Münchner Festivalpremiere:Offen für Krasses

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Münchner Festivalpremiere: "Bluthaus" in der Inszenierung von Claus Guth hat am 21. Mai in Cuvilliéstheater Premiere.

"Bluthaus" in der Inszenierung von Claus Guth hat am 21. Mai in Cuvilliéstheater Premiere.

(Foto: Monika Rittershaus)

"Ja, Mai": Das neue Festival der Bayerischen Staatsoper bietet nicht nur zwei Opernpremieren der Österreicher Georg Friedrich Haas und Händl Klaus, sondern auch Konzerte, Lesungen und Filme - etwa über eine glückliche BDSM-Beziehung.

Von Egbert Tholl, München

Ein Idyll mit einem verwunschenen Haus, irgendwo außerhalb Wiens, mit einem liebevollen Paar, die beide im Orchester arbeiten, mit einem Kater. Stefan und Andreas lieben sich, lieben auch ihr glückliches Leben, die gemeinsamen Freundschaften, das Marmeladekochen. Alles hell, alles licht, bis aus dem Nichts etwas passiert, eine größtmögliche Irritation, nach der nichts mehr wie zuvor ist, nach der sich etwas eingenistet hat im Leben der beiden, das nicht mehr verschwindet. Philipp Hochmair und Lukas Turtur spielen dieses Paar wundervoll, ohne Scheu, der Kater spielt auch mit - eine Herausforderung bei den Dreharbeiten war, dass sich Tier und Mensch erst einmal aneinander gewöhnen mussten. "Kater" hatte seine Uraufführung 2016 bei der Berlinale, Händl Klaus hat den Film gedreht. Jetzt ist er wieder in Kino zu sehen, am 27. Mai im Theatiner, gegen Ende des Festivals "Ja, Mai" der Bayerischen Staatsoper, das am 18. Mai beginnt.

Staatsoper im Theaterkino? Das kommt so: Serge Dorny, Intendant der Staatsoper, erfindet ein neues Festival, Titel "Ja, Mai". Und da Dorny ein sehr genau denkender Mensch ist, geht dieses Festival in die Tiefe, die Tiefe zweier Künstlerpersönlichkeiten, des Komponisten Georg Friedrich Haas und des Dramatikers, Librettisten und Filmmachers Händl Klaus. Zusammen haben sie bisher drei Opern gemacht - eine vierte hätte die Tage in Bern ihre Uraufführung gehabt, wurde aber wegen Corona verschoben. Ursprünglich hätten die drei vorhandenen Werke, die bei den Schwetzinger Festspielen ihre Erstaufführung hatten, hintereinander weg in München neu inszeniert werden sollen, doch eine fehlt nun, auch wegen Corona. "Koma" kommt nun erst 2024 hierher, in einer Neuinszenierung von Romeo Castellucci, "Bluthaus" in der Inszenierung von Claus Guth hat am 21. Mai in Cuvilliéstheater Premiere, "Thomas" kommt am 23. Mai im Utopia heraus, mit dem Münchener Kammerorchester und inszeniert von Anna-Sophie Mahler. Beide Opern werden kontrastiert durch Werke von Claudio Monteverdi.

Münchner Festivalpremiere: Dem Privatleben des Komponisten Georg Friedrich Haas nähert sich auch ein Dokumentarfilm.

Dem Privatleben des Komponisten Georg Friedrich Haas nähert sich auch ein Dokumentarfilm.

(Foto: Harald Hoffmann)

