Wirtshaus Hand aufs HerzSieht gut auf Social Media aus, schmeckt aber nicht so

Lesezeit: 3 Min.

Scheiben vom Knollensellerie in leicht säuerlicher Bratensoße: Das ist „Kein Schweinsbraten“ für 18,50 Euro.
Scheiben vom Knollensellerie in leicht säuerlicher Bratensoße: Das ist „Kein Schweinsbraten“ für 18,50 Euro. (Foto: Stephan Rumpf)

Der Wirt des „Hand aufs Herz“ hat werbetaktisch vieles richtig und zieht damit viele Menschen an.  Die Realität aber sieht anders aus.

Von Pep Rooney

Fangen wir doch mal so an: „Bei meinem Besuch im Hand aufs Herz hat mich hauptsächlich die Küche begeistert. Die Gerichte waren klar auf Frische und Qualität ausgelegt, liebevoll angerichtet und geschmacklich erstaunlich fein abgestimmt.“ Das also kommt dabei heraus, wenn man bei Chat-GPT, dieser Software-Wundernudel, eine Rezension eines Lokals ordert, die auf Bewertungen im Netz basiert. 4,9 von fünf Punkten auf Google: Die Elogen überschlagen sich dermaßen, als hätte Eckart Witzigmann auf seine alten Tage im Hand aufs Herz angeheuert und die alpenländische Küche neu erfunden. Also mussten wir da unbedingt auch mal hin, um die mutmaßlichen Köstlichkeiten in „Münchens modernstem Wirtshaus“ (so die Eigenwerbung) mal zu probieren – aber dazu später.

Das Hand aufs Herz ist ein Lokal in der Dreimühlenstraße, das Ende April dieses Jahres aufgemacht und dessen Wirt Victorio Schlecker seine Genese zum Gastronom auf Instagram detailliert dokumentiert hat. Schlecker ist ein Quereinsteiger, der sich seinen Traum vom eigenen Wirtshaus verwirklicht hat. Auf Insta schreibt er viel über seine Motivation, gutes Essen, regionale Produkte und „Herzblut“. Im Lokal würden „süddeutsche und alpine Klassiker – frisch, modern und mit einem besonderen Twist interpretiert“, steht auf der Homepage des Hand aufs Herz.

Deutlich wird dabei: Der BWLer und ehemalige Vertriebler kann gut verkaufen. Als er seinen Mietvertrag unterschrieb, postete er den Hinweis, dass die Vermieter die Betreiber zweier etablierter Münchner Lokale seien, dem Acetaia und dem Vinaiolo. Schlecker schrieb damals voller Stolz, er habe sich da auch gleich ein paar Tipps geholt. Das Vinaiolo hat Johanna N. Hummel zufällig erst vor einer Woche in der SZ-Kostprobe so sehr gelobt, dass man gern dabei gewesen wäre. Da kann ja nichts mehr schiefgehen, oder?

Der Wirt hat werbetaktisch vieles richtig gemacht: Sein Storytelling zieht viel Publikum an, im Sommer sitzen die Gäste in einem rustikal gestalteten Schanigarten mit Insektenhotel. Drinnen ist das Lokal komplett mit einem Wandgemälde ausgemalt, das die Isar thematisiert und dessen Qualität ein Boulevardblatt mit dem Werk der Asam-Brüder, dieser berühmten Meister des spätbarocken Kirchenglanzes, verglichen hat: Das ist mindestens so dick aufgetragen wie die ganzen Lobeshymnen im Netz.

Noch etwas, ehe es ans Essen geht: Man ist tierlieb im Hand aufs Herz. Bevor es kurz nach der Eröffnung überhaupt eine richtige Speisekarte gab, bot Schlecker, der auch selbst gern auf die Jagd und zum Angeln geht, sogar Hunden eine „Pfotenbrotzeit“ mit Knabberknochen und Wildstangerl an. Wau, der denkt wirklich an alles!

Und was bekommen nun die Herrchen und Frauchen? Es gibt im Hand aufs Herz verschiedene Brotzeiten. Wir probierten das vegane „Aufstrich-Trio“ mit veganer „Leberwurst“, „Kartoffelkas“ und Rote-Bete-Meerrettich-Aufstrich (7,50 Euro), den Obazdn (6,50 die kleine Portion, 11 Euro die große), den Hand-aufs-Herz-Salatteller (12 Euro plus 6,50 für gebratene Hähnchenbruststreifen): Alles ganz okay, auch preislich, man hielt sich nicht lange damit auf, den Gast mit allzu vielen Aromen zu verwirren. Bei der Wildbrühe (9,50) hätten wir uns ein Messer für die beiden als Einlage dargereichten, viel zu harten Grießnockerl gewünscht.

