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Craft Beer in München:Frischer "Valentinator" aus Haidhausen

Anstoßen mit Valentinator: Brauer Werner Schuegraf mit Andrea Stemmer und der Urenkelin Karl Valentins, Rosemarie Scheitler-Vielhuber (rechts).

(Foto: Robert Haas)

Karl Valentin machte einst eine Schreinerlehre an der Weißenburger Straße. Nicht weit weg davon ist heute eine kleine Brauerei, die ein Starkbier mit seinem Namen auf den Markt bringt.

Von Patrik Stäbler, Haidhausen

Im Jahre 1897 begann der 15-jährige Valentin Ludwig Fey - ein zaundünner Rotschopf mit abstehenden Ohren - eine Schreinerlehre beim Tischlermeister Hallhuber an der Weißenburger Straße 28. Zwei Jahre blieb er dort, zwei weitere war er Geselle bei anderen Betrieben, ehe er seiner erlernten Profession den Rücken kehrte. Oder wie es der virtuose Wortakrobat, der später als Karl Valentin Humorgeschichte schrieb, selbst formulierte: "Beim Möbelschreiner Hallhuber in Haidhausen lernte ich hobeln, sägen, nageln. Bald entwendete ich einen Nagel, schlug ihn in die Wand und hing an denselben das goldene Handwerk der Schreinerei für immer auf."

An diesen Ausspruch habe er denken müssen, sagt Werner Schuegraf, als er eines Abends vor seinem Bier saß - selbst gebraut, versteht sich. Der 58-Jährige ist Chef von Hopfenhäcker, einer bloß 140 Quadratmeter kleinen Brauerei in Haidhausen, die in Craft-Beer-Kreisen aber einen großen Namen hat und seit Herbst 2016 an der Weißenburger Straße sitzt - nur einen Steinwurf von der einstigen Möbelschreinerei Hallhuber entfernt. Und so wie Karl Valentin dort das Tischlern an den Nagel hing, "so müssen ja auch wir bald unsere Brauerei an den Nagel hängen", sagt Schuegraf. "Dadurch bin ich auf die Idee gekommen." Die da lautet: Erstmals in seinem Brauerleben wollte der gebürtige Münchner ein Starkbier herstellen und es auf den Namen Valentinator taufen - zu Ehren Karl Valentins.

Mit der Idee allein war's aber nicht getan. Denn dass bei derlei Namensgebungen Fallstricke lauern, das hat Werner Schuegraf selbst schon erlebt. So hieß seine Brauerei früher Hopfenhacker, ehe auf, sagen wir mal, Anraten einer Münchner Großbrauerei zwei Punkte auf dem a hinzukamen. Ausgesprochen wurde der Name schon vorher wie "Häcker" - bezieht er sich doch auf das englische Wort für Tüftler. Als solchen versteht sich Schuegraf, der in den 1990er Jahren als Brauereianlagenbauer in den USA unterwegs war und dabei die dortige Craft-Beer-Szene entdeckte.

Zurück in Deutschland versuchte er sich selbst als Braumeister - mit viel Experimentierfreude und Kreativität. "Die Idee war, die handwerkliche Kunst des deutschen Brauwesens mit der Leichtigkeit der amerikanischen Craft-Beer-Szene zu verbinden", sagt Werner Schuegraf. Also gewissermaßen das bayerische Reinheitsgebot zu hacken. Um den Namen Valentinator abzusegnen, fühlte Schuegraf zunächst im Valentin-Karlstadt-Musäum vor. Dort verwies man ihn an den Nachlassverwalter von Karl Valentin, der jahrelang äußerst rigide und mit etlichen Abmahnungen und Prozessen gegen Verstöße des Urheberrechts vorgegangen war - bis zu dessen Erlöschen 2018, siebzig Jahre nach Karl Valentins Tod. Er habe mit dem Anwalt telefoniert, erzählt Schuegraf.

Und damit nicht genug: Eines Samstagabends sei seine Frau von ihrem Wohnort in Neuried nach Planegg geradelt und habe dort bei Rosemarie Scheitler-Vielhuber geklingelt. Die Urenkelin von Karl Valentin wohnt noch heute in jenem Haus, wo der Komiker von 1941 bis zu seinem Tod 1948 lebte, und sie war sofort angetan von der Idee. "Karl Valentin hat die Wirtshauskultur geliebt und auch gerne mal ein Bier getrunken", sagt Rosemarie Scheitler-Vielhuber. Dass nun ein Starkbier nach ihrem Urgroßvater benannt werden solle, "das ist doch eine schöne Sache", findet sie.

Und so steht nun also seit einigen Tagen der Valentinator in den Regalen ausgewählter Kioske und Getränkemärkte. Circa 8000 Liter habe er von dem dunklen Doppelbock gebraut, sagt Schuegraf. Der Valentinator sei für ihn "auch eine Art Abschiedsbier". Schließlich muss seine Brauerei ihr Domizil an der Weißenburger Straße bis zum Jahresende räumen; dann werde das Haus abgerissen, sagt Schuegraf. Eine neue Heimat hat er jedoch schon gefunden: Voraussichtlich Mitte des Jahres werde Hopfenhäcker in die seit 2018 leer stehende Forschungsbrauerei nach Perlach umziehen. Seinem Handwerk bleibt Werner Schuegraf also trotz des Abschieds aus Haidhausen treu - anders als seinerzeit Karl Valentin.

© SZ vom 04.03.2021/vewo
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