Feiern:Die Nacht der Zombies, Hexen und Mumien

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Luca, der "teuflische Hofnarr", liebt Halloween. Wenn die Plastikmaske am Auge drückt, empfiehlt er, sie kurz mit dem Föhn anzuwärmen. (Foto: Stephan Rumpf)

Laken überm Kopf, literweise Kunstblut im Gesicht: Willkommen zu Halloween. Warum tun sich das so viele junge Menschen an? Weil es allemal angenehmer ist, sich vor Johannes mit der Kettensäge zu gruseln als vor Corona.

Von Julia Schriever, München

Vor dem Sicherheitsmann haben alle am meisten Angst: Er stapft vor dem Münchner Club Backstage herum, deutet auf die Schilder mit dem QR-Code, ruft: "Alle den Code scannen!" Es stehen jetzt schon mehrere Hundert Menschen in der Schlange. Zombies, Hexen, Mumien. Sie haben sich verkleidet, literweise Kunstblut in ihren Gesichtern verteilt, Messer und Kettensägen aus Plastik angeschleppt. Wenn jetzt was schiefläuft, Handy vergessen, Test vergessen, könnte der Abend hier bei diesem Sicherheitsmann schon vorbei sein. Eine blutverschmierte Frau fragt ihn vorsichtig: "Arbeiten Sie wirklich hier? Oder ist das Ihr Kostüm?" Er findet die Frage nicht lustig. Vorne an der Straße steht ein Vampirmädchen, das seinen Ausweis vergessen hat, und weint.

Halloween in Pandemie-Zeiten, das bedeutet strenge Türsteher. Drinnen wummert die Party, draußen fühlt es sich nach Behördengang an. Wer mitfeiern will, braucht nicht nur Eintrittskarte, Ausweis und Registrierung, sondern auch Impfnachweis oder Corona-Test. Ist all der Papierkram erledigt, kann sie losgehen, die wilde Nacht.

Kann man mit einem süßen Kostüm böse Geister vertreiben? Markus versucht das als Einhorn

Hinter dem Eingang verteilt ein Mann Schnaps an alle, die sich verkleidet haben. Also an alle. Und weil sie tagsüber nicht als Henker und Horrorclowns rumlaufen, sondern als Religionslehrer, Notarinnen und Bankangestellte, wollen sie in diesem Text ohne Nachnamen stehen. Markus ist ein Einhorn. Er trägt einen hellblauen Anzug aus Plüsch. "Halloween ist ein heidnischer Brauch. Man soll böse Geister abschrecken", erklärt er. "Da ist es egal, ob das Kostüm süß ist oder gruselig. Und ich hab mir gedacht: Da bin ich lieber süß." Für böse Geister ist so ein plüschiges Einhorn sicher sehr furchterregend.

Markus hat mal IT-Security studiert. Jetzt will er lieber was mit Tieren machen, vielleicht will er in Richtung Tierpflege. An Halloween ist er Einhorn. (Foto: Stephan Rumpf)

Es gibt ja zurzeit jede Menge böse Geister, die dringend mal einer vertreiben müsste. Die Corona-Zahlen explodieren, immer weniger Intensivbetten sind noch frei. Und in Glasgow versucht die Weltklimakonferenz zu retten, was noch zu retten ist.

Wenn es stimmt, dass es bei Halloween ums Geister-Vertreiben geht, dann legen sich die Münchnerinnen und Münchner in diesem Jahr ziemlich ins Zeug. Eine Familie aus Aubing hat ihren ganzen Vorgarten mit Skeletten und Grabsteinen vollgestellt, einen riesigen Kürbis auf dem Garagendach aufgepustet. Der Kletterwald in Vaterstetten hat sich in einen Grusel-Wald verwandelt. Selbst die Autovermietung Sixt warb für ihr Halloween Special, 50 Prozent Rabatt auf Vollkasko- und Diebstahlschutz, "jetzt buuu-chen", Halloween ist ja auch das Fest der miesen Wortspiele.

Um 17 Uhr, als es langsam dunkel wurde, zogen die Kinder los. Manche hatten noch schnell zwei Löcher in ein Bettlaken geschnitten, andere kamen als Ninja Turtles oder Hexen. Viele mussten ihren ganzen Mut zusammennehmen, um an den fremden Haustüren zu klingeln. In München-Denning standen oft noch die Eltern ein paar Meter weiter an der Straße. Zum Aufpassen und manchmal auch zum Anfeuern. "Jetzt sagt mal was!", "Traut euch!", riefen zwei Mütter ihren Kindern hinterher. Die drucksten ein leises "Süßes, sonst gibt's Saures" raus. Zur Belohnung gab's Gummibärchen und Schokolade.