Instagrammable: Das Wandgemälde kann locker mit den Werken der Asam-Brüder mithalten – mindestens.
Instagrammable: Das Wandgemälde kann locker mit den Werken der Asam-Brüder mithalten – mindestens. (Foto: Stephan Rumpf)

Dann die zwei Wildfleischpflanzerl: Aus welchem Tier die gemacht waren, haben wir vergessen zu fragen. Vermutlich ist es aber verdurstet, so trocken waren die Pflanzerl – und mit 25 Euro so teuer, als hätte das Vieh seinen Gnadenschuss mit einer goldenen Kugel bekommen. Dazu gab es einen weitgehend geschmacksfreien und unansehnlichen Kartoffel-Pastinaken-Stampf.

Der begleitete auch den „Kein Schweinsbraten“ (18,50), der aus drei Scheiben gebratenem Knollensellerie bestand, die in einer nicht definierbaren, leicht säuerlichen, veganen „Bratensoße“ badeten. Dazu gab’s ein Blaukraut, das ebenfalls vor allem säuerlich und sonst nach nicht viel schmeckte. Eher derb angerichtet war auch der gebratene Spitzkohl (17,50) mit mutmaßlich der gleichen Soße, Röstkartoffeln und Champignons, die großspurig als  „Kräuter-Pilze“ angepriesen wurden – spätestens da hatten wir den Marketing-Sprech satt.

Wirt Victorio Schlecker hat seine Genese zum Gastronom auf Instagram detailliert dokumentiert.
Wirt Victorio Schlecker hat seine Genese zum Gastronom auf Instagram detailliert dokumentiert. (Foto: Stephan Rumpf)

Aber wir waren ja noch gar nicht fertig. Beim „Jägertopf“ (29) hat die Küche echt eine Leistung vollbracht: Man muss es erst einmal schaffen, das Fleisch bei einem Rehragout so trocken zu bekommen, von Aromen wollen wir hier gar nicht mehr reden. Die Spätzle immerhin hatten einen schönen Biss. Apropos: Die Käsespätzle (16,50) werden als eine Art Signature Dish beworben, das Rezept sei schließlich von der Mama. Die „kräftige Bergkäsemischung“ haben wir aber nicht herausgeschmeckt.

Zu unguter Letzt trauten wir uns noch an ein „Bienenstich-Tiramisu“ (8,50), das angeblich aus einem in Rum getränkten Löffelbiskuit bestand, obendrauf aus „Vanille-Tonka-Sahne“ und „Mandelkrokant“, genauer gesagt was sie in der Dreimühlenstraße darunter verstehen. Unter den lose darauf gestreuten angerösteten Mandelblättchen war vor allem Sahne aber – schon wieder – kein nennenswerter Geschmack. Probieren die in der Küche nicht, was sie da servieren? Soll das die im Netz nachgerade gebenedeite moderne und kreative Küche sein, mit Preisen, die gesalzener sind als das Essen? Ist es den vielen Rezensenten wurscht, was sie in sich reinschaufeln? Und: Sind die Bewertungen wirklich echt?

Viel Sahne, wenig Geschmack: das Bienenstich-Tiramisu“ für 8,50 Euro.
Viel Sahne, wenig Geschmack: das Bienenstich-Tiramisu“ für 8,50 Euro. (Foto: Stephan Rumpf)

Der Service war übrigens sehr nett. Dass man bei einem Flaschenwein den Gästen nicht mehr einen Schluck zum Probieren einschenkt, sondern einfach die Flasche auf den Tisch knallt, gehört wahrscheinlich zu einem derart modernen Wirtshaus dazu. Sternchen bekommt das Hand aufs Herz von uns diesmal nicht. Aber vielleicht bringen wir mal ein Kochbuch vorbei, Marketing-Fibeln hat der Betreiber vermutlich genug gelesen.

Hand aufs Herz, Dreimühlenstraße 25, 80469 München, Telefon: 089 94474115, handaufsherz-restaurant.de, Öffnungszeiten täglich 17–23 Uhr, Dienstag Ruhetag

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal.Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Café Milla
:Nichts Ausgefallenes, aber lecker

Der Milla Club hat seit wenigen Wochen eine kleine Schwester: das Milla Café. Im Fat Cat bekommt man jetzt Espresso und Snacks für zwei Euro – und dazu bald auch Live-Musik.

Von Christina Lopinski

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: