem weiten, Geborgenheit ausstrahlenden Kirchenraum, der sagt: Du darfst mit allem, was du bist, da sein. Und jetzt interessiert sich auch noch jemand für dich“.
Das sei die seelsorgerische und gleichzeitig eine überkonfessionelle Intention der „partizipativen Klanginstallation“ rund um das „Memophon“, wie sie den umgebauten Fernsprecher hier nennen. Jeden Tag, sagt Konstantin Bischoff, sprächen mehrere Menschen in das edle Telefon.

Luis Weiß, der „Kirchenraummusiker“ des Künstlertrios, hat schon erste Hörproben aus dem Apparat gezogen. „Bum – bum – bum – bum – bum“, flüstert eine Frau sehr bedächtig in die Sprechmuschel als Antwort auf Frage Nummer zwei: „Wie fühlt sich dein Puls gerade an?“ Eine andere teilt freudig mit, wer ihr Herzensmensch ist: „Mein Sohn ist in diesem Jahr 18 geworden und ich bin ganz stolz, was er in seinem Leben erreicht hat und was für ein toller Mensch er ist. Mein Mann und ich sind sehr, sehr glücklich, dass wir ihn haben.“
„Es gibt eine große Bereitschaft, das Memophon als Gefäß zu verstehen, das Vertrauen ausströmt und in das man seine Geschichte reinlegen will.“ Die Erfahrung haben Weiß und seine Künstlerkollegen bereits bei ähnlichen Projekten in Autobahnkapellen gemacht, erzählt er am Telefon. „Menschen haben das Gefühl, jemand hört mir zu, ich kann mal in Ruhe erzählen, obwohl erst mal keiner da ist.“
Bis zum 4. Dezember steht das Memophon in Herz Jesu. Dann wandert es vom 5. bis 22. Dezember in den Südturm der Frauenkirche. Statt drei Fragen gibt es dann nur noch eine Frage, die dafür in drei Sprachen gestellt wird, Deutsch, Englisch und Polnisch, weil die Künstler diese auch sprechen und damit dechiffrieren können.
„Die Räume haben eine völlig unterschiedliche Atmosphäre“, sagt Luis Weiß. Im touristisch hoch frequentierten Südturm der Frauenkirche wird knapp hundert Meter über dem Erdboden passenderweise gefragt, was das eigene Herz höherschlagen lässt. „Ich glaube, da wird es auch humorvolle Beiträge geben, aber durchaus auch abwechselnd mit Momenten, in denen sich jemand Zeit nimmt und den Blick schweifen lässt.“

Am 22. Dezember wird das Memophon auch im Südturm abgestöpselt und das Künstlertrio macht sich daran, die Mitschnitte aufzubereiten, zu collagieren und klanglich zu verfremden. Luis Weiß, Nathalie Brum und Lukas Schäfer haben ihr Projekt „Core“ genannt. Das englische Wort steht gleichermaßen für Zentrum, Kern und Herz.
In der Fastenzeit kehrt die fertige Komposition dann zurück in den Dom und die Herz-Jesu-Kirche, wo der aus den Stimmen der Besucherinnen und Besucher kondensierte Soundtrack an unerwarteter Stelle aufhorchen lassen soll.

