Mitte November ist in den 34,5 Quadratmetern, auf denen Peter H. (Name von der Redaktion geändert) wohnt, Weihnachten längst eingezogen. Neben dem Fernseher steht ein kleines Gesteck aus Tannenzweigen, geschmückt mit Lichtern und Kugeln. Darunter warten vier rote Kerzen darauf, dass der Advent beginnt. „Wenn es draußen schon so früh dunkel wird, dann finde ich es einfach schön, wenn’s drinnen ein bisschen mehr Licht gibt“, sagt der 71-Jährige. Und an einem solch kalten, regnerischen und stürmischen Tag wie dem, an dem H. sich nun vor seine Tasse Kaffee setzt, gilt das umso mehr.
Dass Peter H. in seinem Leben einmal in eine solch prekäre finanzielle Lage gerät, dass ihm der Strom abgestellt wird, hätte er sich früher nicht im Traum ausmalen können. Er hat gut verdient, wie er sagt, sich Rücklagen fürs Alter angespart.
Mit 63, zwei Jahre bevor er regulär in Rente gegangen wäre, beschloss sein Betrieb, seine Abteilung an einen anderen Standort zu verlegen. Er hatte drei Möglichkeiten: mit seinem Job mitziehen und in seinem Alter in einer neuen Stadt noch einmal komplett von vorn anfangen. Das kam für H. nicht infrage. Seine langjährigen Freunde, seine Wohnung, sein Leben, das war doch alles hier in München. Die zweite Option wäre gewesen, sich in München eine neue Stelle zu suchen. Aber mit über 60 in der Branche, in der er gearbeitet hatte, „das ist nahezu unmöglich“, sagt er. Also blieb noch die dritte Variante: die Abfindung annehmen, die ihm seine Firma anbot, und davon die zwei Jahre bis zur Rente leben. Das erschien ihm am besten. Zumal der Gesundheitszustand seiner Mutter sich verschlechterte – so hatte er mehr Zeit, sich um sie zu kümmern.
Wer Peter H. aus dieser Geschichte oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden.
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„Dann kam der Schlag.“ So formuliert es Peter H. Ein Schlag, der nicht auf einmal kam, stattdessen zog er sich quälend lang. Irgendwann brauchte die Mutter einen Pflegedienst, immer öfter musste er kommen, zuletzt zweimal am Tag. Bis es einfach nicht mehr ging. „Sie konnte sich nicht mal mehr ein Butterbrot schmieren.“ Also organisierten er und ein Geschwister eine betreute Unterkunft, deren Kosten sie größtenteils übernahmen. „Meine Rücklagen sind nur so dahingeschmolzen.“
Wenn er heute über diese Zeit spricht, ist er sich trotzdem in einem sicher: „Das alles wäre gut gegangen, hätte ich nicht einen riesigen Fehler gemacht.“ Zwei Jahre, nachdem er aufgehört hatte zu arbeiten, kam ein Brief seiner Krankenkasse. Als er ihn öffnete, wurde ihm ganz anders: Er hatte versäumt, sich in der Übergangszeit zwischen seiner Angestelltenzeit bis zum Renteneintritt selbst um seine Beiträge zur Krankenversicherung zu kümmern. 14 000 Euro sollte er nachzahlen. Eine Summe, die er nicht begleichen konnte.
Als Peter H. nur noch 277 Euro im Monat zum Leben blieben, hat er angefangen, Pfandflaschen zu sammeln
„Ich kann mir heute gar nicht mehr erklären, wie mir das passieren konnte“, sagt H. und senkt den Blick. Vielleicht war es der ganze Stress, den die Versorgung der Mutter und die daraus ohnehin angespannte finanzielle Situation ausgelöst hatte. Er hat es einfach übersehen, nicht dran gedacht.
Von Ende 2022 an wurden 400 Euro seiner Rente gepfändet. Nach Abzug der Miete sind ihm gerade einmal 277 Euro im Monat zum Leben geblieben. Er fing an, Pfandflaschen zu sammeln. Seinen Freunden sagte er vehement ab, wenn sie einen Kneipenbesuch planten. „Ich hab’ die Mär erfunden, dass ich keinen Alkohol mehr trinken möchte.“ Wenn Geburtstage anstanden, schob er eine Erkältung vor, um abzusagen. „Ich hätte mir ja gar kein Geschenk leisten können.“ Seinen 70. Geburtstag feierte er allein. Nicht, weil niemand mit ihm feiern wollte. Sondern weil eine Feier Geld gekostet hätte.
Und trotzdem blickte er mit großer Sorge auf die letzte Woche im Monat. Jeden Monat. „Wenn man da mit 5,70 Euro oder weniger auf dem Konto in die Woche startet ...“ Peter H. beendet den Satz nicht. Erst auf Nachfrage, wie er die verbliebenen sieben Tage überstand, spricht er weiter: „Na ja, drei Red-Bull-Dosen sind eine Packung Spaghetti.“
Vielleicht haben sich seine Freunde zusammengereimt, wie es um seine Finanzen steht, schon möglich. Richtig eingeweiht hat er sie nie. Zu groß war seine Scham. Die hinderte ihn auch gut zweieinhalb Jahre daran, sich an das Sozialreferat zu wenden. Das tat er erst, als der Strom abgestellt war. Peter H. erinnert sich genau an sein erstes Gespräch dort, als er mit der Stromrechnung vor einer Beraterin saß und sie dann sagte: „Das schaffen wir.“ Die Erleichterung, die er nach diesem Satz gespürt habe, „die werde ich nie vergessen“.
Im Vergleich zu jener Zeit hat sich seine Situation gebessert. Die Krankenkasse hat ihre Nachforderung neu berechnet – sie hatte einen zu hohen Bemessungsgrundsatz zugrunde gelegt. Die Rentenpfändung wurde aufgehoben, sie war nicht rechtens. Doch das reicht trotzdem nicht für große Sprünge, auch nicht für kleine. Seit fünf Jahren hat sich H. keine neue Kleidung gekauft, er besitzt nicht einmal Winterschuhe. „Ach, aber ich hab’ ja dicke Sneaker“, sagt er. Eigentlich hätte er gerne mal einen ordentlichen Teppich. Doch sofort macht er mit der Hand eine abwinkende Bewegung – nicht so wichtig. Viel lieber möchte er eine kleine Rücklage auf dem Konto ansparen.
Was ihm in der dunkelsten Zeit geholfen hat, durchzuhalten? Er sei einfach ein positiver Mensch, immer mit Hoffnung, sagt H. „Auch in der schlimmsten Situation denke ich mir: Da geht’s irgendwie durch.“ Vielleicht erklärt diese Einstellung, warum er schon Mitte November Weihnachtslichter dekoriert hat.


