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Haidbräu:Beschäftigung, die einem Halt gibt

Im Team von Jens Tischer arbeiten neun Menschen mit seelischen Behinderungen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Arbeiterwohlfahrt bietet dauerhafte Jobs für Menschen, die wegen langjähriger psychischer Erkrankungen aus dem Erwerbsleben ausgeschieden waren - etwa in der Brauerei.

Von Sven Loerzer

Der Sud für den Maibock war längst angesetzt, als Corona kam. Das Virus brachte nicht nur die mexikanische Biermarke "Corona Extra" in Schwierigkeiten, sondern die mit der Pandemiebekämpfung verbundenen Einschränkungen trafen auch eine Kleinbrauerei im Münchner Norden: Das Haidbräu in Fröttmaning, seit knapp zwei Jahren eine anerkannte Werkstatt für behinderte Menschen.

Der Maibockanstich der Münchner Arbeiterwohlfahrt (Awo) mit Altoberbürgermeister Christian Ude musste ausfallen, damit geriet auch der Absatz des "Münchner Awo Bock" mit sieben Prozent Alkoholgehalt ins Stocken. Noch schlimmer aber war, dass die Awo München Concept Living GmbH als Träger ihre Werkstatt für seelische Behinderte, wie auch alle anderen Werkstätten-Träger, auf staatliche Anordnung wegen Corona schließen musste. Denn für viele Menschen mit Behinderungen war das ein harter Schnitt, der die gewohnte Tagesstruktur jäh unterbrach.

Gerade für psychisch kranke Menschen, die allein leben und oft kaum Kontakte haben, sei die Zeit schwer gewesen, sagt Karin Häringer, Geschäftsführerin der Concept Living. Inzwischen sei es wenigstens wieder möglich, für Notgruppen den Betrieb weiterlaufen zu lassen.

Vor sieben Jahren hat die Arbeiterwohlfahrt damit begonnen, ein Angebot für eine dauerhafte Beschäftigung von Menschen, die wegen langjähriger psychischer Erkrankungen aus dem Erwerbsleben ausgeschieden waren, aufzubauen. In der Beschäftigungsförderung und der Qualifizierung sind die Stellen befristet. Für jene, die darüber den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt wegen ihrer Handicaps nicht schaffen, sei es frustrierend, dann wieder rauszufallen, sagt Awo-Vorsitzender Jürgen Salzhuber. Um ihnen nicht nur Wohn- und Betreuungsangebote, sondern auch Beschäftigung bieten zu können, entwickelte die Awo ihr Werkstattkonzept, das inzwischen 70 Plätze in unterschiedlichsten Arbeitsbereichen umfasst. Geplant sind insgesamt 120 Plätze. Unterstützung und Anerkennung kommt vom Bezirk Oberbayern, der Arbeitsagentur, der Deutschen Rentenversicherung und dem Zentrum Bayern Familie und Soziales. Auch der "Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung" hilft in Zusammenarbeit mit Concept Living den behinderten Beschäftigten, wenn sie in Notlagen geraten.

Die Besonderheit ist nicht nur die Zielgruppe: Bekannt sind bisher nur die großen Werkstätten, die üblicherweise Arbeitsplätze für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen bieten. Die Awo dagegen will Menschen mit einer seelischen Behinderung die Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen, möglichst wohnortnah, in überschaubaren, dezentralen Einheiten. Die Werkstatt hat deshalb sieben verschiedene Standorte mit den unterschiedlichsten Beschäftigungszweigen: Das reicht vom Kraftfahrzeughandwerk, über IT, Kantine, Holzwerkstatt, Druckerei, Café, Hauswirtschaft, Elektroentsorgung bis hin zur Brauerei.

Die ist im Erdgeschoß am Admiralbogen 41 eingezogen. Im Haidpark bietet die Awo Wohnen für Studenten an und betreutes Einzelwohnen für psychisch Kranke. Dort sind auch die Druckerei und das Haidcafé als Zweigstellen der Werkstatt angesiedelt. Neun Menschen mit seelischen Behinderungen haben in der Brauerei ihren Arbeitsplatz. "Im Haidbräu setzen wir die Grundsätze für Inklusion und Lebensmittelqualität ideal um", sagt Karin Häringer. "In unserer Brauerei wird besonders schmackhaftes Bier gebraut. Wir verwenden keine Stabilisatoren und ausschließlich hochwertige Zutaten von ausgewählten Anbietern."

