„Rudelsingen“ auf dem TollwoodHarald Schmidt probt schon mal fürs Feldtheater

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„Wer war auf der Hochzeit von Jeff Bezos und seiner Lauren?“, fragt Harald Schmidt die Gäste im „Half Moon Bar“-Zelt, in das Hunderte wegen des Regens von der Open-Air-Fläche umzogen.
„Wer war auf der Hochzeit von Jeff Bezos und seiner Lauren?“, fragt Harald Schmidt die Gäste im „Half Moon Bar“-Zelt, in das Hunderte wegen des Regens von der Open-Air-Fläche umzogen. (Foto: Alexander Scharf)

Wofür braucht es noch Mut, wenn wir so einen wachen Verteidigungsminister haben, fragt der Kabarettist auf dem Tollwood. Fürs Singen im Massenchor zum Beispiel.

Von Michael Zirnstein

Wie bestellt und nicht abgeholt sitzt Harald Schmidt seitlich der Bühne. Oder eher: wie aussortiert. Über dem 67-Jährigen prangt das Schild „Rückgabe“. Das ist schon witzig. Aber eher Zufall, denn hier hinter der Theke ist der einzige Platz im überfüllten „Half Moon Bar“-Zelt, an dem der große Bühnen- und Fernsehmann (1,94 Meter) geschützt ist. Ein wenig zumindest. Immer wieder schleichen sich Besucher an und bitten um ein Selfie. Die Frage nach einem Handy-Foto mit einer Berühmtheit ist heutzutage ja die Mutprobe des kleinen Mannes oder der kleinen Frau. Das passt somit zum Motto des Tollwood-Festivals 2025: „Mut und machen“.

Was hat Harald Schmidt dazu beizutragen, der nach provokanten Zeiten als wichtigster Latenight-Talker im Fernsehen längst nur noch als onkeliger Kreuzfahrtdirektor Oscar Schifferle im „Traumschiff“ über die Weltmeere cruist? Nun, schon sein Auftritt beim Tollwood-Festival zeugt von Mut, ein wenig. Er war noch nie hier, kann nicht auf sein wertschätzendes Theaterpublikum vertrauen, schon gar nicht an diesem Abend des „Rudelsingens“, wo eine Meute Feierfreudiger nach seiner „launigen“ Eröffnungsrede kollektiv Party-Hits abfeiern will.

Leute, die ihn auf dem Gelände erkannten, sagten freudig: Sie seien auf dem Weg zum Konzert von Max Herre im größeren Zelt. Wie ist Schmidt da hineingeraten? Auf der Trauerfeier für den Münchner Kleinkunstkönig Günter Knoll („Der ließ mich in seinem Hinterhoftheater auftreten, als mich sonst noch keiner haben wollte“) habe ihn Luise Ramsauer, gute Seele von Tollwood, gefragt. Er sagte sofort zu. Da ist eine alte Verbindung in diese urwüchsige Münchner Szene.

Und auch wenn er hier in 35 Minuten sagt, was er immer sagt, nur „hingebogen“ aufs Mut-Thema, sagt er es eben, wie nur Schmidt es sagt: sprunghaft wie stringent, zynisch wie herzlich, banal wie gebildet, tief unter der Gürtellinie wie hochstehend im präfrontalen Kortex.

Braucht überhaupt jemand Mut, wenn Deutschlands Lieblingspolitiker Boris Pistorius auf dem Posten ist? Wenn sich der Verteidigungsminister nachts um 4 Uhr von „seinem“ Generalinspekteur informieren lässt, als „unsere amerikanischen Freunde unsere iranischen Freunde bombardiert haben“. Doch, ja, so einen wachen Heerführer zu haben, das beruhige Schmidt schon. Wobei – hier schlenkert er von „Rising Lion“ zu „Granu Fink“ – der Schlaf von „Männern in unserem Alter“ oft um 4 Uhr nachts endet. Und doch braucht es Mut im Kriegsgebrüll: „Kann sein, dass jeder von uns bald einen Tarnkappenbomber fliegen muss.“ Er selbst werde höchstens noch „für die letzte Runde“ mit der Schrotflinte an der Schulterkordel eingezogen, aber er habe „fürs Feldtheater schon mal Lili Marleen einstudiert“. Immerhin gibt Schmidt einen Tipp, wie jeder von den fünf Milliarden Euro Sondervermögen profitieren könne: durch die Vermietung eines WCs in der eigenen Garage an durchziehende Truppen.

Und jetzt alle zusammen: Ulric Wurschy (rechts) und Volker Becker leiten den spontanen Chor des „Rudelsingens“ durch 24 Hits wie „Music“, „Let It Be“ oder die „Parkplatz Samba“.
Und jetzt alle zusammen: Ulric Wurschy (rechts) und Volker Becker leiten den spontanen Chor des „Rudelsingens“ durch 24 Hits wie „Music“, „Let It Be“ oder die „Parkplatz Samba“. (Foto: Alexander Scharf)

Mit anderen Worten: „Wir haben auf nichts Einfluss“, wie Schmidt mit „Leck mich am Arsch“-Haltung feststellt. Aber wer wird denn die Flinte ins Korn werfen? Was übrigens gefährlich sein kann, wenn in jenem Kornfeld ein Bett steht, das im weiteren Verlauf des Abends von den Hunderten Rudelsingern unter Anleitung der beiden hessischen Stimmungskanonen Volker und Ulli bejubelt wird. Wenn so viele ihre Stimmen erheben und sei es nur aus Spaß an der Freude, stimmt auch der Ironiker Harald Schmidt in den geballten Optimismus ein. Ganz ehrlich. Er schaut sich, was auf ihn folgt, gerne an, bewegt die Lippen wie beim „Kyrie“ in der Kirche, murmelt mit, nicht supermutig, aber immerhin.

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