bedeckt München 20°
vgwortpixel

Haidhausen:Ein besonderes Stück Stadt

Im Keller der Unionsbrauerei soll einst Münchens erste Fahrradfahrerin das Radeln gelernt haben.

(Foto: Archiv des Haidhausen-Museums)

Eine Ausstellung im Kulturzentrum Einstein lädt zu einem Spaziergang durch Einstein-, Seerieder- und Kirchenstraße. Es ist eine Strecke in Haidhausen, die vieles aus Münchens Historie zusammenspannt.

Als dort, wo Hermann Wilhelm inmitten seiner neuen Ausstellung "Rund ums Einstein" steht, noch Bierfässer der Unionsbrauerei lagerten, geschah eben da Ungeheuerliches. Kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts habe die erste Münchner Fahrradfahrerin in dem Keller der Brauerei zwischen untergestellten Pferden und Hopfen das Radeln gelernt, sagt Wilhelm.

1892, so ist es überliefert, stand das erste Damenrad der Stadt zum Verkauf, die Schriftstellerin und Theaterkritikerin Anny Schäfer kaufte es sich. Nach den Testrunden im Brauereikeller führten sie ihre Ausflüge zur Maximiliansstraße, sehr zum Missfallen der Lokalpresse, wie Hermann Wilhelm zitiert: "Darf auf solche Art dem öffentlichen Sittlichkeitsgefühl ungestraft ein Faustschlag ins Gesicht versetzt werden? Endlich: Wo bleibt die Polizei, die hier ein erfolgreiches Feld für ihre Tätigkeit finden dürfte?"

Stadtgeschichte

Die vielen Gesichter des Hauptbahnhofs

Der ersten Münchner Radlerin ist eine von fünfzehn Stationen in der neuen Ausstellung im Kulturzentrum Einstein gewidmet. Kurator Hermann Wilhelm nimmt dabei die Besucher mit auf einen Spaziergang, der von der Einstein- über die Seerieder- zur Kirchenstraße führt. Geht man die Strecke zu Fuß, ist man vielleicht eine Viertelstunde unterwegs. Doch was sich dort in den Jahrhunderten abgespielt hat, spannt die ganze Stadt zusammen. "Die Ausstellung ist komprimierte Münchner Vorstadtgeschichte auf engsten Raum", sagt Wilhelm. Tatsächlich reichen die Stationen von Münchens Gründung über die Ziegel der Frauenkirche bis hin zur Geschichte der Münchner Trambahn.

Denn die heutige Einstein- und Kirchenstraße spielten beim Coup von Heinrich dem Löwen 1158, der zur Stadtgründung Münchens führen sollte, eine entscheidende Rolle. Der Herzog ließ eine Brücke in der Nähe des heutigen Oberföhring anzünden, damit der Salzhandel künftig über seine Brücke die Isar überqueren möge und er den Zoll kassieren kann. "Ein super Geschäft", sagt Wilhelm. So gut, dass aus der Mönchssiedlung Munichen im Lauf der Zeit die "Weltstadt mit Herz" wurde und aus der damaligen "Straße nach Wien" die heutige Einstein- und Kirchenstraße. Übrig geblieben ist noch die Innere Wiener Straße, die mit ihrem Namen an die damalige Salzroute erinnert.

Der Bau eines Trambahndepots rief in den 20-er Jahren einen "Mordsprotest" hervor

Ein paar Schritte jene alte Salzroute entlang und etwa drei Jahrhunderte später sollte Haidhausen wieder entscheidend für die Entwicklung der Stadt sein. 1468 legte Herzog Sigismund den Grundstein für die Frauenkirche. Die Ziegel für das Münchner Wahrzeichen kamen aus Haidhausen, aus einer Grube, auf deren Grund später zunächst das Herbergsviertel "In der Grube" und später das Klinikum rechts der Isar gebaut wurde. "Als Kind bin ich da noch Schlitten gefahren", erinnert sich Wilhelm an die Senke, die durch den Tagebau entstanden ist.

Ein paar Meter weiter, an der Seeriederstraße, beleuchtet Wilhelm ein Thema, das noch heute mit Haidhausen so eng verbunden ist wie mit kaum einem anderen Münchner Viertel: der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Mitte der Zwanzigerjahre war es allerdings nicht eine Schnellbahnstrecke, sondern ein stetig wachsendes Trambahndepot zwischen Einstein- und Kirchenstraße, das einen "Mordsprotest" hervorrief, sagt Wilhelm. "Damit das Viertel nicht verschandelt, hat man vor die Depots Wohnhäuser gebaut". Mit einer Besonderheit, die Architekten fast 100 Jahre später beim Erweiterungsbau der Hochschule München an der Dachauer Straße wieder auspackten: Die Tramschienen führen kurzerhand durch das Erdgeschoss.

Zur Ausstellung ist ein Buch erschienen, das im Kulturzentrum Einstein, Einsteinstraße 42, für 14,80 Euro erhältlich ist. Die Ausstellung "Rund ums Einstein" ist freitags und samstags von 19 bis 21 Uhr sowie sonntags zwischen 12 und 16 Uhr geöffnet, Eintritt frei. Sie ist von Sonntag, 15. September, an bis Sonntag, 6. Oktober zu sehen.

Freizeit in München und Bayern Wie man Touristen verblüfft und verzaubert

München

Wie man Touristen verblüfft und verzaubert

Sie zeigen die schönsten Seiten der Stadt, erklären ihre Geschichte und vermitteln so Lebensgefühl und Stimmung. Sechs Stadtführer erzählen.   Von Kathrin Aldenhoff und Robert Haas (Fotos)