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Regional einkaufen:Direkt vom Feld

Marktschwärmer

Christina Gogeff (vorne) und ihre Mutter Maria Gogeff liefern ihre Produkte in die Harlachinger Einkehr, wo sie später von Kunden abgeholt werden.

(Foto: Florian Peljak)

Das Unternehmen "Marktschwärmer" will nach einem französischen Vorbild lokale Nahrungsmittelproduzenten mit ihren Kunden verbinden. In der Harlachinger Einkehr über dem Tierpark wurde nun die erste Münchner Niederlassung eröffnet - Donnerstag ist Abholtag

Von Julian Raff, Harlaching

Click & Collect, also der Interneteinkauf mit Abholung vor Ort, bietet in diesen Zeiten ja fast schon das höchste der Shoppinggefühle - und bleibt doch eine triste Angelegenheit. Dabei verspricht das Konzept, kombiniert mit dem Begegnungsforum eines Bauern-, beziehungsweise Wochenmarkts, ein besonders persönliches und gleichzeitig nachhaltiges Einkaufserlebnis. Davon sind jedenfalls die "Marktschwärmer" überzeugt, die nun an der Harlachinger Einkehr überm Tierpark ihre erste Münchner Niederlassung eröffnet haben. In einem großen Nebenraum der Gaststätte, im Sommer auch draußen, können Kunden jeden Donnerstag abholen, was sie zuvor bei Direktvermarktern aus der näheren Umgebung online bestellt haben und dabei mit den Bauern, Imkern, Fischzüchtern und anderen Produzenten ins Gespräch kommen - zumindest im künftigen Normalbetrieb, sobald sich die Pandemielage entspannt.

Die Idee stammt nicht zufällig aus Frankreich, wo regionale Vermarktung hoch im Kurs steht. Vor zehn Jahren eröffnete in Toulouse der erste derartige Markt unter der heute etablierten Bezeichnung "la ruche qui dit oui", also, "Der Bienenkorb, der ja sagt". Mit gut 800 Niederlassungen allein in Frankreich ist das Netzwerk heute auch in Italien, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden aktiv. In Deutschland, wo im Herbst 2014 der erste Markt eröffnete, gibt es heute 122 Standorte in elf Bundesländern, weitere 116 Märkte sind in Vorbereitung, einer davon soll im Mai in Milbertshofen eröffnen. Das Modell soll nicht zuletzt kleineren Produzenten den direkten Zugang zum Kunden bieten. Diesem eröffnet es wiederum Transparenz, meist auch bio-zertifizierte Produkte, vor allem aber den ökologischen Vorteil kurzer Wege: Im Bundesdurchschnitt liegen zwischen Erzeugerbetrieb und Kunden 27 Kilometer, in Harlaching, wo sich zumindest im Norden die Stadt dazwischen schiebt, sind es mit 35 Kilometer etwas mehr, erklärt Judith Bucher, die die Harlachinger "Schwärmerei" als "Gastgeberin" aufgebaut hat und koordiniert, als Nebenjob und aus Überzeugung.

Die lokalen "Gastgeber" werben Kunden, treiben Lieferanten auf und sind dafür mit 8,35 Prozent am Nettoumsatz beteiligt. Eine in Berlin sitzende Betreiber-GmbH, zuständig für Website und Zahlungsabwicklung, erhält zehn Prozent, wovon wiederum ein kleiner Teil als Lizenzgebühr an die französisch-europäischen Dachorganisation geht. Knapp 82 Prozent bleiben beim Erzeuger. Kein gemeinnütziges, aber ein sozial und nachhaltig orientiertes Unternehmen, erklärt Marktschwärmer-Pressesprecherin Laura Kozlowski. Soweit wie möglich wende man sich auch an die jeweiligen Kommunen auf der Suche nach Standorten. Konkurrenzprobleme mit Wochenmärkten habe es nicht gegeben, zumal man Überschneidungen vermeide und die Händler oft beide Marktplätze nutzten.

Dass die "Marktschwärmer" dabei ihr Modell im Vorteil sehen, versteht sich: Wer es für den Einkauf auf dem traditionellen Wochenmarkt zu eilig hat, kann ohne Anstehen auswählen und sein Paket, wenn er will, auch auf die Schnelle abholen, ohne Ratsch mit dem Händler. Dieser wiederum liefert nur bestellte Ware an und muss am Ende des Tages nichts aussortieren und wegwerfen, so Kozlowski. In der Harlachinger Einkehr sind 26 regionale Erzeuger am Start, nicht nur Landwirte, sondern auch Kunsthandwerker und Anbieter von Naturkosmetik. Sie beliefern vorerst 225 registrierte Kunden. Auch hier erfordert die Teilnahme eine Registrierung als Mitglied, die aber keine Bestellpflicht, Mindestumsätze oder Beiträge nach sich zieht.

Der Standort in der Einkehr hatte es der örtlichen Betreiberin Judith Bucher natürlich schon wegen seiner Lage am steilen Isarhang, hoch überm Tierpark, angetan, mit den Wirtsleuten der "Einkehr" wurde sie schnell handelseinig. Dazu verspricht der Ort ein gutes Auskommen mit der Konkurrenz: Der Wochenmarkt am Mangfallplatz liegt zwei Kilometer entfernt, fast genau so weit ist es zum Sanatoriumsplatz, wo nach dem Wunsch des Bezirksausschusses ein weiterer Markt entstehen könnte - allerdings erst nach dem Umbau des Klinikums.

© SZ vom 30.04.2021/van
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