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Stadtgestaltungskommission:Fenster zum Bahnhof

Letztlich stimmte die Kommission dem Entwurf für das Geschäftshaus am Hauptbahnhof zu. Simulation: Nuur für Allmann Sattler Wappner Architekten & Ochs Schmidhuber Architekten

Die verglaste Ecke eines geplanten Neubaus an der Bayerstraße löst Diskussionen aus

Von Sebastian Krass

Für Brigitte Wolf ist eines klar: Sie würde da nicht arbeiten wollen, "vollverglast zu der Menschen- und Verkehrsdrehscheibe Bahnhofsvorplatz, da sitzt man ja auf dem Präsentierteller". Aber Wolf wird auch nicht in die Verlegenheit kommen, in dem neuen Büro- und Geschäftsgebäude, das an der Ecke Bayerstraße/Schillerstraße entstehen soll, arbeiten zu müssen. Als Stadträtin der Linken hat sie ja einen noch zentraler gelegenen Arbeitsplatz im Rathaus. Aber als Mitglied der Stadtgestaltungskommission, die sich mit Projekten von besonderer architektonischer Bedeutung beschäftigt, durfte sie ihre Skepsis gegenüber dem Bauprojekt äußern.

Es war an Markus Allmann, in der jüngsten Sitzung der Kommission als Vertreter des Planerteams aus den zwei Münchner Büros Allmann Sattler Wappner Architekten und Ochs Schmidhuber Architekten der Kritik Wolfs entgegenzutreten. "Es gibt immerhin eine 40 Zentimeter hohe Brüstung und sicher unterschiedliche Perspektiven: Ich würde da wahnsinnig gern arbeiten mit dem tollen Blick auf den Bahnhofsvorplatz, kann es mir aber vermutlich nicht leisten", sagte Allmann.

Eigentlich sollte an der Stelle ein ganz anderes Gebäude entstehen: ein Hotel der Marke "Motel One". Weil gegenüber in der Schillerstraße noch ein Haus dieser Kette geplant wird, gab es Ende 2018 eine Diskussion darüber, ob es nicht langsam zu viel werde mit den Hotels im Bahnhofsviertel. Die Stadt sagte jedoch, sie könne genehmigungsrechtlich nichts dagegen tun. Im Herbst 2019 verabschiedete sich die Firma DC Values, der das Grundstück gehörte, aber ohnehin überraschend von den Hotelplänen und verkaufte das Areal an eine Gemeinschaftsfirma des Starnberger Immobilienunternehmens Ehret und Klein mit der Münchner Büschl-Gruppe, die sich wiederum mit dem Bauwens-Konzern aus Köln zusammengeschlossen hat.

Die neuen Eigentümer setzen nun auf eine sechsgeschossige Bebauung mit ausgebautem Dach. Im ersten Untergeschoss, im Erdgeschoss und im ersten Stock sollen Geschäfte und Gastronomie unterkommen, darüber Büros. Die Vermietung der Flächen läuft bereits. Besonderheiten an der Fassade sind zum einen die verglaste Hausecke zur Straße hin. Zudem planen die Architekten, die Fenster zur Schillerstraße hin von 5,40 Meter erst auf 2,70 und dann auf 1,35 Meter zu verschmälern. "So verfestigt sich das Haus in die Schillerstraße hinein", beschrieb Allmann die Idee dahinter. Die "aufgeglaste Ecke" werde sicher Diskussionen geben, sagte er in seiner Vorstellung des Projekts.

Und damit lag er richtig. Die Mitglieder der Stadtgestaltungskommission waren allerdings uneinig. Die offene Ecke habe Bauhaus-Gründer Walter Gropius erfunden, merkte Christoph Sattler, Münchner Architekt und Vertreter der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, an, "in diesem Fall aber entsteht ein Problem in der Verbindung mit dem gewalmten Dach". Der Heimatpfleger Bernhard Landbrecht fragte zudem, ob man die Fensterbreite nicht einheitlich auf 2,70 Meter bringen könne, um "die Gliederung von groß zu mittel zu klein, die mich nicht ganz überzeugt, zu überwinden". Der Berliner Architekt Piero Bruno hingegen äußerte seine Zustimmung zu dem Entwurf, der "feinfühlig und gut proportioniert" sei. Auch sein Münchner Kollege Manfred Kovatsch sagte: "Ich unterstütze das Projekt vollumfänglich. Die gläserne Ecke beschäftigt mich auch, aber ich finde es generell sehr logisch, wie es erklärt wurde".

In ihrem Beschluss stimmte die Stadtgestaltungskommission dem Projekt letztlich grundsätzlich zu, wies aber einmütig auf ein Manko hin: dass bei der weiteren Bearbeitung des Erdgeschosses "ausreichend Platz für den Fußgängerverkehr" geschaffen werden müsse. Der Übergang zum Bürgersteig sei schwierig zu planen, räumte auch Architekt Markus Allmann ein. Denn durch das Aufeinandertreffen des bestehenden U-Bahn-Aufgangs mit der noch zu schaffenden Tiefgarageneinfahrt und den Fahrradabstellplätzen sei der Platz sehr beengt.

© SZ vom 05.08.2020

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