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München/Haar:Kein Schlussstrich

Gedenkveranstaltung aus Anlass der Tötung von Psychiatrie-Patienten durch die Nationalsozialisten im Isar-Amper-Klinikum in Haar

Lange hat sie warten müssen. Sehr lange. Doch Melitta Burger hat noch erlebt, wie ihrer ermordeten Mutter im vergangenen Jahr späte Gerechtigkeit widerfuhr. Sie trug als Zeitzeugin dazu bei, dass das lange Schweigen um die Tötung Tausender Psychiatrie-Patienten gebrochen wurde. Auch Angehörige öffneten sich diesem lange verdrängten, schmerzhaften Erinnern. Mit ihrer Hilfe kam im vergangenen Juli das Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie" heraus, das den Toten einen Namen gibt. Das Bild einer zarten, jungen Frau im weißen Kleid, ihrer 1944 in Eglfing-Haar ermordeten Mutter, ziert den Einband.

Doch Melitta Burger erlebte nicht mehr, wie an diesem Freitag in der Destouchesstraße 14 in München-Schwabing, wo die einst Familie lebte, eines dieser Erinnerungszeichen, angebracht wurde, mit denen das Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wach gehalten werden soll. Melitta Burger ist wenige Tage davor, am 5. Januar, im Alter von 98 Jahren gestorben. Ihr Fehlen wurde auf der Gedenkveranstaltung in Schwabing ebenso betrauert wie am Abend, als 150 Gäste am Isar-Amper-Klinikum in Eglfing-Haar an die deportierten Psychiatrie-Patienten erinnerten, die von der damaligen Anstalt in den Jahren 1940 und 1941 in Tötungsanstalten gebracht wurden. Der Ärztliche Direktor des Isar-Amper-Klinikums in Haar-Eglfing, Peter Brieger, sagte, Melitta Burger "hat uns beherzt die Hand gereicht". Ihr mutiger und kluger Umgang mit dem bedrückenden Erinnern an die Mutter habe gezeigt, "wie aus schamhaftem Verschweigen würdevolles Gedenken werden kann".

Melitta Burger, deren Mutter von den Natinalsozialisten getötet wurde, war eine wichtige Zeitzeugin. Sie starb am 5. Januar im Alter von 98 Jahren.

(Foto: Robert Haas)

Die frühere Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar war ein zentraler Tatort in Bayern. Sie war eine nationalsozialistische Musteranstalt, die als Drehscheibe für den Transport in den Tod fungierte. 2018 Menschen wurden 1940 und 1941 von dort in Tötungsanstalten gebracht. Viele weitere starben in den Folgejahren in Zuge der "dezentralen Euthanasie" in Eglfing-Haar selbst, wie Melitta Burgers Mutter. Sie starben in Hungerhäusern oder entkräftet auf den Stationen. 332 Kinder wurden in der Kinderfachabteilung ermordet. Am 18. Januar 1940 ging der erste Transport mit 25 Männer in die Tötungsanstalt Hartheim von Eglfing-Haar ab. Seit Jahren gedenken das Klinikum und der Bezirk an diesem Tag der "Euthanasie"-Opfer.

Die zentrale Rede hielt diesmal die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums, Mirjam Zadoff. Das NS-Dokumentationszentrum wirkte aktiv an dem Gedenkbuch mit. Zentrale Leistung dieses Buches ist ja, die Opfer erstmals zu nennen. In Zuge dessen musste aber erst einmal geklärt werden, wer alles Opfer war. Gerade bei der "dezentralen Euthanasie", die auch als "wilde Euthanasie" bezeichnet wird, galt es viele Graubereiche auszuleuchten. Im Einzelfall war zu klären, ob jemand in den Kriegsjahren 1941 bis 1945 eines natürlichen Todes starb oder starb, weil ihm bewusst Nahrung vorenthalten worden war. Die Arbeit führte zu einer weitgehenden Klärung der Opferzahl. Und die Zahl stieg auf 1700 in der dezentralen Euthanasie. Zadoff stellte vor diesem Hintergrund auch fest, dass die Anstalt in Eglfing-Haar in Bayern nach dem Konzentrationslager Dachau "der Ort mit den meisten Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" sei. "Bis heute ist das kaum jemandem bewusst." Mehr als 300 000 "Euthanasie"-Opfer gab es laut Zadoff insgesamt.

Melitta Burger, deren Mutter von den Natinalsozialisten getötet wurde, war eine wichtige Zeitzeugin. Sie starb am 5. Januar im Alter von 98 Jahren.

(Foto: Robert Haas)

Angesichts des Unfassbaren stellt sich die Frage nach dem "Warum?". Zadoff versuchte eine Antwort zu geben und ging weit zurück, beginnend mit der historischen Entwicklung, alles aus einer Gesellschaft auszulagern, was nicht einer vermeintlich gesunden Norm entspricht. Auch der Bau der Anstalt, weit vor den Toren Münchens, sei in diesem Kontext zu sehen. Ärzte, Pfleger und Patienten hätten dort in einer engen, isolierten Gemeinschaft gelebt. Dass die einen die Mörder der anderen wurden, war laut Zadoff möglich, weil die Nationalsozialisten das aus Aufklärung und Moderne entwickelte Wertesystem "für null und nichtig erklärten".

Damit sich so etwas nicht wiederholt, haben sich Klinik und Bezirk Oberbayern vorgenommen, eine Erinnerungskultur zu etablieren. Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) bekräftige den Willen, ein Gedenkbuch für die Opfer aus ganz Oberbayern aufzulegen. Bei der bewegenden Kranzniederlegung am Mahnmal für die "Euthanasie"-Opfer am Klinikum strichen die Klinik-Seelsorger eindringlich heraus, dass es keinen "Schlussstrich" beim Gedenken geben dürfe. Außer dem Erinnerungszeichen für Irmgard Burger wurde am Freitag eine Tafel in der Unsöldstraße 13 für Barbara Hartard (1895-1940) öffentlich übergeben, eine Stele in der Romanstraße 74 erinnert an Theodolinde Diem (1908-1941).