bedeckt München 12°
vgwortpixel

Kriminalität:Trendwende im Bahnhofsviertel

Polizist am Bahnhof angegriffen

Die Polizei zeigte im vergangenen Jahr verstärkt Präsenz am Hauptbahnhof, um Straftaten zu verhindern.

(Foto: dpa)
  • Die Zahl der Straftaten in und um den Münchner Hauptbahnhof ist im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen.
  • Die Polizei stellte 6633 Straftaten fest. Etwa ein Drittel davon standen im Zusammenhang mit Drogenhandel.
  • Die Zahl der Rohheits- und der Diebstahlsdelikte ging um jeweils rund ein Viertel zurück.

München ist die sicherste Millionenstadt Deutschlands - und hat vermutlich auch den sichersten Hauptbahnhof. Jedenfalls ist die Zahl der Straftaten in und um den zur Großbaustelle mutierten größten Bahnhof Bayerns mit täglich rund einer halben Million Besuchern und Fahrgästen im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen, um knapp ein Fünftel.

In seiner Analyse der Kriminalstatistik 2019 nennt Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä zwei Gründe für die Entwicklung: die intensiven Kontrollen und das seit August ganztägig geltende Alkoholverbot.

Längst freilich geht es nicht mehr um den Hauptbahnhof allein, auch nicht ausschließlich um das südliche und nördliche Bahnhofsviertel. Auch Nußbaum- und Herzog-Wilhelm-Park, Alter Botanischer Garten und Königsplatz werden in die Schwerpunktaktionen der Polizei einbezogen. Denn man hat erkannt: Zu kleinräumiges Agieren führt allein zu Verdrängung verschiedener Szenen zu neuen, nahe gelegenen Hotspots.

Seit 2014 waren im Bahnhofsviertel "ansteigende Zahlen im Bereich der Sicherheits- und Ordnungsstörungen zu verzeichnen gewesen", räumt Andrä ein. Nach fünf Jahren, in denen unter anderem am "Runden Tisch" mit anderen Behörden, aber auch mit Betroffenen die Probleme besprochen und Gegenmaßnahmen diskutiert wurden, sieht es so aus, als sei eine dauerhafte Trendwende geschafft. Ein Schmuckstück ist der Münchner Hauptbahnhof derzeit nicht, ein Angstraum aber auch nicht - zumindest beim Blick auf die Zahlen.

Man habe, sagte Andrä vergangene Woche, dort 2019 "einen gleichbleibend hohen Kontrolldruck" ausgeübt. Zusammen mit Bundespolizei, Zoll, Bereitschaftspolizei und Kommunalem Außendienst (KAD) der Stadt führte die Polizei am 6. Juni eine Großkontrollaktion durch. Außerdem verzeichnet die Bilanz fürs vergangene Jahr 37 Schwerpunkteinsätze und 515 Einsätze geschlossener Einheiten sowie weitere 91 Schwerpunktkontrollen allein gegen die Rauschgiftkriminalität. Im Schnitt zwei Mal pro Tag machten größere Polizeieinheiten Dealern, Taschendieben und Kriminellen aus dem Rotlichtmilieu das Leben schwer.

Mit dem Ergebnis dieser ständig sichtbaren Präsenz ist der Polizeichef zufrieden. Die Gesamtkriminalität rund um den Bahnhof habe um 18,7 Prozent auf 6633 Fälle abgenommen. Etwa ein Drittel davon entfielen auf den Bereich der Rauschgiftkriminalität. Überdurchschnittlich hoch war der Rückgang der Straftaten in den Bereichen, die mit darüber entscheiden, ob Anwohner und Passanten ein Gebiet als regelrechten "Angstraum" empfinden: Die Zahl der Rohheits- und der Diebstahlsdelikte ging um jeweils rund ein Viertel zurück.

Manchmal löst sich auch eine vermeintliche Gefahr buchstäblich in Nichts auf. Ein Großeinsatz vom Beginn des laufenden Jahres zeigt, wie umsichtig Passanten und Polizei reagieren, wenn Gefahr im Verzug zu sein scheint. Am ersten Donnerstagabend im neuen Jahr machte ein Passant am Hauptbahnhof Polizisten auf eine am südlichen Ausgang des Hauptbahnhofs abgestellte, herrenlose Reisetasche aufmerksam.

