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Straßennamen:Ehre, wem Schande gebührt

Die Von-Kahr-Straße in München-Untermenzing ist nach Gustav von Kahr senior benannt.

Ein Zusatzschild zeigt, dass die Von-Kahr-Straße nach Gustav von Kahr senior benannt ist, nicht nach seinem Sohn. Das weiß nur kaum einer.

(Foto: Robert Haas)
  • Seit 1947 ist in Untermenzing eine Straße nach Gustav von Kahr benannt.
  • Doch dass damit heute nur noch der gleichnamige Vater des früheren bayerischen Generalstaatskommissars geehrt wird, weiß kaum einer. Denn der Sohn war Antisemit und Antidemokrat.
  • Spätere Umbenennungsversuche liefen ins Leere - der Fall zeigt, wie schwer sich die Stadt mit strittigen Straßennamen tut.

Das Straßenschild am westlichen Beginn der Von-Kahr-Straße hat eine erklärende Zusatztafel: "Dr. Gustav von Kahr, 1833 - 1905, Präsident des Bayer. Verwaltungsgerichtshofes" steht da. Die vierspurige Magistrale durch den Münchner Westen ist demnach also nicht nach einem zum Umsturz bereiten Antidemokraten, aktiven Feind der Weimarer Republik und dezidiert antisemitisch handelnden Ministerpräsidenten und bayerischen Kurzzeit-Diktator benannt. Also nicht nach dem "Generalstaatskommissar" der Jahre 1923 bis 1924. Sondern nach dessen gleichnamigem Vater, dem einstigen Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofs und Ehrendoktor der Medizin. Oder ist es doch anders?

Wie so oft, wenn es um den Umgang mit umstrittenen Personen der jüngeren Geschichte geht, lohnt sich ein genaueres Hinschauen. Der Fall der Untermenzinger Von-Kahr-Straße zeigt nämlich exemplarisch, wie schwer es einer Stadtverwaltung fallen kann, einmal getroffene Fehlentscheidungen zu revidieren, wenn Maßstäbe fehlen. Und wie peinlich es ist, wenn es dabei ausgerechnet um den Vorwurf des Antisemitismus geht.

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Die Von-Kahr-Straße war ursprünglich tatsächlich beiden gewidmet, Vater und Sohn Gustav von Kahr. Die Benennung erfolgte 1947, wer sie angeregt hat, ist nicht mehr nachzuvollziehen. In derselben Zeit wurden fast 200 Münchner Straßen, die nach Personen und Motiven der NS-Herrschaft benannt gewesen waren, "entnazifiziert", wie sich Richard Bauer, der frühere Leiter des Stadtarchivs, 1994 im Vorwort zum Münchner Straßennamenbuch ausdrückte. Es sei die größte Umbenennungsaktion der Stadtgeschichte gewesen, schrieb Bauer - weil zugleich 650 unpolitische Straßennamen umgewidmet wurden, um Doppelungen zu vermeiden. Darunter war auch die Müllerstraße in Untermenzing. Von Kahr (Sohn) schien ein geeigneter Namenspatron zu sein, hatte er doch 1923 den Hitlerputsch niederschlagen lassen und war als Rache dafür 1934 von den Nazis im KZ Dachau ermordet worden.

Gegen diese Benennung der Straße regte sich indes Widerstand - und zwar im Stadtviertel selbst. Der damalige zweite Vorsitzende der Bürgervereinigung Obermenzing, Hans Rieger, plädierte für die erneute Umbenennung. Es sei "paradox", befand er, dass ein demokratisches Gemeinwesen einen ausgesprochenen Gegner der Demokratie ehre. "Man lasse sich nicht davon täuschen, daß von Kahr zu Beginn des Dritten Reiches umkam", schrieb Rieger 1963 an den Untermenzinger Bezirksausschuss, nachdem ein erster Vorstoß Jahre zuvor ungehört verhallt war. Kahr sei bis zum Putschversuch ein Verbündeter Hitlers gewesen, so Rieger. Heute weiß man: Kahr und Hitler waren Konkurrenten, die im selben trüben, völkisch-antisemitischen Milieu fischten. Kahr hatte "Ostjuden" ausweisen lassen, hatte sich von der Reichsregierung losgesagt, hegte selbst Umsturzpläne. Mit seinem Putschversuch wollte Hitler seinen Rivalen ausstechen.

Die Judenfeindschaft wurde schon im Elternhaus ungehemmt geäußert

Im Dezember 1963 schloss sich der Bezirksausschuss Riegers Antrag an - einstimmig, wie aus den Akten hervorgeht. Die Stadtteilpolitiker betonten außerdem: "Wir sind nicht dafür, daß die Straßenbezeichnung (...) nur für den bereits 1905 verstorbenen Gustav von Kahr weiterbestehen soll." Denn "das Publikum" werde auf jeden Fall "immer nur" an den ehemaligen Generalstaatskommissar denken.