Später zogen dann die Älteren los. Es wird eine Nacht, die aus Sicht der Münchner Polizei "insgesamt ruhig" verläuft. 109 Polizei-Einsätze mit Bezug zu Halloween. Davon die meisten Ruhestörungen, die sich schnell erledigen. Außerdem eine Schlägerei unter Verkleideten. Ein angezündeter Zigarettenautomat.

Im Backstage steigen in diesem Jahr gleich zwei Partys (Archivbild). (Foto: Stephan Rumpf)

Es ist halb neun, als sich drei junge Frauen mit der S-Bahn in Richtung Innenstadt aufmachen. Ihr Plan: Dass die Nacht alles wird, nur nicht "insgesamt ruhig". Sie tragen Teufelshörner und hübsch geformte Blutspuren im Gesicht. Sie teilen sich eine Flasche Weißwein, auf einem Handy haben sie "Hips don't lie" von Shakira angeschaltet. Eine der Frauen steht auf, nutzt den S-Bahn-Haltegriff als Tanzstange, "woah, du Geile", ruft ihre Freundin. Auf dem Nachrichtenbanner der S-Bahn taucht da gerade die gruseligste Nachricht des ganzen Abends auf: "Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in Bayern so hoch wie noch nie."

Draußen ist Party und in den Krankenhäusern die Situation kritisch wie nie

Fast genau einen Monat ist es jetzt her, dass in Bayern die Nachtclubs wieder öffnen durften. Schon gibt es Forderungen, sie wieder zu schließen. Wissenschaftlerinnen und Klinikmitarbeiter warnen. "Draußen ist Party, die Clubs machen auf - aber in den Krankenhäusern ist die Situation so kritisch wie noch nie", sagte Thomas Weiler, Pandemiebeauftragter in Starnberg. "Es ist, als würden wir in zwei Welten leben."

Markus, das Einhorn, wollte nicht zuhause bleiben. Corona hat ihm das ganze Studium versaut, sagt er. Erst ist er nach Albstadt gezogen, um IT-Security zu studieren, aber dann saß er nur in seinem Zimmer, lernte niemanden kennen, war einsam. Inzwischen hat er das Studium geschmissen und ist wieder heim nach Dachau gezogen. Und jetzt feiert er Halloween. Das lässt er sich nicht auch noch versauen. "Meine Freunde sind alle getestet. Ich bin getestet und doppelt geimpft. Die Zurückverfolgung ist hier sehr gut", sagt er.

Wer es an diesem Abend in einen der Münchner Clubs geschafft hat, kann Corona ziemlich gut verdrängen. Im Ampere wird unter dem Motto "Día De Los Muertos" der mexikanische Tag der Toten gefeiert, Frauen mit Blumen im Haar tanzen Salsa. In der Nachtgalerie feiern sie "Sex-o-ween", Gogo-Tänzerinnen und -Tänzer machen einen "Hexentanz".

Im Ampere wird der "Día De Los Muertos" gefeiert. Wer hier gut verkleidet sein will, braucht Plastikblumen im Haar und schwarz-geschminkte Augen. (Foto: Stephan Rumpf)

Als im Backstage der DJ "Crank That" von Soulja Boy auflegt, laufen alle auf die Tanzfläche. Da quetschen sich dann die Vampire und Zombies aneinander, ein Mann, der sich als Klopapierrolle verkleidet hat, kommt auch noch dazu. Alle kennen den Song, alle kennen die Choreographie. Sie ist zum Glück so eingängig, dass sie auch nach anderthalb Jahren noch sitzt.

Luca ist als "teuflischer Hofnarr" verkleidet, so nennt er das. Er trägt eine Plastikmaske, die er noch mit Kunstblut verziert hat. Das Schönste an Halloween ist die Kreativität, sagt er, die ausgefallenen Kostüme. Er ist mit einer großen Freundesgruppe da. Mit einem Metzger, einem Jesus, einer Horrorbraut, einem Cowboy und einer Spinne.

Es ist diese Mischung aus lustig, peinlich und gruselig, die Halloween ausmacht. Vielleicht ist es auch ein bisschen Ablenkung. Weil es allemal angenehmer ist, sich vor Johannes mit der Kettensäge zu gruseln als vor Corona.

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