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Heckscher-Klinik:Botschaften für Söder

Heckscher Klinikum, 90-jähriges Bestehen

Treue Begleiter: Plüschtiere im Bett eines Mädchens in der Heckscher-Kinderklinik.

(Foto: Florian Peljak)
  • Ministerpräsident Markus Söders räumte beim Festakt zum 90. Geburstag der Heckscher-Klinik ein, dass die alte Fassung des umstrittenen bayerischen "Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz" ein Fehler gewesen sei.
  • Nach massivem Protest hatte Söder dieses entschärft. Die Kritiker argumentierten unter anderem, dass es psychisch Kranke stigmatisiere.
  • Franz Joseph Freisleder, der Ärztliche Direktor der Heckscher-Klinik, richtete die "dringende Bitte" an Söder, die Personalausstattung der Klinik zu verbessern.
  • Allein in der Heckscher-Klinik ist die Zahl der stationären Aufnahmen zwischen 2008 und 2018 von 1000 auf 1700 gestiegen.

Vielleicht demonstrierten zwei Lieder an diesem Nachmittag noch mehr als alle Festreden, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie sich langsam aus dem Stigma befreit, das ihr so lange anhing. Genauer: Die drei jungen Frauen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren, die auf der Bühne standen, was Mut erforderte, mehr Mut noch als jenen, den es zur Überwindung von Lampenfieber braucht. Es war ein Bekenntnis. Sie standen vor Hunderten Gästen als Patientinnen der Jugendpsychiatrie, ohne falsche Scham.

Axel-Helge Orlovius, Musiktherapeut an der Heckscher-Klinik, hat das sehr gefreut. Der Auftritt des Mädchens, um das er sich kümmert und das wie eine erfahrene Sängerin den Beatles-Klassiker "Let it Be" intonierte, sei ein "Beweis, dass in der Therapie sehr viel Vertrauen gewachsen ist" - die Grundlage der Arbeit mit betroffenen Jugendlichen. Sie sollen bestärkt werden, "offen und selbstbewusst mit ihrer Situation umzugehen". Und bei dem Festakt zum 90. Geburtstag der Heckscher-Klinik wurde offenbar, dass solche Stärke erreichbar ist.

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Das Klinikum geht auf den großen Psychiatrierefomer Max Isserlin und den Stifter Carl-August Heckscher zurück und ist eine der führenden Facheinrichtungen in Europa. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte eingangs, es leiste einen wichtigen Beitrag dazu, "ein neues Bewusstsein für den Umgang mit psychischen Erkrankungen zu finden". Den betont freundlichen Auftritt Söders werteten Zuhörer durchaus als kleines Politikum - Söder hatte zu Beginn seiner Amtszeit auf den massiven Protest führender Psychiater hin das umstrittene bayerische "Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz" entschärft; er rekurrierte am Montag darauf, die alte Fassung sei ein Fehler gewesen. Bundesweit hatten Psychiater, auch Ärzte der Heckscher-Klinik, gegen das Vorhaben protestiert, weil es psychisch Kranke stigmatisiere und deren Behandlung mit jener psychisch kranker Straftäter im Maßregelvollzug vermische.

Wie es sich für einen Festakt gehört, gab es viele Redner, viel Lob und viele warme Worte, "ein Erfolgsmodell" sei die mit den Jahren stets gewachsene Einrichtung mit ihren inzwischen zehn Standorten in Oberbayern, so Peter Falkai, Ärztlicher Direktor der Psychiatrieklinik an der LMU. Franz Joseph Freisleder, der Ärztliche Direktor der Heckscher-Klinik selbst, zeigte sich froh, "dass psychisch erkrankte Kinder heute eine viel bessere Betreuung erhalten als noch vor 20 Jahren" - aber dennoch erhielten längst nicht alle Betroffenen in der nötigen Geschwindigkeit eine passende Therapie. Er richtete die "dringende Bitte" an den Ministerpräsidenten: "Bitte unterstützen Sie uns weiter!"

Freisleder bezog sich dabei auf ein weiteres Streitthema, der Personalausstattung in den psychiatrischen Kliniken. Diesen genügt nicht, was das Bundesgesundheitsministerium mit der "Psych-PV" plane, weil diese Personalverordnung erhöhten Anforderungen und Veränderungen der Arbeit unzureichend berücksichtige. In der Heckscher-Klinik sei allein die Zahl stationärer Aufnahmen zwischen 2008 und 2018 von 1000 auf 1700 gestiegen.

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Zu den Festrednern gehört auch Kardinal Reinhard Marx. Sein Dank an die Heckscher-Klinik trug, was die katholische Kirche angeht, selbstkritische Züge, denn die Jugendpsychiater beraten sie bei der Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. Zu lange habe die Kirche nicht ausreichend erkannt, welche Traumata die schrecklichen Erlebnisse bei den Opfern hinterlassen haben: "Wir dürfen das Wissen und die Wahrheit nicht verdrängen", so Marx.

Den Sachverstand der Klinik und ihrer Gutachter lobte Manfred Götzl, Vizepräsident des Bayerischen Obersten Landesgerichtes und bekannt als Vorsitzender Richter im NSU-Verfahren. Blicke man in die USA, könne man froh sein über die kundige Behandlung psychisch erkrankter jugendlicher Delinquenten: Dort würden sie "zunehmend einfach als Straftäter betrachtet". Dass die Psychiatrie trotz aller Erfolge noch nicht frei von Stigmatisierungen ist, wurde am Montag auch deutlich. Bernhard Ruppert, Schulleiter am Heckscher-Klinikum, nannte Beispiele wie rechte Facebook-Kommentare gegen Greta Thunberg, die am Asperger-Syndrom erkrankte Klimaaktivistin: "Deine Zukunft liegt in der Psychiatrie, Greta!"

Näher am Alltag der Klinik war der Auftritt von Patienten zwischen zwölf und 14 Jahren, die eine beachtliche Trommel-Performance hinlegten. Sie trugen Sonnenbrillen und Kapuzen, um nicht erkannt zu werden: Teils wissen ihre Klassenkameraden in der Regelschule gar nicht, dass sie in psychiatrischer Behandlung sind.

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