SZ-Serie: Wie das Wasser die Stadt prägt:Fluch und Segen aus dem Untergrund

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SZ-Serie: Wie das Wasser die Stadt prägt: Nicht nur der Wasserstand der Isar ist im Juni und Juli auf mehr als das Doppelte gestiegen. Auch das Grundwasser drückte nach oben.

Nicht nur der Wasserstand der Isar ist im Juni und Juli auf mehr als das Doppelte gestiegen. Auch das Grundwasser drückte nach oben.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Stadt stellt sich darauf ein, dass mit dem Klimawandel der Grundwasser-Pegel öfter schwanken und sprunghaft ansteigen wird. Schon jetzt stellt das Gefälle Hausbesitzer und Bauingenieure vor Probleme.

Von Jakob Wetzel

Wie schnell es gehen kann, darauf hat die Stadt München in den vergangenen Wochen einen kleinen Vorgeschmack bekommen. Mit dem Klimawandel wird es künftig wohl häufiger heftig regnen. Im Juli und besonders im Juni gab es solches Wetter schon. Und danach ist nicht nur der Pegel der Isar vorübergehend von knapp eineinhalb Metern auf mehr als das Doppelte gestiegen. Auch das Grundwasser drückte nach oben, vor allem in Münchens Nordwesten. In Moosach und Feldmoching, in der Fasanerie und in Teilen Aubings sei das Wasser stellenweise binnen weniger Tage um bis zu 1,20 Meter gestiegen, heißt es von der Stadt. An einigen Orten habe man die höchsten Pegelstände seit 20 bis 30 Jahren gemessen.

Die Isar ist nicht alles, was in München fließt: Die Stadt steht auf Wasser. Es sickert durch die Erde, es fließt durch den Schotter im Untergrund. Drei bis fünf Meter schafft es am Tag, Richtung Nordost. Manchmal folgt es unterirdischen Rinnen, manchmal staut es sich an Hindernissen aus Stein oder Ton, mancherorts auch ein paar Zentimeter an Kellern, Tiefgaragen oder U-Bahn-Schächten.

Die Münchnerinnen und Münchner bekommen dieses Wasser selten zu Gesicht, aber die Stadt hat es ständig im Blick. Wer eine Baugrube aushebt oder einen Brunnen bohrt, muss wissen, womit er zu rechnen hat - und das Beste wäre, der Pegel des Grundwassers bliebe dort, wo er ist. Nicht nur der Pflanzen zuliebe. Steigt der Pegel zu sehr, werden Keller nass, und das Wasser greift die Bausubstanz von Gebäuden an. Sinkt das Wasser umgekehrt zu sehr, kann das bedeuten, dass Brunnen weniger Wasser fördern können und Geothermie-Heizungen Probleme bekommen.

Und so gibt es Orte wie diesen hier, am rechten Isarufer, auf Höhe der Weideninsel. Dort steht ein Betonzylinder, oben ragt ein Metallrohr heraus. Der ganze Apparat ist 1,40 Meter hoch, und bei einer kleinen Umfrage vor Ort weiß niemand, wozu der Klotz da ist. Aber wenn man oben hineinsieht, sieht man es unten glitzern.

Es kann passieren, dass der Pegel im Süden sinkt, während das Wasser im Norden nach oben drückt

Um hineinzusehen, braucht man einen Schlüssel. Einen solchen hat Patrick Kotyla, Hydrogeologe im Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU) der Stadt München. Als er den Deckel vom Rohr hebt, ist es ein sonniger Vormittag. Die Stadtverwaltung betreibe in München insgesamt 4000 bis 5000 solcher Messstellen, sagt er. Viele seien beim Bau zum Beispiel der U-Bahnen gebohrt worden, um sicherzugehen, dass sich dabei das Grundwasser nicht staut. Diese Messstelle ebenfalls: Sie heißt deswegen "U 8 400".

MÜNCHEN: Grundwasser-Messstelle

Der Hydrogeologe Patrick Kotyla prüft den Grundwasserstand mit einer Lichtsonde.