Bei Haidbräu wird vieles noch von Hand gemacht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Diplom-Braumeister Jens Tischer, 36, hat zehn verschiedene Malze ausgesucht, die aus Bamberg kommen. Damit und mit Hallertauer Hopfen entstehen "Roter Märzen", "Helle Freude" und "Goldener Weizen" im Standardsortiment, dazu kommen jahreszeitliche Spezialbiere, wie etwa die Sommerfrische, ein leichtes Helles, oder das Weihnachtsbier. Alle Biere werden weder pasteurisiert, noch filtriert, des Geschmacks wegen, wie der Braumeister betont, auch wenn sie dann nicht so lange haltbar sind. "Ich braue, seitdem ich 16 bin", sagt Tischer, der inzwischen eine sonderpädagogische Zusatzausbildung hat. "Ich komme gut mit meinen Leuten zurecht - das Wichtigste ist Respekt." Für die behinderten Beschäftigten sei es zudem wichtig, "nichts Sinnloses herzustellen, sondern etwas, was sich gut verkaufen lässt", betont Salzhuber. "Das hebt das Selbstwertgefühl."

Bevor Behinderte, die über den Bezirk Oberbayern und die Arbeitsagentur zugewiesen werden, ihren Werkstattarbeitsplatz erhalten, durchlaufen sie ein Clearing und absolvieren Praktika in den Betrieben. Und selbstverständlich werden Menschen, die suchtgefährdet sind, nicht in der Brauerei beschäftigt. Den sogenannten Haustrunk, den Brauereibeschäftigte sonst unentgeltlich erhalten, gibt es nur für das Kernpersonal, neben dem Braumeister ein Produktionshelfer und eine Verwaltungskraft.

"Das Wichtigste ist Respekt", sagt Tischer.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Füllung jeder einzelnen Bügelflasche ist Handarbeit, wie das Aufkleben der Etiketten, die in der zu den Werkstattbetrieben gehörenden Druckerei hergestellt werden. Und von Hand werden auch die in der hauseigenen Schreinerei produzierten Holzkästen befüllt. Die Halbe Helles oder Weizen in der Bügelflasche kostet 1,40 Euro, Märzen und Saisonbiere 1,50 Euro. Inzwischen ist auch ein Lieferservice für München aufgebaut worden, denn verkauft wird das Bier nur im Fröttmaninger Betrieb und der Awo-Zentrale in Haidhausen in der Gravelottestraße. Corona hat den Absatz in diesem Jahr erschwert: Das von der Awo veranstaltete Isarinselfest muss auch ausfallen. Die Alten- und Servicezentren der Awo, die das Bier ausschenken, mussten ebenso schließen, nur die Altenheime konnten weiter beliefert werden.

Bislang sind es jährlich bis zu 15 000 Liter Bier, die abgesetzt werden, in diesem Jahr wohl erheblich weniger. Denn auch Straßenfeste, für die sich die Fässer mit zehn, 20 und 30 Liter eignen, können ja nicht stattfinden. Dennoch hofft die Awo auf steigenden Absatz. "Wir wollen keinen großen Gewinn machen, aber der Betrieb muss sich rechnen", sagt Salzhuber. Nächstes Ziel sei, eine Finanzierung für eine halbautomatische Abfüllanlage zu finden. Mit der Einzelabfüllung sind nur 150 bis 200 Flaschen pro Tag zu schaffen, mit der neuen wären es 100 pro Stunde. Zudem würde die Anlage, die 35 000 Euro kostet, höheren Sicherheitsanforderungen zum Schutz der Beschäftigten genügen. Dann soll Haidbräu noch bekannter werden. "Wir müssen einen festen Kundenstamm entwickeln, da sind wir auf einem guten Weg." Vielleicht kommt das Bier auch in den einen oder anderen Supermarkt. Vor Corona erfreute sich das Bräustüberl, eingerichtet mit Mobiliar vom Spieglwirt in Moosach und von der eigenen Schreinerei, schon als Besprechungsort durchaus großer Beliebtheit. Jetzt aber steht erst einmal eine wichtige Entscheidung an: Ist es sinnvoll, in diesem Jahr, wo die Wiesn ausfällt, Oktoberfestbier zu brauen, wie es Tischer erfolgreich im vergangenen Jahr gemacht hat?

© SZ vom 05.06.2020/syn

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