Areal am Münchner HauptbahnhofProblemzone Bahnhofsviertel – ein Fall für die Taskforce

Lesezeit: 4 Min.

Auffällig viele Imbisse, Juweliere, internationale Supermärkte und Restaurants finden sich in der Gegend rund um den Hauptbahnhof.
Auffällig viele Imbisse, Juweliere, internationale Supermärkte und Restaurants finden sich in der Gegend rund um den Hauptbahnhof. Florian Peljak
  • Die Stadt München schickt ihre Taskforce ins südliche Bahnhofsviertel, um die neue Problemzone sicherer, ordentlicher und sauberer zu machen.
  • Der Kreisverwaltungsausschuss beschließt am Dienstag ein erstes Maßnahmenpaket aus mehr Polizeipräsenz, sozialen Angeboten und Straßenaufwertung für die Goethestraße.
  • Das Viertel hat 31 Spielhallen und 14 Sportwettbüros sowie viele Sex-Etablissements, deren Häufung die Stadt durch bessere Gewerbemischung aufbrechen will.
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Abends wird im südlichen Bahnhofsviertel auch mal gepöbelt und an Hausecken gepinkelt. Die Stadt hat dort Handlungsbedarf ausgemacht. Wie das Eingreifen von Stadt, Polizei und Deutscher Bahn die Gegend verändern soll.

Von Heiner Effern und Max Fluder

Die Baustellen werden mehr, je näher man der größten von allen, dem Hauptbahnhof, kommt. An der Goethestraße selbst und den umliegenden Straßen, vor allem an der Schwanthalerstraße. Es liegt Müll in Hauseingängen, am Straßenrand, zwischen Parkplätzen. Essensreste und -verpackungen. Flaschen. Auch Scherben. So viel, dass man in München darauf intuitiv achtet. In anderen deutschen Großstädten würde man zu der Situation vermutlich sagen: sauber.

Es ist Montagnacht, 22.55 Uhr, und es hat minus zwei Grad. Eine Stunde, in der die Ecken und Kanten, die einem jede Stadt um diese Uhrzeit präsentiert, noch mal spitzer sind. Rauer. Schroffer. Wer jetzt noch unterwegs ist, und das sind sehr wenige, eilt schnell weiter.

Aus dem Sperrengeschoss der U-Bahn am Hauptbahnhof kommt ein Mann. Er wankt. Geht zu einem Hauseingang, stützt sich ab. Und pinkelt ins Eck. Er pöbelt, spuckt danach auf den Boden, und pöbelt von vorn. Eine Straßenecke weiter steht ein weiterer Mann in einem Hauseingang, etwa gleich alt. Er murmelt, ihm sei kalt. Auf Ansprache reagiert er nicht. Gegenüber führt eine Frau ihren Hund zwischen Baustellenzäunen Gassi. Sie hat es merklich eilig.

40 Minuten braucht es, um einmal dort auf und ab zu schlendern, wo die Stadt München ihre neue Problemzone ausgemacht hat, vom Goetheplatz bis zum Hauptbahnhof, et vice versa. Die Lage im südlichen Bahnhofsviertel, speziell in der Goethestraße, erscheint der Stadtpolitik so brisant, dass sie ihre Taskforce, die sich bisher vorrangig mit dem Alten Botanischen Garten beschäftigt hat, dorthin geschickt hat. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat das bereits im September 2025 angeordnet, mit einem klaren Auftrag: Sicherer soll das südliche Bahnhofsviertel werden, ordentlicher, sauberer, braver.

Der Kreisverwaltungsausschuss des Stadtrats beschließt dafür am Dienstag mit nur einer Gegenstimme von „Die Partei“ ein erstes Paket an Änderungen und Initiativen. Ein zweites soll im Sommer folgen. Der Plan der Stadt: Eine Mischung aus mehr Präsenz der Polizei und des Sicherheitsdiensts der Stadt, aus mehr Licht, mehr Sauberkeit, Schanigärten und Tempolimits sowie aus starken sozialen Angeboten soll nicht nur das Gesicht, sondern den mitunter rauen Charakter der Straße weicher machen.

Einen Riesenwurf nennt Hanna Sammüller (Grüne), Chefin des Kreisverwaltungsreferats (KVR) und damit verantwortlich für Ordnung und Sicherheit in der Stadt, den Beschluss. „Ein Mosaik aus vielen einzelnen Steinen“, sagt die Leiterin der Taskforce, in dem es nicht nur um Law-and-Order gehe, sondern ein großer Fokus auf sozialen Angeboten liege. Wichtige Mosaiksteine sind hier etwa die Jugend-Streetworker und das Begegnungszentrum D3 für Suchtkranke und Wohnungslose, die nach dem Alkoholverbot am Hauptbahnhof nicht mehr wissen, wo sie hin sollen. Oder das L43, Drogennotdienst und Suchthilfezentrum in einem.

