Familie und Beruf:Nachbarschaftshilfe im Büro

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Familie und Beruf: Melanie Meindl kümmert sich um Louis, den dreijährigen Sohn ihrer Arbeitskollegin bei der Wohnungsbaugesellschaft GWG.

Melanie Meindl kümmert sich um Louis, den dreijährigen Sohn ihrer Arbeitskollegin bei der Wohnungsbaugesellschaft GWG.

(Foto: Catherina Hess)

Beim Pilotprojekt "Family Sharing" helfen sich Kolleginnen und Kollegen der Wohnungsbaugesellschaft GWG gegenseitig bei der Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Die Idee soll Schule machen.

Von Ellen Draxel

Es ist heiß an diesem Donnerstag, an die 30 Grad. Louis sitzt im Gras auf dem Spielplatz hinter dem GWG-Gebäude an der Badgasteiner Straße in Sendling und spritzt aus einer Gießkanne Wasser auf Melanie Meindl. Die 43-Jährige lacht, die Erfrischung tut gut. Auch ihre Hündin Lisbeth wird von dem Dreijährigen nass gespritzt, begeistert ist die Hundedame von der Dusche allerdings nicht.

Melanie Meindl passt an diesem Nachmittag auf Louis auf. Er ist nicht ihr Sohn, sondern der ihrer Kollegin Alessia Pareschi, die zur gleichen Zeit einen Termin wahrnehmen muss. Beide Frauen gehören zum Team Unternehmenskommunikation der städtischen Wohnungsgesellschaft GWG. Die Betreuungshilfe funktioniere super, sagt Meindl, "weil ich schon um vier Uhr aufstehe, um sechs am Schreibtisch sitze und um 15 Uhr fertig bin". Und falls nicht, macht sie eben eine Pause, kümmert sich dann um den Kleinen und arbeitet anschließend weiter. Pareschi dagegen kann erst um neun Uhr beginnen und hat entsprechend spät Feierabend.

"Family Sharing" nennt sich dieses Projekt der GWG, das in der Woche von 20. bis 24. Juni erstmals stattfand. Bei der einwöchigen Aktion teilen sich Kollegen und Kolleginnen nicht nur die Arbeit im Büro, sondern auch die Care-Arbeit - also die Aufgaben, die im Alltag mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen anfallen. Das kann die Begleitung zur Kita sein, die Fahrt zum Fußballtraining oder Unterstützung bei den Hausaufgaben. Auch andere Verpflichtungen wie ein Einkauf für hilfsbedürftige Angehörige, eine Fahrt zum Arzt oder ein gemeinsamer Spaziergang kommen für das Sharing infrage.

Ein Boost für den Teamgeist

"Das Ganze ist gedacht wie eine Art Nachbarschaftshilfe im Büro", erklärt Pareschi. Die 36-Jährige hat das Projekt mit initiiert, auch im eigenen Interesse: Sie ist im neunten Monat schwanger mit ihrem zweiten Kind. Außer Meindl und Pareschi haben in dieser Woche noch ein Duo aus der Personalabteilung und ein drittes aus der Technik an dem Pilotversuch teilgenommen - alle mit durchweg positiver Bilanz.

"Für den Kollegen aus der Technik war es wie ein Aha-Moment, den Sohn seiner Teamkollegin vom Kindergarten abzuholen und anschließend betreuen zu dürfen", weiß Meindl. Der junge Mann in seiner Familie als jüngstes Kind stets selbst derjenige gewesen, um den man sich gekümmert hatte. "Jetzt mal in eine andere Rolle schlüpfen zu können, das war toll für ihn." Denn auch darum geht es bei dem Projekt - um einen Perspektivwechsel, der nicht nur das gegenseitige Verständnis fördern, sondern auch ein Boost für den Teamgeist sein kann.

Natürlich, relativiert Meindl, müsse gerade bei den Betreuungsaufgaben die Wellenlänge zwischen den Sharing-Partnern stimmen. "Du überlässt ja nicht irgendwem die Verantwortung für dein Kind, das ist schließlich ein enormer Vertrauensbeweis." Und weil die Bitte um Hilfe oft kurzfristig erfolgt, gibt es auch keinen Terminkalender, in den sich die Sharing-Partner eintragen könnten. Sondern nur ein Telefon, nach dem derjenige greift, der Unterstützung benötigt. Dennoch - ein Selbstläufer sei das Teamwork auf privater Ebene nicht. Ohne das Hilfsangebot in Form eines Projektes zu institutionalisieren, glauben Meindl und Pareschi, würde das Sharing-Konzept nicht funktionieren.

Ein Notfall-Pool

Mit dieser Pilotprojekt-Woche will die GWG daher nicht nur den Spagat zwischen Familie und Beruf meistern helfen. Es geht zugleich darum, für das Thema zu sensibilisieren. "Wir möchten ein gutes Beispiel abgeben für andere Firmen", sagt Meindl. Auch firmenübergreifende Kooperationen in dieser Hinsicht könnten sich Meindl und Pareschi vorstellen, etwa bei Betrieben, die gemeinsam ein Gebäude gemietet haben. Eine andere Idee, die die beiden umtreibt, ist, GWG-Kollegen zu akquirieren, die schon in Rente sind - "sozusagen als Ersatzoma- oder Ersatzopa-Notfall-Pool". Da gebe es "sehr viele ganz patente Leute", die immer noch Kontakt zum Unternehmen hielten.

Die Family-Sharing-Woche jedenfalls, dessen sind sich die beiden sicher, wollen sie auf jeden Fall wiederholen. Louis und Melanie Meindl und die Hündin Lisbeth müssen sich dann nicht mehr kennenlernen - zwischen den dreien stimmt die Chemie bereits.

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