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Hilfe aus der Luft:Schwieriger Start für Münchens ersten Rettungshubschrauber

Der erste Rettungshubschrauber, auf den Namen 'Kolibri' getauft, war vom ADAC angemietet.

(Foto: ADAC)

Bei schweren Unfällen ist die Hilfe per Helikopter heute selbstverständlich. Bei der Einführung der Luftrettung vor 50 Jahren wurde die Idee belächelt - dabei war die Situation im Straßenverkehr erschreckend.

Von Marco Völklein

Es hat gekracht auf einer kurvigen Landstraße im Münchner Norden. Aus der Luft eilt Hilfe herbei: Ein Rettungshubschrauber landet auf einem Feld oder einem Sportplatz in der Nähe, noch während der Pilot die Turbinen abschaltet und die Rotorblätter auslaufen, eilen der Notarzt und der Notfallsanitäter vom Hubschrauber zum Unglücksort. Auf dem Rücken haben sie Notfall- und Medikamententasche, in den Händen weiteres medizinisches Gerät. Was für uns heutzutage selbstverständlich ist, wurde Ende der Sechziger- und zu Beginn der Siebzigerjahre noch von vielen belächelt.

Das berichtete Hans Burghart, damals Oberarzt am Harlachinger Krankenhaus und Kreisvorsitzender des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in München, in einer Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom September 1980. Damals feierte man das zehnjährige Bestehen der Luftrettung am Klinikum Harlaching. Und nicht nur das: Von Harlaching aus begann der Siegeszug der Luftrettung in Deutschland. Die Idee, dass ein Notarzt mit einem Hubschrauber an eine Einsatzstelle geflogen werden sollte, um den Patienten zu versorgen, wurde selbst "von vielen großen Klinikchefs nicht für notwendig erachtet", erzählte Burghart damals der SZ. Es sei nur "ein paar Fanatikern" zu verdanken, dass die Hilfe aus der Luft loslegen konnte.

Aus heutiger Sicht ist es kaum mehr nachzuvollziehen, warum es die wenigen Fanatiker so schwer hatten. Die Situation auf den Straßen war Ende der Sechzigerjahre jedenfalls erschreckend: Im Laufe der Wirtschaftswunderjahre war der Verkehr stark angewachsen, eine Gurtpflicht gab es nicht, ebenso wenig eine Promillegrenze oder eine Helmpflicht für Motorradfahrer. Nach ADAC-Angaben starben 1967 etwa 20 000 Menschen im Straßenverkehr (zum Vergleich: 2019 waren es 3059). Unfallmediziner fanden bereits in den Sechzigerjahren heraus, dass 15 bis 20 Prozent der tödlich Verunglückten bei einer schnelleren Notfallversorgung noch eine Überlebenschance gehabt hätten.

Doch das Rettungswesen war überfordert, von einem flächendeckenden Netz konnte damals keine Rede sein. Im gesamten Münchner Stadtgebiet sind zu der Zeit gerade einmal eine Handvoll Rettungswagen im Einsatz, auf dem flachen Land sieht die Versorgung noch schlechter aus. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Johanniter-Unfallhilfe (JUH) setzen freiwillige Helfer ein, die von provisorisch eingerichteten Rettungswachen aus zu Unfällen ausrücken - meist in VW-Bussen, ausgerüstet mit kaum mehr als einer Trage im Fond und einer kleinen Leinentasche mit Verbandsmaterial.

Nicht selten ist der Rettungswagen mit nur einem Sanitäter besetzt; der muss am Unfallort Passanten oder Polizisten bitten, ihm beim Verladen des Patienten zu helfen. Findet sich niemand, der den Transporter zur Klinik fährt, steuert der Sanitäter den Bulli selbst ins Krankenhaus - und beobachtet während der Fahrt den Patienten im Rückspiegel. "Rückspiegelrettung" nennen die Helfer das damals im Fachjargon.

Die paar Luftrettungsfanatiker aus Harlaching aber wollen sich damit nicht abfinden. Findige Notärzte und engagierte Mitarbeiter des seit dem Jahr 1905 in München ansässigen Automobilklubs ADAC tun sich zusammen und entwickeln eine nahezu revolutionäre Idee: Wie wäre es, fragen sie, wenn man bei besonders schweren Unfällen gleich einen kundigen Mediziner an den Unfallort bringt, der sich dort darum kümmert, einen Patienten zu stabilisieren? Und wie wäre es, wenn man zum Transport des Mediziners wie auch zum Transport des Patienten anschließend in eine Klinik den kürzesten Weg nutzt - nämlich den durch die Luft?

