Buch über Haidhausen:Wias amoi war

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Buch über Haidhausen: Der Haidhauser Hans Schlehhuber unterwegs in seinem Viertel, hier am Wiener Platz.

Der Haidhauser Hans Schlehhuber unterwegs in seinem Viertel, hier am Wiener Platz.

(Foto: Stephan Rumpf)

Hans Schlehhuber hat sehr persönliche Erinnerungen aus Haidhausen zu Papier gebracht. Das 96-seitige Werk beschwört eine Zeit herauf, in der längst nicht alles gut, aber das Leben im Viertel viel günstiger zu bestreiten war.

Von Patrik Stäbler

Wenn Hans Schlehhuber vor die Haustür tritt, dann fällt sein Blick auf den Johannisplatz - seine Heimat seit nunmehr fast 80 Jahren. Wobei der Johannisplatz seiner Jugend mit dem Johannisplatz der Jetztzeit in vielerlei Hinsicht nicht mehr viel zu tun hat. Zugegeben, im Zentrum streckt auch heute noch die Pfarrkirche Haidhausen ihren spitzen Turm 91 Meter in die Höhe. Drumherum aber ist es enger geworden als früher, der vielen Parkplätze wegen; auch ist es hübscher geworden als früher, der vielen Sanierungen wegen; und nicht zuletzt ist es teurer geworden als früher, der mit einem Irrsinnstempo steigenden Mieten wegen.

"Da vorn ist das Haus, das mit dem Bauzaun davor", sagt Hans Schlehhuber, die rechte Hand auf dem Gehstock, während die linke in Richtung Johannis-Café zeigt. In dessen Nachbargebäude hat der heute 78-Jährige einst Kohlen aus dem Keller in die Wohnung seiner Tante hochgeschleppt. Nun soll das Haus einem Neubau weichen, dessen Wohnungen bereits am Markt feilgeboten werden. Der Preis für ein Apartment mit 41 Quadratmetern: 1,1 Millionen Euro.

Dass der Johannisplatz dereinst zu den begehrtesten Wohnlagen der Stadt gehören würde - für diese Prognose wäre man in Hans Schlehhubers Kindheitstagen bestenfalls verlacht und schlimmstenfalls für verrückt erklärt worden. 1943 in München geboren, ist er am Johannisplatz aufgewachsen. Schon seine Eltern stammten aus Haidhausen, und auch er selbst ist nie weggezogen. Warum? Bei dieser Frage schaut Hans Schlehhuber einen Moment lang drein, als wolle man ihm die Erde als Scheibe verkaufen. Dann reckt er nacheinander drei Finger in die Luft und sagt: "Kein Geld, keine Gelegenheit und auch keine Lust." Denn was Haidhausen ihm bedeutet, das lasse sich in einem einzigen Wort ausdrücken: "Heimat."

Der Verein Freunde Haidhausens hat ein Buch aus den Geschichten gemacht

Nun streift Hans Schlehhuber zwar nicht mehr so geschwind durchs Viertel wie anno dazumal. Sein Geist aber ist flink wie eh und je - und sein Gedächtnis voller Erinnerungen und Anekdoten, die sich größtenteils um Haidhausen drehen. Im Vorjahr habe er spontan begonnen, all die Geschichten zu Papier zu bringen, sagt er. Inzwischen hat der Verein Freunde Haidhausens, zu dessen Gründern Schlehhuber zählt, ein Buch daraus gemacht. "Wias amoi in Haidhausen war" heißt das Werk, das in verschiedenen Läden im Stadtviertel erhältlich ist. Auf 96 Seiten geht es mal um alte Postämter und Feuerwehrhäuser, mal um ein Bierzelt auf dem Orleansplatz und mal um Walter Sedlmayr, der einst als Kommissar Franz Schöninger für die Fernsehserie "Polizeiinspektion 1" im Schlehhuber'schen Haus drehte. Die sehr persönlichen Geschichten vermitteln ein Bild von Haidhausen fernab einer Nachbarschaft, "die Trends fürs Wohnen, Leben und Genießen setzt", um an dieser Stelle den Bauherrn des 1,1-Millionen-Euro-Apartments am Johannisplatz zu zitieren.

"Hier im Viertel haben früher die einfachen Leute gewohnt", erzählt Schlehhuber, der als Treffpunkt den Markt am Wiener Platz vorgeschlagen hat. Auf dem Weg dorthin wäre man in seiner Kindheit an "runtergekommenen Häusern" vorbeigekommen. Und auch der Wiener Platz habe sich gewandelt. Wo heute an sonnigen Tagen rund um den Maibaum Aberdutzende Menschen zu Wein und Häppchen zusammenkommen, habe es früher nicht mal Sitzgelegenheiten gegeben, sagt Schlehhuber. "Man ist zum Einkaufen hergekommen. Und das war's."

Er selbst sei in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, viel Geld gab es nie, und dennoch habe er eine "glückliche Kindheit" gehabt. Nach dem Abitur fing Hans Schlehhuber 1966 bei der Stadt München als Angestellter an; von 1968 an war er im Sozialamt für Wohnungslose zuständig - und blieb dort bis zu seinem Ruhestand 2005.

Buch über Haidhausen: Ein Klassenfoto aus dem Schuljahr 1950/51 der Volksschule an der Kirchenstraße in Haidhausen: Hans Schlehhuber ist der Bub in der dritten Reihe, der Zweite von rechts.

Ein Klassenfoto aus dem Schuljahr 1950/51 der Volksschule an der Kirchenstraße in Haidhausen: Hans Schlehhuber ist der Bub in der dritten Reihe, der Zweite von rechts.

(Foto: Privat)

Zu jener Zeit hatte Haidhausen längst einen tiefgreifenden Wandel durchlebt, nachdem die Stadt das Viertel in den 1970er-Jahren zum Sanierungsgebiet erklärt hatte. Nach und nach wurden die vielen Altbauten renoviert, deren teils desolaten Zustand Hans Schlehhuber noch aus seiner Jugend kannte: "In unserem Haus gab es damals nur auf einer Seite fließend Wasser. Und die Toiletten waren draußen auf dem Gang."

Im Zuge der Sanierung wurden auch alte Industrieareale abgerissen und mit Wohnungen bebaut; überdies entstanden Kulturstätten, deren Anziehungskraft weiter über das Viertel hinausreichte, wie die Muffathalle, die Galerie Lothringer 13, der Jazzclub Unterfahrt und allen voran der Gasteig. "Durch die Sanierung ist in Haidhausen vieles besser geworden. Und schöner geworden. Die Ruinen sind weggekommen", erinnert sich Hans Schlehhuber. Zugleich habe sich aber auch die Bevölkerung Haidhausens gewandelt: "Es sind immer mehr Akademiker hergezogen. Und Familien mit Kindern."

Während sich um ihn herum vieles wandelte, blieb Hans Schlehhuber seinem Viertel treu: 1987 heiratete er Wiltraut Kleinikel, die er über die Pfarrgemeinde kennengelernt hatte, und zog mit ihr ans andere Ende des Johannisplatzes - wo sie bis heute wohnen. "Ich bin ein Stadtkind, ich könnte nie auf dem Land leben", sagt Hans Schlehhuber. "Ich brauche den Trubel, das Quietschen der Straßenbahn und die vielen Menschen um mich rum."

Dazu komme seine Verbundenheit zu Haidhausen, die sich bereits zu Schulzeiten abgezeichnet habe, sagt der 78-Jährige und grinst. So sei er schon in seiner Abiturzeitung mit den Worten charakterisiert worden: "Ein kirchentreuer Heimatkundler mit Beamtennatur".

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