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Nach dem Burn-out:Sag nein zu deinem Job

Tanja Seehofer (Mitte) hat sich auf Yin Yoga spezialisiert, eine sehr ruhige und entspannende Form des Yoga ohne Muskelanstrengung, bei der einfache Formen lange gehalten werden.

(Foto: Claus Schunk)

Tanja Seehofer arbeitete in der Casting-Abteilung der Bavaria Film und übernahm selbst kleinere Rollen. Nach einem Burn-out orientierte sie sich vor zehn Jahren neu: Heute unterrichtet sie Yin Yoga - unter anderem bei ihrem früheren Arbeitgeber.

"Sag Ja zu deinem Körper, genau so, wie er jetzt ist. Sag Ja zu deinem Job, sag Ja zu deinem Partner ..." Eine Stunde in dem noch etwas provisorischen Studio "Chi Aquarium" im Rückgebäude der Sandstraße 35 in München. Hier bieten die Yogalehrerin Tanja Seehofer und der Musiker Yann Kuhlmann Yin-Yoga-Stunden mit Gongbad und Meditation an.

Yin Yoga ist eine sehr ruhige Form des Yoga ohne Muskelanstrengung, aber mit langem Halten einfacher Formen. Zusammen mit den entspannenden Worten und ebensolchen Klängen kann man dabei ruhig werden und einfach ohne Leistungsdruck das Leben genießen, ganz unesoterisch ausgedrückt: Das Nervensystem beruhigt sich, das ewige Getriebensein des Alltags kann zumindest kurzfristig verschwinden.

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Tanja Seehofer, 45, kann diese schöne Erfahrung heute als Lehrerin weitergeben, ihre Ausstrahlung dabei ist inspirierendes Vorbild. Doch das war nicht immer so. Ihren Weg zum Yoga fand sie auf eher unangenehme Weise, durch ein Burn-out. Dabei hätte seinerzeit sicher jeder Außenstehende gesagt, dass es gerade ihr doch sehr leicht fallen müsste, Ja zu ihrem Job und ihrem Leben zu sagen.

Denn Tanja Seehofer arbeitete im Besetzungsbüro der Bavaria Film in Grünwald, hatte nebenbei auch selbst kleine Rollen, manchmal sogar Sprechrollen. So war sie einmal eine Zeugin im München-Tatort "Der Teufel", einmal eine Fechterin in dem Tatort "Die Bluthunde" und zugleich das Mordopfer, das bei einem Bungee-Sprung stirbt.

"Ich musste vier Mal springen, dann brauchte ich eine Pause wegen Kreislaufproblemen und musste mir im Wohnwagen Eiswürfel auf den Kopf legen", erzählt sie. Schließlich fiel dann eine Puppe mit ihren Kleidern in die Tiefe - das Opfer. Weitere kleine Rollen hatte sie unter anderem im Forsthaus Falkenau als Kindergärtnerin. Natürlich wäre sie auch gerne Schauspielerin geworden, nahm sogar bereits Privatunterricht. Doch dann kam der Job im Besetzungsbüro, wo sie einerseits sah, wie schwer es Schauspieler haben, und andererseits voll beschäftigt war. "Es hat sich dann einfach erledigt", sagt Seehofer.

Die Bedingungen in der Casting-Abteilung waren damals noch komplett analog: "Wir hatten große Eisenwände, an die wir die ausgeschnittenen Fotos der in Frage kommenden Schauspieler klebten", erzählt Seehofer. Neben den Fotos standen nur die Namen, mehr erfuhr man dann auf den Karteikarten, die in Kästen aufbewahrt wurden. Heute gibt es natürlich eine digitale Datenbank, mit der alles viel einfacher geht. Nach ihrer Assistenzzeit stieg Seehofer auf zur Castingdirektorin für die Soko Stuttgart.

Sie las die Drehbücher und schaute angesichts der Beschreibung von Alter, Haarfarbe, Dialekt, wer sich wohl eignen könnte. "Manchmal gab es 3000 Treffer in der Datenbank", erinnert sich Seehofer. Dann galt es auszusortieren. Der Regisseur wollte nur etwa zehn Personen, die nach Eignung sortiert waren und der Reihe nach angefragt wurden.

Zu ihrem spannenden Job gesellte sich eine Beziehung zu einem Regisseur, sie durfte auch Regieassistenz machen und wieder kleine Rollen spielen, etwa in "Küstenwache". "Das war eine tolle Zeit, die Filmleute sind wie eine Familie", sagt sie heute. Doch im Alter von 35 Jahren erlebte Seehofer eine Beziehungskrise und eine Depression. "Ich hatte kein Gefühl mehr, habe nichts mehr gespürt, obwohl äußerlich alles gestimmt hat und alle versuchten, mir zu helfen. Sie meinten es gut, aber ich habe es oft als Angriff gesehen."

Seehofer ging zwei Monate lang in eine psychosomatische Klinik. Dort gab es unter anderem Yoga, das sie schon lange kannte und immer mal wieder praktiziert hatte, "immer wenn es mir schlecht ging". Außerdem zog eine Kapelle Tanja Seehofer magisch an. "Da saß ich jeden Tag zwei, drei Stunden lang und habe nur gebetet." Die Spiritualität trat in ihr Leben, und in der Klinik hatte sie auch schon die "Vision": "Ich muss Yogalehrerin werden."

"Ich wollte das Leben verstehen und warum ich so bin wie ich bin"

Als es ihr wieder besser ging, machte sie neben dem Job eine Ausbildung zur Yogalehrerin und viele weitere Fortbildungen, etwa als Mental- und Intuitionscoach, in Traditioneller Chinesischer Medizin, in Hypnose. "Ich wollte das Leben verstehen und warum ich so bin wie ich bin", sagt sie. Durch Zufall entdeckte sie das Yin Yoga, das aus den USA nach Deutschland kam. Weil ihr genau diese sehr ruhige, langsame, intuitive Methode so gut gefiel, machte sie noch eine Yin-Yoga-Ausbildung und blieb bei dieser Form.

Das alles war offenbar der richtige Weg. "Ich hatte plötzlich so viele Yoga-Jobs und Aufträge, dass ich mich fragte, was mache ich mit meinem Bavaria-Job?" Als ihr angeboten wurde, drei Monate lang als Yogalehrerin auf dem Traumschiff, der MS Deutschland, anzuheuern, fiel die Entscheidung. Seehofer kündigte vor vier Jahren ihren Job.

Aus dem Traumschiff wurde trotzdem nichts, denn die MS Deutschland ging pleite. Trotzdem ergaben sich weitere Aufgaben, auch als Yin-Yoga-Ausbilderin. Zurück zu Bavaria Film kam sie ebenfalls: Dort gibt sie Yoga-Unterricht im "Bavaria Fit", der Sporthalle des Betriebsrates. "Und immer, wenn ich meine alten Kollegen sehe, freue ich mich wahnsinnig, wir sind immer noch wie eine Familie."

Aus dem Acht-Stunden-Alltag aber ist Seehofer ausgebrochen und sie liebt es. "Ich habe soviel Freizeit." In der sie viel meditiert und ihren Draht zu der gewissen anderen Ebene pflegt, den manche Menschen Gott nennen. Tanja Seehofer verwendet andere Begriffe, auch als Moderatorin beim Internetsender Mystica TV. Auf jeden Fall aber sagt sie jetzt überzeugt Ja zu ihrem Leben. Nicht nur im Yoga-Unterricht.

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