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Auswilderungsprojekt:Bock auf die Berge

Sprint in die Freiheit: Am Mittwoch sind im österreichischen Oberbergtal die beiden Münchner Steinböcke Urs und Uwe sowie zwei Geißen aus dem Alpenzoo Innsbruck ausgewildert worden.

(Foto: Hellabrunn)

Urs und Uwe haben ihr behütetes Gehege gegen die Wildnis getauscht. Für den Münchner Tierpark ist es die erste Auswilderung von Steinböcken seit den Neunzigerjahren.

Von Thomas Anlauf

Urs und Uwe sind unterwegs. Die beiden treiben sich wohl gerade irgendwo zwischen der östlichen Seespitze, dem Schrankogel oder einer der Schwarzenbergspitzen herum. Wer weiß, vielleicht rutschen Urs und Uwe mit ihren neuen Freundinnen auf dem Bockkoglferner unterhalb der Mutterberger Seespitze herum. So hoch hinaus sind die beiden Münchner auf jeden Fall in ihrem jungen Leben noch nie gekommen. Doch das ist nun ihr neues Zuhause: Im Hochgebirge der Stubaier Alpen hat der Tierpark Hellabrunn am Mittwoch zwei junge Steinböcke ausgewildert, Urs und Uwe.

Es sind zwei ziemlich junge Böcke, die nun ihr behütetes Gehege im Tierpark mit der Wildnis in den steilen Bergen der zentralen Ostalpen Österreichs tauschen durften. Uwe kam am 18. Mai vergangenen Jahres zur Welt, Urs am 9. August. Die zwei gehen gerade mal als Teenager durch, Urs wiegt 20 Kilogramm, Uwe 28. Erwachsene Böcke bringen es schon mal auf 100 Kilogramm. Trotzdem wurden die beiden ausgewählt, um sich nun in der Freiheit des Hochgebirges zurecht zu finden. Was soll man sagen: Die Auswilderung hat bislang funktioniert - und zwei Freundinnen haben Urs und Uwe auch gleich gefunden.

Hinter einer Auswilderung steckt eine Menge Arbeit. Die beiden Alpensteinböcke, die bislang in Hellabrunn zwischen Isar-Eingang und Mühlendorf lebten, wurden in den vergangenen Tagen behutsam an alpine Kost gewöhnt. Bergkräuter und Gräser bekamen sie im Tierpark zum Kosten, daneben wurden sie beim sogenannten Kistentraining an ihre Transportmittel für den Umzug aus Oberbayern ins Oberbergtal gewöhnt. "Sie waren wirklich sehr ruhig und entspannt", erzählt Lisa Reininger, Sprecherin des Tierpark Hellabrunn. Das war auch gut so, denn die Reise in ihre neue Heimat war durchaus aufregend. Schließlich ging es von München südwärts ins Stubaital und dort weiter über eine kleine Forststraße bis zur Oberrissalm.

Spätestens dort müssen Uwe und Urs gemerkt haben, dass etwas Besonderes vorgeht. Noch immer saßen sie in ihren großen Holzkisten, doch nun waren da noch zwei weitere Kisten: darin zwei junge Steingeißen, ein und zwei Jahre alt, aus dem Innsbrucker Alpenzoo. Die zwei jungen Böcke werden die beiden jungen Damen wohl gerochen und für interessant befunden haben, anders ist das spätere Verhalten der Tiere kaum zu erklären.

Am Parkplatz der auf 1742 Metern gelegenen Oberrissalm war mittlerweile eine ziemlich große Gruppe eingetroffen, um die Auswilderung der vier Jungtiere zu beobachten: neben vier Tierpflegern aus München und zwei aus Innsbruck, dem Innsbrucker Zoo-Kurator Dirk Ullrich außerdem mehrere Leute der örtlichen Hegegemeinschaft der österreichischen Bundesforste, insgesamt etwa zwei Dutzend Menschen. Bei Nebel wanderte der Tross etwa 400 Höhenmeter steil bergauf bis zur Franz-Senn-Hütte auf 2145 Metern.

Die Tiere fühlten sich in ihrer neuen Umgebung im Hochgebirge ziemlich schnell zu Hause.

(Foto: Hellabrunn)

Wer dagegen mit dem Lift dort oben ankam, waren die vier Steinböcke. Sie wurden nacheinander in ihren Kisten in einer Lastenseilbahn nach oben transportiert, eine halbe Stunde dauerte jede Fahrt. Schließlich trugen die Helfer die Tiere in ihren Holzkästen noch etwa einhundert Meter hinter die Berghütte, drehten die Kisten in Richtung Steilhang und öffneten die Verschläge. "Der große Augenblick dauerte nur wenige Sekunden", berichtet Lisa Reininger, die auch oben am Berg war und die Szene beobachtete. Alle vier sprangen heraus, die Geißen aus Innsbruck rannten sofort den Hang hoch, die beiden Münchner Böcke drehten sich noch einmal kurz um, dann sprangen sie hoch zu den neuen Bekanntschaften und zogen durch den Bergnebel davon - Uwe mit einer Geiß an seiner Seite, Urs mit der anderen.

Die spontane Verschwisterungsszene ist ziemlich ungewöhnlich, denn weder die Geißen noch die Münchner Steinböcke sind schon geschlechtsreif. Bis die Böcke groß und stark genug sind, um einen eigenen Harem bilden zu können, werden noch einige Jahre vergehen. Bis dahin werden die Jungtiere die Berge erkunden und sich einen eigenen Platz zum Leben suchen. In der Region leben bereits etwa 60 Steinböcke, meist weit oberhalb der Baumgrenze zwischen den Felsen.

Für den Münchner Tierpark ist die Auswilderung ein besonders Projekt. Zuletzt wurden Steinböcke in den Neunzigerjahren ausgewildert, die anderen Tiere wurden an andere Zoos weitergegeben. Im Tierpark leben nun noch zwei Böcke und fünf Geißen in der Alpensteinbockanlage. Wie sich die zwei Münchner Steinböcke in ihrer neuen Heimat machen werden, muss sich noch zeigen. Zwei der vier Steinböcke haben Senderhalsbänder bekommen, so kann per GPS nachverfolgt werden, wo sie entlang ziehen. Zudem sind alle Tiere gechipt und haben Ohrmarken. Urs und Uwe, die wie alle Alpensteinböcke in Europa genetisch mit einer Restpopulation aus dem Gran Paradiso in Italien verwandt sind, werden noch viel lernen müssen in der neu gewonnenen Freiheit. Und vermutlich werden sie vom ungewohnten Klettern im Fels gehörig Muskelkater bekommen.

© SZ vom 09.07.2021/kafe
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