Seit einer Weile schon findet sich in Haidhausen ein Lokal, das Murke besonders interessiert. Die Hai Seafood Izakaya, in der Kellerstraße gelegen, Ecke Steinstraße, nur zweieinhalb Fußminuten vom Rosenheimer Platz. Gastronomisch längst eines der internationalsten Viertel in München, finden sich hier ja nicht nur ein paar veritable Stammitaliener, sondern genauso Hunan-Restaurants, israelische Mezze-Läden, Thai-Garküchen und afghanische Gasthäuser. Warum Murke die Hai Seafood Izakaya nun besonders interessiert, ist schnell erklärt. Er fragt sich nämlich, wie man ein Meeresfrüchte-Lokal betreibt, wenn kein Meer in der Nähe ist.
Izakaya, so heißen in Japan Kneipen, in denen die Leute nicht nur Sake trinken, sondern immer auch eine Kleinigkeit essen. Entsprechend kapriziert sich die Hai Seafood Izakaya auf Tapas und kleine Gerichte, die man in tischdeckenden Mengen bestellt und dann teilt. Da kommen auch schon die ersten Tellerchen. Frische Gillardeau-Austern (6,80 Euro das Stück), die sie hier mit Kaviar und ein paar ganz feinen Streifen von Kaffirlimettenblättern servieren. Gerade die passen hervorragend zur maritimen Auster, eine Kombination, die Murke noch nicht kannte und umso mehr freut. Natürlich bestellt er auch die obligatorischen Edamame (8 Euro), die ihm aber warm besser gefallen würden. Außerdem ist das Salz etwas zu grob, weswegen die feinen Sojabohnen geschmacklich keine Chance mehr haben, sobald man auf eines der Körner beißt.
Doch zurück zum Fisch, um den es hier ja eigentlich geht. Sehr gut gefällt zum Beispiel das Sashimi vom Blauflossen-Thunfisch (18 Euro), das mit einer milden Sojasoße auf den Tisch kommt. Murke könnte zwar nicht beschwören, dass der Wasabi tatsächlich frisch gerieben ist, wie es die Karte nahelegt. An der Qualität des Thunfisches ändert das aber nichts, und die ist makellos. Auch die Jakobsmuscheln (zwei Stück für 11,90 Euro) lohnen sich. Sie wurden in einer Misobutter gebraten, was die ohnehin schon seidige Muschel noch seidiger macht. Etwas Ponzu, eine der vielen Würzsoßen der japanischen Küche, gibt dem Ganzen eine feine Umami-Wohligkeit.
Ratlos machen dagegen die Onigiri. Gefüllte Reisbällchen, die man in Japan gerne mal zwischendurch isst. Hier kann man sie mit einer Füllung aus Wagyu und Parmesan bestellen (14 Euro), wobei das Rindfleisch nur in Spurenelementen enthalten ist. Die Onigiri an sich sind gebacken, wogegen erst mal nichts spricht, und auch die frittierten Norialgen machen Spaß. Der Parmesan aber erschließt sich nicht wirklich, genauso wenig die gewürfelten Tomaten, im Januar eine eher wässrige Freude. Der Teller oszilliert irgendwo zwischen Japan und Italien, größere Spannung kommt dabei nicht auf. Ähnlich verhält es sich bei der Burrata mit Kimchi und weiterhin wässrigen Tomaten (12 Euro): Korea und Apulien und hä?!

In der Seafood-Izakaya bleibt man am besten beim Seafood. Murkes Begleiter bestellt noch ein Sashimi von der Dorade (14 Euro), die trocken gereift wurde, was den Geschmack der Brasse intensiviert und ihr eine fast nussige Note gibt. Hervorragend. Sehr schön auch die gedämpften Calamari (16 Euro). Sie sind mit Norialgen gefüllt, die so saftig bleiben, dass sie fast etwas von Spinat haben. Dazu etwas Chili, etwas Knoblauchöl, mehr braucht es nicht.
Ihren Fisch beziehen sie in der Hai Seafood Izakaya übrigens teilweise vom Rungis Express, der einst half, die Produkte der Nouvelle Cuisine aus den Pariser Großmarkthallen nach Deutschland zu holen. Den Thunfisch wiederum bekommen sie aus Japan, wie der Kellner erklärt, die Calamari aus Kalifornien. München liegt schließlich nicht am Meer, was sich auch preislich bemerkbar macht. Wer hier zu zweit einkehrt, landet mit Tapas und ein paar Getränken schnell bei 150 Euro.

Bei einem zweiten Besuch bestätigt sich Murkes Eindruck: Fisch und Meeresfrüchte bekommt man hier zweifellos in guter Qualität. Doch von Gerichten, die man als „Fusion“ bezeichnen könnte (an sich schon eine Trigger-Warnung), lässt man lieber die Finger. Allen voran vom Bambus mit Wasabipesto (9 Euro). Der Bambus ist texturell interessant, von Wasabi aber keine Spur. Und was das Pesto angeht, schwört Murke beim Gebetbuch seiner Großmutter, dass er die Marke benennen könnte, unter der es im Supermarkt zu kaufen ist.
Das Teriyaki-Rindfleisch mit Bonitoflocken (11 Euro) ist solide, das Nigiri mit flambiertem Wagyu (19 Euro das Stück) hat den Schmelz, den man sich von Wagyu wünscht. Die frittierten Riesengarnelen (14 Euro) sind kross ausgebacken, die Chilimayo dazu schmeckt, wenn auch nicht nach Chili. Murkes Begleiterin an diesem Abend schwärmt außerdem völlig zu Recht vom gedämpften Tintenfisch (15 Euro), der von fermentierter gelber Paprika und Glasnudeln flankiert wird.
Was die Desserts anbelangt, stellt sich bei Murke dann wieder Ernüchterung ein. Was gibt es nicht für tolle Süßspeisen aus Japan? Allein die herrlichen Matcha-Torten, die man mittlerweile sogar in München bekommt. Aber hier? Eine Crème brûlée aus Matcha (9 Euro), die trotz des Abflämmens erstaunlich kalt, trotz des Grüntees erstaunlich geschmacksneutral ist. Japan und Frankreich und hä?!
Hai Seafood Izakaya, Kellerstraße 29, 81667 München, Telefon: 089/32787345, geöffnet täglich von 11.30 bis 15 Uhr und 17.30 bis 23.30 Uhr
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