Im Sommer 1968 starten vom Flughafen in Riem aus erste Versuchsflüge mit einem angemieteten Hubschrauber; im darauffolgenden Winter gibt es weitere Testflüge vom Klinikum rechts der Isar aus, um zu prüfen, inwieweit das Luftrettungskonzept auch in den kälteren Monaten funktioniert. 50 000 Mark dafür kommen vom Bundesverkehrsministerium, 30 000 Mark steuert der ADAC bei.

Die Ergebnisse sind aus Sicht der Initiatoren beeindruckend: Der Hubschrauber benötigt im Schnitt nur zwölf Minuten, um einen Einsatzort zu erreichen. "Diese Schnelligkeit hat unter anderem einer Frau das Leben gerettet, die schon als tot gemeldet war", heißt es in einem Zeitungsbericht aus dem Dezember 1968. "Die Wiederbelebungsversuche des mitfliegenden Notarztes hatten Erfolg."

Im Herbst 1970 schließlich nimmt mit Christoph 1 am Klinikum Harlaching der erste Rettungshelikopter Deutschlands den regulären Betrieb auf. "Der Weg war steinig und hart", wird der damalige ADAC-Vizepräsident Franz Stadler zitiert, "aber jetzt sind wir am Ziel."

Und aller Widerstände am Anfang zum Trotz setzt sich die Idee der schnellen Hilfe aus der Luft rasch durch. Schon ein Jahr später greift das Bundesinnenministerium die Idee auf, nach und nach entsteht so ein dichtes Netz aus Rettungshubschraubern. Auch die Björn-Steiger-Stiftung, die sich zunächst vor allem um den Aufbau von Notrufsäulen verdient macht, steigt in die Luftrettung ein. Daraus entsteht später die DRF Luftrettung, neben dem ADAC das zweite große zivile Standbein. Neben diesen beiden Organisationen betreibt zudem noch das Bundesamt für Bevölkerungssschutz und Katastrophenhilfe Luftrettungsstationen in Deutschland.

Auch die Technik entwickelt sich über die Jahre weiter: ADAC wie DRF schaffen größere, leistungsfähigere, aber zugleich auch leisere Maschinen an - wenngleich es immer wieder insbesondere rund um die Kliniken in Harlaching und Großhadern Beschwerden von Anwohnern über Belastungen durch Fluglärm gibt. Auch die medizinische Ausstattung der Helikopter wird über die Jahre weiterentwickelt, insbesondere für die intensivmedizinische Betreuung, um Patienten rasch und zugleich schonend in Spezialkrankenhäuser verlegen zu können. Für Einsätze in den Bergen oder über den oberbayerischen Seen sind einige Maschinen mittlerweile mit Seilwinden ausgestattet, die Crews für solche Einsätze entsprechend trainiert.

Die mittlerweile elf in Bayern stationierten Rettungs- und die vier Intensivtransporthubschrauber wickelten im Jahr 2018 mehr als 20 000 Einsätze ab. Die Zahlen für das Jahr 2019 wird Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Donnerstag bei einer Veranstaltung im Hubschrauberhangar des ADAC am Klinikum Harlaching präsentieren. Mit dieser Veranstaltung will der ADAC auch das "Jahr der Luftrettung" zum 50-jährigen Bestehen einläuten. Geplant ist im Oktober unter anderem ein "Tag der offenen Tür" in der Harlachinger Station, im November ein Festakt. Und es soll einen besonders gestalteten "Jubiläumshelikopter" geben.

Zudem treibt die Luftrettungstochter des Automobilklubs die Idee der schnellen Hilfe aus der Luft weiter voran: Seit Jahresende 2018 läuft in Dinkelsbühl in Franken und an zwei Stationen in Rheinland-Pfalz eine Machbarkeitsstudie, die klären soll, inwieweit künftig (autonom fliegende) Multikopter im Rettungsdienst eingesetzt werden können. Kann sein, dass solche Ideen heute von vielen noch belächelt werden. Aber vielleicht wird man in 50 Jahren ganz anders darüber urteilen.

© SZ vom 05.03.2020/kaal
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