Unter den Augen des Münchner Kindl, das auf dem imposanten Metallschild an der Fassade einen Masskrug in die Luft reckt, stehen an diesem Mittwochvormittag mehrere Menschen beisammen – mit ernsten Mienen, was so gar nicht zur strahlenden Wappenfigur über ihren Köpfen passt. In den Händen halten sie ein Transparent, darauf der Schriftzug: „Unionsbräu soll leben!“.
Jenes Unionsbräu ist eine Gaststätte in Haidhausen, in der einst Münchner Brauereigeschichte geschrieben wurde. Zuletzt jedoch hat der denkmalgeschützte Neorenaissance-Bau an der Einsteinstraße, der im Eigentum der Stadt ist, für negative Schlagzeilen gesorgt. Seit mehr als sechs Jahren steht das Brauereigebäude leer und befindet sich aktuell in einem „desolaten Zustand“, wie Markus Wagner sagt. Um den Verfall der historischen Gaststätte anzuprangern und die Stadt zum Handeln aufzufordern, haben er, Hatun Tolun und Rupert Pfliegl eine Bürgerinitiative namens „Rettet das Unionsbräu“ gegründet. „Wir wollen, dass das Gebäude wiederbelebt wird“, sagt Hatun Tolun. „Und dass es zurückgeführt wird zu seinem ursprünglichen Charakter – mit einer gemischten Nutzung von Gastronomie und Kultur.“
Genau dafür stand jahrzehntelang Ludwig Hagn, der das Unionsbräu bis 2012 führte – als Gaststätte mit Hausbrauerei, die überdies mehrere Veranstaltungsräume bespielte. Der Gastronom ist ebenfalls zum Protest der Bürgerinitiative gekommen – ebenso wie Christoph Well, der 1976 auf der Kleinkunstbühne des Lokals, dem „Song Parnass“, seinen ersten Auftritt mit der „Biermösl Blosn“ in München hatte. Mit Blick auf den maroden Zustand des Gebäudes sagt Well: „Früher war das ein Biotop für Kleinkünstler, jetzt ist es ein Biotop für Silberfische.“
Dabei wurde das Unionsbräu drei Jahre nach Hagns Abschied noch einmal wiedereröffnet – durch den Wirt Igor Divjak, der 2019 jedoch das Handtuch warf. In der Folge wollte ein Gastronom in dem Brauereigebäude ein asiatisches Erlebnis-Restaurant eröffnen, doch dann kam zunächst Corona, anschließend wurde ein Wasserschaden festgestellt. Über dessen Ursache stritten Stadt und Pächter mehr als zwei Jahre vor Gericht, ehe im Sommer 2023 der Mietvertrag aufgelöst wurde. „Seither steht das Unionsbräu leer und verfällt zusehends“, klagt Markus Wagner.
Tatsächlich bestätigt ein Sprecher des zuständigen Kommunalreferats den „erheblichen Sanierungsbedarf“ im Unionsbräu. Und weiter: „Um künftige Nutzungsmöglichkeiten zu identifizieren, wurde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.“ Deren Ergebnisse lägen nun vor und würden „zu gegebener Zeit“ dem Stadtrat zur Entscheidung vorgelegt, so der Sprecher. Derweil habe die Bürgerinitiative erfahren, dass jene Studie unter anderem Büroräume und ein Fitnessstudio in dem Gebäude vorschlage, sagt Markus Wagner – mithin eine Nutzung, die man strikt ablehne. Schließlich habe nicht zuletzt die „Fat Cat“ genannte Zwischennutzung im nahen Gasteig gezeigt, wie groß der Bedarf an Räumen für die Kultur in der Gegend sei, betont der Sprecher der Bürgerinitiative.
Heute macht das Unionsbräu einen trostlosen Eindruck
Deren vorderstes Ziel sei es nun, „dass die Stadt aktiv wird und anfängt, das Unionsbräu zu sanieren“, sagt Wagner. „Wir wollen nicht, dass es so läuft wie bei manchen Investoren – also dass man ein Gebäude so lange verfallen lässt, bis man es abreißen kann.“ Zumal hier ein Stück Münchner Geschichte geschrieben wurde. So baute die jüdische Brauerfamilie Schülein nach dem Erwerb des Anwesens 1895 den Standort sukzessive aus und entwickelte ihre „Unionsbrauerei Schülein & Companie“ zu einer der bedeutendsten Brauereien der Stadt. 1905 übernahm sie die Münchner-Kindl-Brauerei; 1921 folgte eine Fusion mit der Münchner Aktienbrauerei – zu Löwenbräu. Anfangs hatten der Gründer und sein Sohn Hermann Schülein dort noch das Sagen, doch unter dem zunehmenden Druck der Nazis, die gegen ihr „Judenbier“ hetzten, musste sich die Familie in den 1930er-Jahren aus dem Unternehmen zurückziehen.
Heute hängt eine Gedenktafel für Josef Schülein an der Fassade des Unionsbräu, das ansonsten jedoch einen trostlosen Eindruck macht. Dies zu ändern, hat sich die neue Bürgerinitiative auf die Fahnen geschrieben, die laut Wagner demnächst eine Podiumsdiskussion zur Zukunft der Gaststätte mit allen beteiligten Parteien organisieren will. Unabhängig davon wissen auch die Mitglieder der Initiative, dass es bis zu einer Sanierung des Gebäudes wohl noch einige Zeit dauern wird. „Aufgrund des sehr schlechten baulichen Zustands des denkmalgeschützten Objektes ist mit einem hohen finanziellen Sanierungsaufwand zu rechnen“, teilt der Sprecher des Kommunalreferats mit. „Aufgrund der aktuellen Haushaltslage ist eine Finanzierung der Sanierung derzeit nicht gesichert oder absehbar.“