Doch genau das passierte dann offenbar. Seit 1964 sei nur noch der Vater Namenspatron der Straße, bestätigt Andreas Heusler vom Stadtarchiv, der seit drei Jahren im Auftrag des Stadtrats Münchner Straßennamen und ihre möglichen historischen Belastungen untersucht. Heusler erklärt auf Nachfrage: "Bereits damals wurde die Benennung nach Gustav von Kahr jr. als problematisch eingestuft."

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Allgemeine Einsicht war das jedoch keineswegs. So schrieb der damalige Archivdirektor Michael Schattenhofer 1964 an die Stadt, Kahr junior habe "zu den verdienstvollsten Mitbegründern bayerischer Heimatpflege" gehört, sei von "einem hohen Berufsethos und unbedingter Achtung vor dem Recht erfüllt" gewesen. "Kein ernsthafter Historiker", so Schattenhofer weiter, werde Kahr den Vorwurf machen, dass dieser ein Gegner der Demokratie gewesen sei. Bei diesem eklatanten Fehlurteil mag die Erinnerung an den eigenen Doktorvater dem Archivdirektor die Feder geführt haben. Schattenhofer war 1944 bei Karl Alexander von Müller promoviert worden. Müller war am 8. November 1923 als Besucher der Kahr-Versammlung Augenzeuge des Hitlerputsches gewesen und soll am Folgetag in der Universität dazu aufgefordert haben, sich zu Ehren der toten Putschisten für eine Schweigeminute zu erheben.

Ein Machtwort entschied dann den Streit um die Von-Kahr-Straße - der Name blieb, doch die Widmung sollte fortan nur noch dem Vater gelten. "Die amtliche Namenserläuterung wurde durch Verfügung von Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel entsprechend geändert", bestätigt Heusler. "Diese Verfügung wurde in der Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude noch einmal bekräftigt."

Offenbar war diese Bekräftigung ebenso notwendig wie wirkungslos. In dem 1994 veröffentlichten Buch "Die Münchner Straßennamen", für das Oberbürgermeister Ude und Archivdirektor Bauer Geleitworte schrieben und das sich ausdrücklich auf amtliche Veröffentlichungen der Jahre 1989 und 1993 bezieht, wurden weiterhin Vater und Sohn von Kahr gemeinsam als Namensgeber der Straße genannt.

Um den Anwohnern Ärger zu ersparen, ändert die Stadt nur selten Straßennamen

1996 startete Stadtrat Bernhard Fricke deshalb einen neuerlichen Vorstoß: Man solle die Straße in Weiße-Rose-Straße umbenennen, forderte er. Bemerkenswert ist die Stellungnahme aus dem seinerzeit zuständigen Vermessungsamt: "Wir ändern äußerst selten Straßennamen, und wenn, versuchen wir das größtmögliche Einverständnis der Anwohner zu bekommen", hieß es. Schließlich seien enorme Kosten allein mit dem Neudruck des Briefpapiers verbunden. Oft behelfe man sich einfach mit einer Umwidmung. "Bei alten Kolonialpolitikern, wie zum Beispiel bei der Von-Trotha-Straße, haben wir einfach den Namenspatron durch das ganze Adelsgeschlecht ersetzt."

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Seit 2006 ist die Von-Trotha-Straße in Waldtrudering nach den Opfern des einstigen Kolonialpolitikers benannt: dem südwestafrikanischen Volk der Herero.

(Foto: Claus Schunk)

So einfach glaubte man also unliebsame Geschichte entsorgen zu können. Bei von Trotha schlug der Versuch fehl: Seit 2006 ist die Straße nach Trothas Opfern benannt, dem südwestafrikanischen Volk der Herero. Im Fall von Kahr blieb es bei der Umwidmung - doch die wurde in der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert. Und so wird etwa auf Wikipedia weiterhin unwidersprochen die Straße dem judenfeindlichen Bayern-Diktator zugeschrieben.

Bittere Pointe: Gustav von Kahr junior hatte seine Judenfeindschaft im eigenen Elternhaus erlernt. Das schildert er selbst in seinen Memoiren. Der Historiker Michael Brenner beschreibt in seinem Buch "Der lange Schatten der Revolution", wie eine Köchin im Hause Kahr in Gunzenhausen, damals eine Hochburg des Antisemitismus, offenbar ungehemmt judenfeindlich hetzte. So erzählte sie laut von Kahr "von den auf das Blut von Christenkindern begehrlichen Juden". Der "Schachergeist, wie wir Kinder ihn auch in Gunzenhausen da und dort bei Juden kennen lernten, war mir widerlich", schrieb von Kahr. Die Frage bleibt, ob eine Familie mit derartigem Gedankengut geeignete Patrone für eine Straße hergeben kann. Gleichgültig, ob Vater oder Sohn oder beide gemeint sind.

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