(Foto: LEONHARD SIMON)

An rund der Hälfte der Messstellen werde weiterhin regelmäßig der Pegel gemessen, sagt Kotyla. Meist geschehe das per Hand. Und er führt vor, wie es geht. Kotyla führt ein Lot ins Rohr. Als dessen Spitze feucht wird, leuchtet ein rotes Lämpchen. Das Grundwasser steht demnach bei 2,20 Metern unter der Oberfläche, das ist kein außergewöhnlicher Wert. Doch es ist mit 15,9 Grad Celsius relativ warm. Üblich seien acht bis 13 Grad, sagt Kotyla. Die Wärme komme von der nahen Isar: Deren Wasser sickere hier ins Grundwasser. "Die Isar infiltriert", sagt Kotyla. An anderen Messstellen sei das Wasser kühler.

Es ist überhaupt kompliziert mit Münchens Grundwasser, denn der Untergrund ist sehr unterschiedlich. Es gibt mehrere wasserführende Schichten, oberhalb und unterhalb der Schotterebene aus der Eiszeit. Mal sind die Schichten mächtiger, mal dünner. Im Norden fließt die oberste Wasserschicht vielerorts etwa zwei Meter unter dem Boden dahin; im Süden sind es häufig eher 40 Meter. Und viel hängt vom Wetter ab. Es kann passieren, dass der Pegel im Süden sinkt, während zugleich das Wasser im Norden nach oben drückt.

Auch ein klarer Trend lässt sich für München noch schwer ausmachen. Anders als im Freistaat: Der trockne aus, warnte zuletzt Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler). Das Klima verändere sich, es werde zu wenig Grundwasser gebildet, die Pegel würden sinken, das Land sei auf dem Weg in einen "Grundwassernotstand". In Nordbayern sei das schon spürbar, heißt es im Münchner Wasserwirtschaftsamt. Der Klimawandel führe dazu, dass es weniger oft lange anhaltend regne, sondern öfter kurz und heftig. So könne das Wasser nicht versickern, stattdessen fließe es vermehrt oberflächlich ab. In München aber sei die Lage anders. Die Schotterebene sei wasserdurchlässig und das Land eher flach. Beides sei gut, damit sich neues Grundwasser bilden kann.

Im Bereich der zweiten S-Bahn-Stammstrecke sei der Grundwasserstand seit einiger Zeit tendenziell hoch, heißt es auch von der Deutschen Bahn, die derzeit mit der S-Bahn sowie dem neuen Hauptbahnhof zwei der größten Baustellen Münchens betreibt und diese aufwendig gegen das Grundwasser absichern muss. Seit mehr als 15 Jahren messe man die Pegel, sagt ein Sprecher. Bislang aber habe man dort "keine wesentlichen Veränderungen" feststellen können, wegen deren man die Vorkehrungen hätte anpassen müssen.

Zahlen für ganz München hat das RKU. Der Pegel des Grundwassers sei in München von 1980 bis 2013 im Mittel angestiegen, stellenweise um mehr als einen Meter, heißt es von dort. In jüngster Zeit finde sich dieser Trend allerdings im Großteil der Messstellen nicht wieder. Im Dezember 2019 und im Januar 2020 seien die Grundwasserstände im Stadtgebiet sehr niedrig gewesen, vor allem im Südosten. Insgesamt sei der Grundwasserstand in den jüngsten fünf Jahren an den meisten Messstellen tendenziell gefallen. Langfristig stellt sich die Stadt darauf ein, dass der Pegel schwanken wird. Nach Starkregen könne er in mehreren Gebieten schnell ansteigen. Bei lang anhaltender Trockenheit könne der Pegel umgekehrt absinken.

Die Trinkwasserversorgung aber sei sichergestellt, beschwichtigt die Stadt. Das Münchner Leitungswasser stammt ohnehin nicht aus dem Boden Münchens, sondern großteils aus den Tälern der Mangfall und der Loisach. Nur bei Wasserknappheit werde in Trudering zusätzliches Trinkwasser gefördert. Nur dann trinken die Münchner also Wasser aus dem eigenen Boden.

Wobei: Ganz richtig ist das nicht, es gibt eine Ausnahme. Die Münchner können im Alltag durchaus ihr eigenes Grundwasser trinken, und zwar im Bier. Um auf dem Oktoberfest ausschenken zu dürfen, müssen Brauereien dezidiert Münchner Bier brauen, und dazu müssen sie Grundwasser aus München verwenden. Dazu zapfen sie allerdings nicht das künftig wohl schwankende oberflächennahe Grundwasser an, sondern die tieferen Schichten.

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