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Arbeiten im Zoo:Rüssel kraulen, Hasen zerlegen und Mist ohne Ende

Tierpfleger, das ist kein Job für Weicheier. Die meiste Zeit verbringen die Azubis in Hellabrunn damit, Ställe auszumisten und frühmorgens schon Tiere für die Fütterung zuzubereiten.

Nein, aus einem Löwen wird kein Vegetarier. Das sieht Anna-Marie Behnken ein, das wusste sie ja auch vorher, dass die keinen Salat fressen. Und deshalb, sagt die 20-Jährige, schockierten sie die Rinderhälften im Kühlraum, die tiefgefrorenen Meerschweinchen in Pappkartons, sortiert von klein bis groß, und das Fleisch für die Paviane, das frühmorgens auf dem Herd im Futterwirtschaftsgebäude des Tierparks Hellabrunn vor sich hin köchelt, auch nicht.

Anna-Marie Behnken ist eine von derzeit 15 jungen Frauen und Männern, die im Tierpark Hellabrunn in drei Jahren zu Tierpflegern ausgebildet werden. Sie kommt aus der Nähe von Bremen, ist für ihre Ausbildung in den Süden gezogen. Nun bereitet sie morgens um sechs Uhr, draußen ist es kalt und dunkel, das Futter für die Tiere vor. Sie hat für den Tiger, der Probleme mit der Bauchspeicheldrüse hat, frisches Fleisch durch den Fleischwolf gedreht; hat einen Eimer mit toten Mäusen für die Krokodilfütterung bereitgestellt; hat Reis und Gemüse für die Faultiere, die Pustelschweine und die Kraniche gekocht.

Tierpfleger, das ist kein Job für Weicheier. Das sagt Ausbildungsleiter Robert Müller nicht so, aber das meint er, wenn er erzählt, dass viele ein falsches Bild von dem Beruf haben. Tiere streicheln, Kunststückchen üben, solche Sachen. Dabei geht es ums Ausmisten, ums Schubkarren stemmen und Wassergräben reinigen. Darum, das Gorillagehege zu schrubben, Eimer mit Fischen für die Pinguine zu schleppen und einen ganzen Hasen zu zerlegen für die Fischkatzen. Und wenn das alles geschafft ist, dann könne man sich mit den Tieren beschäftigen, sagt Robert Müller. Dann lächelt der 57-Jährige, denn es ist ja schon so, dass die Liebe zu den Tieren, der Respekt vor ihnen, bei ihm ein Einstellungskriterium ist.

Im Vorstellungsgespräch frage er schon mal nach heimischen Vogelarten, sagt er. "Dann merkt man schnell, ob das wirklich stimmt, dass sich die Bewerber schon immer für Tiere interessieren." Im Tierpark Hellabrunn stellen sie zweimal im Jahr Azubis ein, zum 1. September und zum 1. März. "Das hat für beide Seiten Vorteile", sagt Müller. "Es gibt immer Jugendliche, die sich bei der Berufswahl vertun. Die würden ein Jahr in der Luft hängen. Und wir bekommen so Auszubildende, die sonst nicht zu uns gekommen wären."

Josefin Bilderbeek zum Beispiel. Die 21-Jährige hat im März vergangenen Jahres ihre Ausbildung begonnen. "Tierpfleger war eigentlich gar nicht mein Berufswunsch. Auch wenn ich Tiere immer spannend fand." Ein Praktikum hat sie dann für den Job begeistert, inzwischen liebt sie ihre Arbeit. Sie hat gerade Karotten und Heu verteilt und die Bantengs - Wildrinder aus Südostasien - aus den Boxen aufs Freigelände gelassen, nun fegt sie Futterreste aus den Trögen und mistet die Boxen aus. Das nasse und voll gekackte Stroh kommt raus, das gute bleibt drin.

"Ich fühle mich nach einem Tag körperlicher Arbeit gut", sagt sie. "Und ich möchte mich für die Tiere einsetzen, viel über sie lernen und dafür sorgen, dass es ihnen gut geht." Was gewöhnungsbedürftig für sie ist: das frühe Aufstehen. Die meisten Tierpfleger beginnen ihren Tag um sechs Uhr - die Auszubildenden also auch.

Maria Riesch kratzt mit einem Rechen Heu und Hasenköttel aus den Schneeresten

Vier Auszubildende werden am 20. Februar fertig, die vier freien Plätze sind schon wieder besetzt. Aber es ist nicht so, dass sie mit Bewerbungen überflutet werden, sagt Robert Müller. 100 bis 200 sind es in jeder Runde. Immer noch genug, um die Besten auszusuchen. Aber auch im Tierpark Hellabrunn merken sie, dass die Qualität der Bewerbungen abnimmt. Und das, obwohl sich der Beruf des Tierpflegers in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, anspruchsvoller geworden ist.

