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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Produktives Alleinsein

Die Münchner Autorin Gunna Wendt veröffentlichte viele Biografien, etwa zu Liesl Karlstadt, Lena Christ oder Ruth Drexel: Zuletzt erschien "Henrik Ibsen und die Frauen".

(Foto: Dirk Schiff)

Kultur-Lockdown, Tag 124: Die Autorin tut, was sie immer tut: lesen und schreiben

Gastbeitrag von Gunna Wendt

Fast genau vor einem Jahr, Anfang März 2020, fand meine letzte Lesung ohne Beschränkungen irgendwelcher Art in Braunschweig statt und ich freute mich, Freunde im Publikum zu sehen. Anschließend führten sie mich ins "Havanna", wo wir mit Cuba Libre anstießen. Damals ahnte ich noch nicht, dass es vorerst meine letzte Veranstaltung sein würde. Weitere Lesungen aus verschiedenen Büchern lagen vor mir und im Herbst würde ich mit "Henrik Ibsen und die Frauen" auf Tour gehen. Darauf war ich besonders gespannt.

Der norwegische Autor ist nicht nur ein großartiger Dramatiker (nach Shakespeare der weltweit meistgespielte), der mich bis heute zum permanenten Wieder-Lesen seiner Stücke verführt, sondern auch ein phänomenaler Provokateur. Allein so ein Satz wie "Männer und Frauen gehören nicht ins gleiche Jahrhundert", den ich als Motto gewählt hatte, löste sofort heftige Diskussionen und Missverständnisse aus - so wie es von ihm geplant war. Als man ihn auf eine Stellungnahme seines Protagonisten Stockmann aus "Der Volksfeind" ansprach und um Erklärung bat, verwahrte er sich gelassen dagegen mit den Worten "Das sagt doch Stockmann" und fügte hinzu: "Ich bin nicht verantwortlich für all das Gewäsch, das er da anbringt."

Überhaupt der "Volksfeind": Als ich wieder einmal in den Text hineinschaute, fühlte ich mich in einem Szenario, das der aktuellen Situation in vieler Hinsicht glich und ähnliche Fragen aufwarf: Wie gehen Menschen mit anderen Menschen während einer globalen Bedrohung - im "Volksfeind" ist es eine Umweltkatastrophe - um? In diesem Fall ist Ibsens Thema nicht - wie in den meisten seiner Stücke - die Balance zwischen Lebenslüge und Wahrheit, sondern die zwischen Lebenslüge und Realität. Rezepte und Erklärungen liefert er ebenso wenig wie Albert Camus, Gert Hofmann oder Jens Peter Jacobsen in ihren Werken über die Pest, aber verblüffende Beobachtungen.

Eigentlich tat und tue ich während der Pandemie das, was ich fast immer tat und tue: lesen und schreiben. Der Rückzug ins Schreibzimmer ist nichts Ungewöhnliches für eine Schriftstellerin. Viele Bücher - von Virginia Woolfs "A Room of One's Own" über Botho Strauß' "Die Widmung" bis zu Alfred Goubrans "Durch die Zeit in meinem Zimmer" - erzählen davon und räumen mit dem Missverständnis der Gleichsetzung von Alleinsein und Einsamkeit auf. Eindringlich hat sich die Malerin Paula Modersohn-Becker dazu geäußert, als sie zwischen produktivem Alleinsein und lächerlicher Einsamkeit differenzierte.

Letztere sollte vermieden werden, weiß der Teil von mir, den es ab und zu trotz Minusgraden aus dem Schreibzimmer hinaustreibt und sonderbare Verabredungen treffen lässt: Spaziergänge in der Nähe von Coffee-To-Go-Läden, Bänken und öffentlichen Toiletten. Und als die Kaufhäuser zwischenzeitlich geöffnet waren, Manuskriptgespräche in den verschiedenen Etagen mit häufigem Standortwechsel (wie eine Spionin, die aus der Kälte kam), um nicht aufzufallen.

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© SZ vom 05.03.2021
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