Das Flair des Bahnhofsviertels soll erhalten bleiben

Gegründet hat die Stadt ihre Taskforce, um die Lage im Alten Botanischen Garten zu beruhigen. Neben dem Nußbaumpark vormals vielleicht Münchens einziger Ort der öffentlichen Drogenszene, verändert durch einen alkoholfreien Biergarten, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Und durch starke Polizeipräsenz, Videokameras, das Ausholzen des Grüns und ein neues Sportangebot. Gewalt und Drogenkonsum sollen seither spürbar abgenommen haben. Das verbucht die Taskforce, in der sich verschiedene städtische Referate, die Polizei und als Neuzugang auch die Deutsche Bahn miteinander abstimmen, als ihren ersten Erfolg.

Die Stadtratsdebatte über ihre neue Aufgabe im südlichen Bahnhofsviertel bleibt sachlich. Trotz der nahenden Kommunalwahl am 8. März nutzt niemand im Kreisverwaltungsausschuss das Thema Sicherheit, um daraus bei Wählerinnen und Wähler Kapital zu schlagen. Es gebe bereits erste Verbesserungen, sagt CSU-Vize-Fraktionschefin Evelyne Menges. Grüne und SPD betonen, dass nach bewährtem Münchner Vorgehen die Sicherheit und das Soziale eng verknüpft werden müssten.

Auch das Flair des Bahnhofsviertels soll bleiben. „Wir haben nicht den Anspruch, etwas völlig anderes daraus zu machen oder das jetzige Leben zu verdrängen“, sagt SPD-Stadträtin Lena Odell. Die Grünen ziehen ebenso mit, freuen sich über das Engagement auch von Anwohnern und Gewerbetreibenden. „Da müssen wir noch viel Arbeit investieren“, sagt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Clara Nitsche.

In der Goethestraße will die Stadt durch einen Pilotversuch in den kommenden Jahren testen, wie die Aufwertung einer Straße und zugleich die Erhöhung der subjektiven Sicherheit gelingen können. Gerade auch in den kommenden zehn oder sogar 15 Jahren, bis der Hauptbahnhof komplett neu gestaltet ist. Viele Ideen hat laut KVR der Verein Südliches Bahnhofsviertel München geliefert. Zu diesen gehört, dass Tempo 30 und die Einbahnstraßenregelung erst einmal bleiben. Mehr Grün soll kommen, Schrotträder sollen weg, Fassaden verschönert werden. Im Advent soll möglicherweise ein kleiner Christkindlmarkt kommen.

Dazu soll das Gewerbe mehr kontrolliert und auch hier eine bessere Mischung erreicht werden. Das KVR hat im südlichen Bahnhofsviertel 31 Spielhallen und 14 Sportwettbüros gezählt. Dazu komme „eine Häufung von Tabledance und vergleichbaren Sex-Etablissements“, heißt es in der Beschlussvorlage. Dieses Bild will die Stadt aufbrechen, mit allen möglichen Hebeln im Planungs- und Sicherheitsrecht.

An Spielhallen und ...
An Spielhallen und ... Florian Peljak
Wettbüros mangelt es im südlichen Bahnhofsviertel nicht.
Wettbüros mangelt es im südlichen Bahnhofsviertel nicht. Florian Peljak
Beim Einkaufen geht es international zu.
Beim Einkaufen geht es international zu. Florian Peljak

Beim nächtlichen Spaziergang zählt man in der Goethestraße auf wenigen Hundert Metern mehr als ein halbes Dutzend Wettbüros und Spielhallen. Direkt am Bahnhof passiert man einen Stripclub. Ansonsten finden sich auffällig viele Juweliere, internationale Supermärkte, Restaurants und Imbisse. Die angebotene Küche reicht von fernöstlich über afghanisch bis türkisch.

Auf den teils ohnehin schon schmalen Bürgersteigen schlagen die Menschen, die noch unterwegs sind, große Bögen, um einander ja nicht nahezukommen. Die meisten wollen nicht reden, manche bleiben nach einer Anrede nicht einmal stehen. Das muss nicht an der Straße liegen und auch nicht am Viertel. Sondern an der Uhrzeit, an der Kälte. Oder an der Tatsache, dass es Besseres gibt, als sich nachts mit einem fremden Mann zu unterhalten.

Einer bleibt dann doch stehen. Er trägt eine dunkle Steppjacke, eine schwarze Mütze und Bart. Hinter sich zieht er einen Rollkoffer mit einer Sporttasche darauf. Er kommt vom Bahnhof, geht nach Hause und durchquert dabei die Goethestraße auf voller Länge. Schlimm? Findet er nicht, „ist halt das Bahnhofsviertel“, sagt er. Es gebe schlimmere Städte und erst recht schlimmere Bahnhofsviertel. „Ich bin noch immer sicher daheim angekommen.“

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