Die Staatsoper belässt es aber eben nicht bei den Opernproduktionen, sie gruppiert um diese ein Konzert mit Musik von Haas (22.), ein Gesprächskonzert mit ihm (20.), einen Abend mit Händl Klaus und Schauspielerinnen vom Volkstheater und den Kammerspielen (19.) und eben vier Kinofilme, alle im Theatiner. Zwei von Händl Klaus am 27., "Kater" und "März", sowie zwei Filme um Haas herum (18.). Für "The Artist & The Pervert", einem preisgekrönten Dokumentarfilm, begleitete ein Filmteam ein Jahr lang Georg Friedrich Haas und dessen Frau Mollena Williams-Haas. Die beiden leben in einer BDSM-Beziehung, und machen daraus kein Hehl. Der Film ist nichts für Voyeure, aber etwas für offene Menschen, die akzeptieren, dass es verschiedene Arten des Zusammenlebens gibt. Danach läuft "Hyena", basierend auf einer Soloperformance von Mollena Williams-Haas. Der Film gibt "Einblicke in die Gedankenwelt der afroamerikanischen Sexualpädagogin, Autorin und Perfomerin, die ihre Alkoholsucht bekämpft und damit ihrem schlimmsten Dämon gegenübersteht, der Hyäne".

Bevor "Koma" - die Oper, die bei "Ja, Mai" fehlt - in Schwetzingen herauskam, kam es damals zu einem Treffen mit Georg Friedrich Haas. Freimütig sprach er über alles, wonach man ihn fragte, vor allem aber hatte man das Gefühl, er lauere geradezu auf die eine Frage; die nach seiner sadomasochistischen Beziehung, die damals ja schon von ihm öffentlich beantwortet war. Im Parkett saß Mollena, "Miss Leather 2010" und sein "Licht", und sagte eher nichts. Als Künstler begegnen sie sich auf Augenhöhe, im Schlafzimmer sind die Rollen klar verteilt: Sie ist die Sklavin, er ihr Gebieter, beide sind glücklich. 2013 übernahm Haas eine Professur an der Columbia University in New York, dort lernte er Mollena kennen. Sie eröffnete ihm die Möglichkeit, eine Leidenschaft auszuleben, die er jahrzehntelang unterdrückt hatte, eine Leidenschaft für Dominanz und Unterordnung. Er sagte damals, als er dies entdeckte, fühlte er sich frei. Und genau so kam er einem vor.

Münchner Festivalpremiere: Der Librettist und Filmemacher Händl Klaus hat mit Georg Friedrich Haas mittlerweile drei Opern geschrieben.

Der Librettist und Filmemacher Händl Klaus hat mit Georg Friedrich Haas mittlerweile drei Opern geschrieben.

(Foto: Sonia Neufeld)

Lange ist es her, da hörte Händl Klaus eine Oper von Haas im Radio. Sofort fiel ihm damals zu der Musik eine ganz andere Geschichte ein, aus der dann auch ihre erste gemeinsame Oper wurde, "Bluthaus". Händl Klaus, Autor von Stücken, in denen gern mal in Alltagssituationen etwas Bedrohliches herumwurmt wie etwa in "Dunkel lockende Welt" (Uraufführung an den Münchner Kammerspielen), hat inzwischen eine Vielzahl von Libretti geschrieben, fast scheint er dem Sprechtheater leider verloren gegangen. Vier dieser Libretti schrieb er für Haas (wir wissen, eine Oper ist noch nicht raus), andere für Heinz Holliger ("Lunea", Opernhaus Zürich) oder Hèctor Parra. Seine Sprache und Haas' Komponieren treffen sich kongenial: Der eine verschiebt Worte und Wortpartikel mit sensibelster Präzision, der andere komponiert mikrotonal, das heißt, er löst das Korsett der Oktave auf, unterteilt den nun freien Klangraum in winzigste Tonschritte und setzt diese gegen- und in Beziehung zueinander. Ergebnis: ein Flirren, ein Sog, für den Zuhörer kaum klar zu fassen - es bleibt eine ähnliche, hochgradig anregende Unbestimmtheit wie in den Texten von Händl Klaus.

"Thomas" handelt vom Sterben, vom toten Körper, und schon die Sprache allein ist Musik. "Bluthaus" ist ein Thriller über Kindsmissbrauch. Drei Jahre nach der Uraufführung überarbeitete Haas 2014 die Musik. Die Konturen wurden noch schärfer. Mussten es werden. Denn gerade in Österreich hatte die Realität diese Oper an Gnadenlosigkeit inzwischen überholt. Beide, Haas und Händl Klaus, sind Österreicher.

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