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Protest:Stuttgart 21: "Ein Irrsinn sondergleichen!"

Aber dann kommt die Volksabstimmung und der Bahnhof wird doch gebaut. In einer leicht modifizierten Variante zwar, aber für Hesse immer noch falsch, viel zu teuer und vor allem: nicht geeignet für den integralen Taktfahrplan. Eine Handvoll Unversöhnlicher will sich damit nicht abfinden. Hesse ist dabei, entwirft Pläne, wie der Bau noch gestoppt und anders genutzt werden könnte. Der demokratische Entscheidungsprozess ist abgeschlossen, der Rechtsweg ausgeschöpft, alle Schlachten geschlagen. "Das ist nicht unumkehrbar!", hält er dagegen. "Die Leute müssen zur Besinnung kommen!" Er wolle nicht demokratische Entscheidungen infrage stellen, "aber wenn etwas falsch ist, muss man das Projekt auf den Prüfstand stellen".

Einige sagen, wegen Leuten wie Wolfgang Hesse geht in Deutschland nichts mehr voran. Kein Bauvorhaben, das nicht von einer Bürgerinitiative ausgebremst würde, die irgendeine seltene Tierart findet oder einen Kniff beim Denkmalschutz. "Schaut nur nach China", sagen solche Leute. "Da werden in der gleichen Zeit ganze Städte gebaut!" Andere sagen, Menschen wie Wolfgang Hesse halten unsere Demokratie am Leben. Eine Demokratie, die es in China gar nicht gibt.

Aber warum gehen manche noch nicht einmal zur Wahl und andere engagieren sich mit Haut und Haar gegen einen Bahnhof oder für einen Park, als wäre es ihr Lebensinhalt? Klaus Bäumler kennt sich aus mit Bürger-Engagement in München. Der ehemalige Richter am Verwaltungsgericht war Jahrzehnte lang Vorsitzender im Bezirksausschuss der Maxvorstadt. Mit dem Münchner Forum unterstützt er Bürger dabei, sich in die Stadtplanung einzubringen.

Spontan fällt ihm gleich ein halbes Dutzend Beispiele ein, wie Vorhaben, die bereits beschlossen waren, doch noch gestoppt werden konnten. Der Bebauungsplan für die Staatskanzlei war bereits rechtsverbindlich, als bei einer Untersuchung des Baugrunds auffiel, dass das alte Hofbrunnwerk übersehen worden war, und das Bundesverwaltungsgericht kippte die Pläne für die Flügelbauten. 2014 war der Abriss der Gebäude in der Müllerstraße 2-6 per Stadtratsentschluss entschieden. Dann stellte sich heraus, dass eine Genehmigung für die Zweckentfremdung fehlte. Heute ist dort das Bellevue di Monaco, ein Begegnungsort geschaffen von Bürgern, die nicht aufgegeben haben.

Deshalb findet es Bäumler falsch, die Bahnhofsgegner als Querulanten zu diffamieren. "Die Bürger haben ein Recht darauf, für ihre Überzeugung einzutreten", sagt er. "Sie sollten nicht aufgeben, auch wenn es aussichtslos erscheint." Der Erfolg hänge eben oft von Zufällen ab. Wer weiß, wenn im Bahnhof doch noch eine Haltestelle für die U 9 untergebracht werden soll, ob ein neues Planfeststellungsverfahren dann nicht doch wieder alles über den Haufen wirft?

"Besserwisser-Professor": Hesse ärgert sich über solche Kommentare

Wolfgang Hesse glaubt nicht, dass es den Entscheidern um den Verkehr geht. Es gehe um Wirtschaftsinteressen, die Interessen der Immobilienentwickler und großer Tunnelbau-Unternehmen, ist er überzeugt. Aber was mache ich, wenn ich weiß, dass ich die besseren Argumente habe, aber doch überstimmt werde? 99 Prozent der Wähler sind nun einmal keine Infrastruktur-Experten. "Man muss im Vorfeld besser informieren", sagt Hesse. Es sei absurd, dass der Ausbau einer bestehenden Bahnstrecke genauso teuer sein soll, wie ein Tunnelbau: "Da brauche ich kein Infrastrukturexperte zu sein, um zu sagen, dass das nicht mit rechten Dingen zugeht."

Wenn andere ihn einen Querulanten nennen, kränkt ihn das. Seine Kritik sei doch konstruktiv. Briefe und Mails unterschreibt er mit seinem vollen Titel: Prof. Dr. Wolfgang Hesse. Aber als er neulich einer Zeitung ein Interview gegeben hat und hinterher las, wie Leser in den Online-Kommentaren über den "Besserwisser-Professor" lästerten, da hat er sich geärgert.

Manchmal gibt es auch kleine Erfolge. Als die geplante Privatisierung der Bahn abgesagt wurde etwa. Das lag zwar an der Finanzkrise und nicht an seinem Protest, aber trotzdem: "Wie Mehdorn gehen musste, da habe ich eine Spontanparty gegeben." Wenn Stuttgart 21 stirbt, will er wieder eine Party machen. "Und wenn der Münchner Tieftunnel abgesagt wird und ich noch fit dafür bin, mache ich auch eine Spontanparty, da lade ich alle ein, die mich unterstützt haben, das verspreche ich."

Vor einigen Wochen hat Verkehrsminister Andreas Scheuer den "Deutschlandtakt" angekündigt, einen abgestimmten Fahrplan, bei dem die Züge alle 30 Minuten fahren. Das klingt wie Hesses integrierter Taktfahrplan, aber Hesse traut dem Minister nicht. Die Bundeskanzlerin hält er für vernünftiger. Die Bahn sei wohl nicht Merkels Thema, aber bessere Berater könnte sie gebrauchen. "Ich würde den Job noch heute antreten."

© SZ vom 29.05.2019/axi
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