Weil unklar war, wer diese Reisetasche warum dort abgestellt hatte, leiteten Landes- und Bundespolizei vorsorglich umfangreiche Absperrmaßnahmen im Bereich des südlichen Hauptbahnhofs ein. Für das Bahnhofsinnere sind nämlich die dort stationierten Bundesbeamten zuständig, jenseits der Türen beginnt der Bereich der Münchner Polizei.

Um schneller reagieren zu können, gehen seit einigen Jahren aber Bundes- und Landespolizisten immer wieder gemeinsam auf Streife. In der Reisetasche fanden sich diverse Übernachtungsutensilien wie ein Schlafsack und eine Isomatte. Bis das klar war, waren große Teile des Hauptbahnhofs eine Stunde lang gesperrt.

Einen spektakulären Einsatz verzeichnete Ende September vergangenen Jahres auch die Bundespolizei. Nachdem ein Reisender einer Polizeistreife mitgeteilt hatte, dass sich im Zug eine männliche Person mit einer Schusswaffe befinde, kontrollierten rund 70 Bundespolizisten die 200 Passagiere eines ICE. Weder bei den Kontrollierten noch im Zug wurde jedoch eine Schusswaffe aufgefunden.

Kleine Ursache, große Wirkung - das zeigt sich auch beim Thema Alkohol. Als besonders wirksam hat sich nach Andräs Einschätzung das ganztägige Alkoholverbot am Hauptbahnhof erwiesen. Dadurch hätten seine Beamten oft frühzeitig eingreifen können, noch bevor Konflikte eskalierten, Platzverbote aussprechen und so Straftaten verhindern können.

Im inneren Bereich direkt am Bahnhof sank die Zahl der Straftaten um gut zwölf Prozent auf knapp 3000 - 16 Prozent der Delikte wurden dort unter Alkoholeinfluss verübt, immerhin vier Prozent weniger als im Jahr vor der Einführung des ganztägigen Alkoholverbots, aber immer noch deutlich mehr als im stadtweiten Durchschnitt. Die Zahl der Delikte im direkten Bahnhofsbereich ist damit nach dem sprunghaften Anstieg 2016 nun schon das dritte Jahr in Folge wieder deutlich zurückgegangen. Jede dritte Straftat im direkten Bahnhofsumfeld hat mit Rauschgifthandel zu tun.

Besonders stark ging die Zahl der von der Polizei registrierten Straftaten im Gebiet nördlich des Hauptbahnhofs zurück, nämlich um ein Drittel auf 833. Das liegt vor allem daran, dass in diesem Gebiet deutlich weniger Rauschgiftdelikte registriert wurden als im Vorjahr. Im südlichen Bahnhofsviertel betrug der Rückgang der Straftaten ein Fünftel (2899 Fälle).

"Für das Jahr 2019 legen wir erneut ein großes Augenmerk auf die Verbesserung der Sicherheitslage am Münchner Hauptbahnhof", hatte Andrä vor einem Jahr angekündigt und versichert: "Insbesondere im Inneren des Hauptbahnhofs und dessen unmittelbarer Umgebung konnten wir durch personalintensive Kontrollaktionen und erhöhte Präsenz bereits jetzt eine Verbesserung erreichen." Das Fazit des Polizeipräsidenten ein Jahr später: Das personalintensive Bemühen der Münchner Polizei um Sicherheit im Bahnhofsviertel hat sich erneut ausgezahlt.

© SZ vom 26.03.2020/kaal
Gesundheit in München Münchens Kliniken setzen alles auf Bereitschaft

Coronavirus-Pandemie

Münchens Kliniken setzen alles auf Bereitschaft

Große Krankenhäuser stocken ihre Notfall-Kapazitäten stetig für die erwartete Covid-19-Welle auf. Privatkliniken und Praxen leiden unter verschobenen Operationen.   Von Ekaterina Kel

Zur SZ-Startseite