Tierpfleger erklären heute viel mehr, sie erzählen den Besuchern bei kommentierten Fütterungen etwas über die Tiere. Die Besucher sind anspruchsvoller geworden. Und dann gibt es heutzutage das sogenannte Medical Training. Eine Tierpflegerin in Hellabrunn hat es damit geschafft, dass der Tierarzt einem kranken Tiger ohne die problematische Narkose Blut abnehmen kann. Der kommt dafür einfach ans Gitter seines Käfigs, lässt sich ein Stückchen Fell am Schwanz abrasieren und Blut abnehmen. Das ermöglicht eine schnelle Diagnose, wovon auch der Tiger profitiert.

"Um so etwas zu erreichen, brauche ich gewisse kognitive Voraussetzungen und eine soziale Kompetenz", sagt Robert Müller. Tierpfleger müssen auch rechnen können, zum Beispiel um Desinfektionsmittel im richtigen Verhältnis anzumischen. Man muss bereit sein, harte körperliche Arbeit zu leisten, jeden Tag. Und: "Wer Tierpfleger sein will, muss absolut zuverlässig sein", sagt Robert Müller. "Die Tiere hier können sich nicht alleine versorgen, sie sind von uns abhängig. Wir arbeiten für die Tiere."

Was er an seinem Job liebt: die frische Luft, die Abwechslung. Und ja, natürlich die Tiere. Vor 42 Jahren hat Robert Müller seine Ausbildung begonnen, 30 Jahre hat er mit den Elefanten gearbeitet. Seit zwölf Jahren ist er Ausbildungsleiter, seit ein paar Jahren auch Zoologischer Inspektor in Hellabrunn. Was zum Beispiel bedeutet, dass er angerufen wird, wenn das Kind einer Besucherin einen Schuh im Elchgehege verloren hat und den wiederhaben möchte. Was ihn die Stirn runzeln lässt, denn wie kommt der Schuh denn bitte schön da rein. Er fragt nach, wie weit Tierpfleger und Azubis mit der Reinigung der Wassergräben sind und merkt es sich, wenn eine Tierpflegerin ihm nebenbei sagt, dass das Licht in der Personaltoilette nicht mehr ausgeht.

Es ist kurz nach acht Uhr, eine Stunde noch, dann öffnet der Münchner Zoo für Besucher. Die grüne Anakonda liegt rum und guckt, die Elefanten sind noch in ihrem Haus, die Humboldtpinguine stehen rum und putzen sich. Eine Auszubildende spritzt mit einem Wasserschlauch die Futterstellen der Gorillas sauber, ein anderer füttert die Forellen - die kleinen haben am Tag zuvor leider schlecht gefressen, die Essensreste saugt er mit einem Schlauch aus dem Aquarium. Ein Hahn kräht lauthals, die Ponys schütteln ihre Mähnen, die Ziegen sind auf Steine und Holzkisten geklettert und halten Ausschau, vielleicht nach den Kindern, die sie bald streicheln werden. Vielleicht nach jemandem, der sie füttert.

Die Eisbärin steht am Wassergraben und sieht aus, als überlege sie, ein Bad zu nehmen. Aus dem Gehege der Schneehasen dringt lautes Scharren. Maria Riesch, Auszubildende im dritten Lehrjahr, kratzt mit einem Rechen Heu und Hasenköttel aus den Schneeresten, ein weißer Schneehase mit schwarzen Ohrenspitzen beobachtet sie. Ein undankbarer Job, die Köttel sind festgefroren, Robert Müller winkt ab - passt schon. Später darf sie die Schopfpinguine füttern und mit Mähnenrobbe Loreen Kunststücke üben. Drehen, winken, Küsschen geben. Marie Riesch strahlt, sie trainiert zum ersten Mal mit ihr.

Der Tierpark ist inzwischen geöffnet, Mütter und Väter schieben Kinderwagen über die Wege, die Sonne scheint. Moritz Schiller macht Pause vor dem Elefantenhaus, trinkt eine Cola, raucht eine. Der 25-Jährige wird Mitte Februar seine Abschlussprüfung machen, fünf Stunden wird sie dauern. Danach wird er im Tierpark Hellabrunn bleiben, so wie die meisten, die hier ihre Ausbildung machen. Und er habe Glück gehabt, sagt er. Er bekommt eine Stelle bei seinen Lieblingstieren, den Affen. "Die Ausbildung war härter als gedacht", sagt der Münchner. "Körperliche Arbeit statt Tiere streicheln." Er hatte sich für ein Praktikum in Hellabrunn beworben, nachdem er eine Zootiersendung gesehen hat. Inzwischen weiß er, worum es hier wirklich geht. Bleiben will er trotzdem.

Im Tierpark Hellabrunn arbeiten 80 Tierpfleger. Wer dort eine Ausbildung zum Tierpfleger beginnen will, muss vorher zwei Wochen Praktikum machen. Einen Platz zu bekommen, ist gar nicht leicht: Die Praktika seien ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht, sagt Müller. Das Mindestalter dafür ist 16. Denn für Jüngere ist die körperliche Arbeit zu anstrengend.

© SZ vom 15.02.2020
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