Süddeutsche Zeitung

"Mammutprojekt" für Jahrzehnte:Wie die Münchner in Zukunft heizen sollen

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Als erste deutsche Großstadt beschließt München einen Wärmeplan für eine klimaneutrale Energieversorgung. Welche Alternativen es zu Öl und Gas gibt, kann jetzt jeder Bewohner für sein Gebäude einsehen.

Von Catherine Hoffmann und Joachim Mölter

Der Münchner Stadtrat hat am Dienstag in einer gemeinsamen Sitzung von Wirtschafts- und Klimaausschuss "eine der größten Aufgaben, die die Stadt je zu bewältigen hatte" auf den Weg gebracht, wie SPD-Fraktionschefin Anne Hübner den Beschluss nannte: Als erste deutsche Großstadt hat München eine Wärmeplanung verabschiedet.

Darin festgelegt sind die Grundzüge einer Wärmewende, die der Stadt helfen soll, bis 2035 klimaneutral zu werden und darüber hinaus eine bezahlbare und unabhängige Wärmeversorgung zu gewährleisten. Bei der Dekarbonisierung, wie die Reduzierung von Kohlendioxidemissionen in der Fachsprache heißt, spielt der Wärmebereich eine entscheidende Rolle: Er ist für rund 40 Prozent der städtischen Treibhausgas-Emissionen beim Energieverbrauch verantwortlich. Den Wärmebedarf klimaneutral zu decken, ist Ziel der nun vereinbarten Strategie, die Stadt, Stadtwerke (SWM), Hauseigentümer, Handwerk, Bürgerinnen und Bürger gemeinsam umsetzen sollen.

Mona Fuchs, Vorsitzende der Fraktion Grüne/Rosa Liste, sprach vom "Startschuss für ein Mammutprojekt", das sich alles in allem über zwei Jahrzehnte erstrecken werde. Wenn dies gelingen soll, dürfe man nicht in Legislaturperioden denken. Auch Anne Hübner erwartet einen "Kraftakt". Jetzt müsse man dafür sorgen, dass die Diskussion in der Öffentlichkeit gut laufe: "Die Mittel der öffentlichen Hand werden begrenzt sein, es wird einen großen Konkurrenzkampf darum geben."

Grundsätzlich waren alle Parteien einig, dass die Wärmewende kommen und gelingen müsse. Skepsis gab es beim Zeitplan, der einigen Oppositionsparteien zu ambitioniert erscheint. "Wir sehen das Ganze auch als Prozess. Aber wir haben Zweifel, ob die Zeitachsen realistisch sind", sagte CSU-Stadtrat Sebastian Schall.

Tobias Ruff (ÖDP) schloss sich einer Aussage von Mona Fuchs an: "Wir sind zehn Jahre zu spät dran", fand auch er. Es sei "zu wenig passiert", um die Wärmewende voranzutreiben, obwohl es entsprechende Pläne längst gebe. Ruff forderte einen beschleunigten Ausbau der Geothermie. Der Einsatz von Wasserstoff hingegen müsse die Ausnahme bleiben: "Das ist die Champagner-Lösung zur Abdeckung des Spitzenbedarfs."

Mehr Tempo wünschte sich auch Stefan Jagel, Chef der Fraktion Die Linke/Die Partei. Wolle man die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger für das Projekt gewinnen, müsse zudem die Fernwärme auf lange Sicht günstiger werden als fossile Energie. Ähnliche Bedenken äußerte Fritz Roth von der Fraktion FDP/Bayernpartei: "Wir werden ein Akzeptanz-Problem haben, wenn die Mietnebenkosten durch die Fernwärme steigen." Die Transformation werde jedenfalls nicht einfach, glaubt Simone Burger (SPD): "Es wird an vielen Stellen rumpeln."

Im Mittelpunkt der Planung steht der Ausbau der Fernwärme, die heute rund ein Drittel des Münchner Wärmebedarfs deckt. Dieses Netz soll verdichtet und ausgebaut werden, damit der Anteil der Fernwärme bis 2045 auf zwei Drittel steigt. Dazu müssen neue Geothermie-Anlagen gebaut und in das Fernwärmenetz eingebunden werden. Alternativ zu einem Fernwärmeanschluss entwickeln die SWM auch dezentrale Angebote für die Wärmeversorgung auf Basis von Luft- und Grundwasserwärmepumpen. Sie sollen insbesondere außerhalb des Fernwärmegebiets als Alternative zu Gas- und Ölheizungen angeboten werden.

Details der Wärmeplanung sollen in Kürze auf dem Geoportal der Stadt München einzusehen sein. Dort kann jeder nachschauen, mit welcher Energie er künftig heizen kann. Bislang standen bloß Karten zur Verfügung, die einen groben Überblick geben, in welchen Gebieten das Fernwärmenetz verdichtet wird und welche Teile der Stadt künftig für Fernwärme erschlossen werden sollen; dazu gab es Informationen, welche Gebiete sich für eine dezentrale Versorgung etwa mit einer Wärmepumpe eignen. Nun kann man in die Karten hineinzoomen und für jeden Häuserblock sehen, was geplant ist. Die Inhalte werden mit Fortschreiten der kommunalen Wärmeplanung stetig ergänzt. CSU-Stadtrat Schall sieht in der Karte das "Herzstück" der Wärmeplanung und eine "Handreichung für Bürger und Handwerksbetriebe".

Heizungstausch und energetische Gebäudesanierung, die für ein Gelingen der Wärmewende notwendig sind, werden bereits heute vom Bund gefördert. Begleitend bietet das Münchner Referat für Klima- und Umweltschutz das Förderprogramm Klimaneutrale Gebäude (FKG) an. Hauseigentümer könnten im besten Fall auf einen Fördersatz von 70 Prozent kommen, heißt es im Beschluss der Wärmeplanung. Die maximal und einmalig förderfähigen Investitionskosten für den Heizungstausch in einem Einfamilienhaus liegen bei 30 000 Euro. Zudem werden im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) die Dämmung der Gebäudehülle, der Austausch von Fenstern, der Einbau von Lüftungsanlagen, Smart-Home-Technologie und Maßnahmen zur Heizungsoptimierung unterstützt.

Der Wechsel von einem Gaskessel zu einer Luft-Wärmepumpe soll für Mieterinnen und Mieter "in fast allen Fällen zu deutlich reduzierten Warmmieten" führen, heißt es außerdem. Bezogen auf die Fernwärme liegen genauere Berechnungen der städtischen Wohnungsgesellschaft Münchner Wohnen vor. Demnach stünde einer Entlastung bei den Heizkosten zunächst eine höhere Modernisierungsumlage gegenüber. Nach sechs Jahren werde die Umlage jedoch durch Heizkosteneinsparungen überkompensiert - dann würden die Haushalte finanziell entlastet.

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