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Grünen-Politiker Bernd Schreyer:"Wir wollten damals schon die Welt retten"

Alles so schön grün hier: Der alte, neue Stadtrat Bernd Schreyer im Rosengarten in der Au.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nach 30 Jahren Pause sitzt Bernd Schreyer erneut für die Grünen im Stadtrat. Manche Rede von damals könnte er heute wieder halten. Doch die Mehrheiten haben sich geändert, und statt ums Verhindern geht es jetzt ums Verändern.

Von Anna Hoben

Als Bernd Schreyer vor vier Jahren in den Ruhestand ging, tat er das mit einem Plan. Viele Jahre hatte er sich im Sozialreferat um das Thema Wohnen gekümmert, und für ihn war das noch nicht erledigt. München soll mehr wie Wien werden, so lautete, grob gesagt, Schreyers Plan. Dafür würde er sich als Kandidat für die grüne Stadtratsliste aufstellen lassen. Als er dann im März 2020 gewählt wurde, war das allerdings keine ganz neue Erfahrung für den 69-Jährigen: Schließlich saß er von 1986 bis 1990 schon einmal im Stadtrat. Zwischen seiner ersten und seiner zweiten Amtszeit hat Bernd Schreyer also einfach 30 Jahre Pause gemacht.

Wenn es um Wohnungspolitik geht, wird gern nach Wien geschaut. Gut 60 Prozent der Wiener wohnen in kommunalen oder geförderten Wohnungen. Allerdings hat Wien als Bundesland andere Möglichkeiten als München. Die Stadt hat zwar in den vergangenen Jahren die größten kommunalen Wohnungsbauprogramme der Republik aufgelegt. Die Schlangen vor dem Wohnungsamt blieben trotzdem, auch weil München seit 2010 enorm gewachsen ist, um 180 000 Einwohner. Die Zahl der Wohnungen habe da bei Weitem nicht mithalten können, sagt Schreyer. Er hat viele Zahlen parat - auch, dass die Bodenpreise jedes Jahr um 13 Prozent steigen, eine Entwicklung, die letztlich die Mieten weiter in die Höhe treibt.

In seiner Zeit im Sozialreferat erfand er unter anderem die sogenannten Flexi-Wohnheime, um Wohnungslose würdiger unterbringen zu können. Doch was die Stadt auch tat: "Es war immer nicht genug", sagt Schreyer. Nah dran gewesen an der grünen Fraktion war er immer. Die Dinge, die in der Verwaltung nicht umzusetzen sind, politisch anzugehen, das war seine Motivation, als er sich für den Stadtrat bewarb. Für ihn ist klar, dass die Stadt den Wohnungsbau mindestens verdoppeln muss, 4000 geförderte und preisgedämpfte Einheiten sollen künftig pro Jahr entstehen, 2000 davon städtisch - so steht es im grün-roten Koalitionsvertrag. Eine wichtige Rolle sollen Genossenschaften einnehmen. Dies soll den Weg in Richtung Wien bereiten. Die entgegengesetzte Richtung, sagt Schreyer, würde nach London führen. Dort ist das Wohnen bekanntlich noch viel teurer. Es ist ein Schreckensbild, das er mithelfen will zu verhindern. Die nächsten Schritte sollen eine Weiterentwicklung der sogenannten sozialgerechten Bodennutzung und die Fusion der städtischen Wohnungsbaugesellschaften sein.

1984 waren die Grünen erstmals in den Münchner Stadtrat eingezogen. Bernd Schreyer rückte zwei Jahre später für die ausgeschiedene Maya Kandler nach. Die Gleichstellung von Frauen war für die Grünen auch damals schon ein wichtiges Thema, und dass sich das Verhältnis von Frauen zu Männern durch Schreyers Einzug auf eins zu fünf verschlechterte, war da natürlich nicht ideal. Er werde versuchen, den "geschlechtlichen Mangel", den die Fraktion erlitten habe, zu mindern, indem er sich für die Belange der Frauen einsetzen wolle, versicherte der Neuling zum Antritt.

Zu sechst waren die Grünen damals, "das war richtig familiär", sagt Schreyer. Man habe "Tag und Nacht" miteinander diskutiert und eigentlich immer gewusst, wie der oder die andere dachte. Auch ihre Rolle in der Opposition machte es den Grünen in mancher Hinsicht einfacher. "Damals waren wir einfach radikal und freier." Eigentlich aber habe man schon von Anfang an regieren wollen. Dass die Grünen schnell in der politischen Realität ankamen, zeigte sich 1988, als CSU und Grüne ein Bündnis schmiedeten - und so mit Georg Welsch für das Kommunalressort zum ersten Mal ein grüner Referent gewählt wurde. "So was Irres hat es noch nie gegeben, dass sich CSU und Grüne zusammentun", entfuhr es damals Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD).

Die Themen, für die sich die Grünen in München einsetzten, seien einst die gleichen gewesen wie heute, sagt Schreyer: "Wir wollten damals schon die Welt retten." Es ging um Artenvielfalt, Radwege, Grün- und Freiflächen, den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, wobei man zugegebenermaßen den Tramausbau der U-Bahn vorgezogen habe. Es gebe da eine alte Haushaltsrede von ihm, sagt Schreyer: "Die könnte man heute wieder halten." Man sei überzeugt gewesen: "Wenn wir jetzt nicht anpacken, steuern wir unrettbar in eine Katastrophe." 1972 hatte der Club of Rome vor den "Grenzen des Wachstums" gewarnt. 1979 waren Wissenschaftler, Politiker, Behördenvertreter aus 53 Nationen in Genf zur ersten Weltklimakonferenz zusammengekommen. In dem Jahr gehörte Schreyer zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in München und Bayern. Rüstungspolitik, Atomkraft, das waren die Themen, die ihn umtrieben. Und herumtrieben, von Ort zu Ort. Wackersdorf, Brokdorf, Mutlangen. "Wir waren ständig unterwegs, um irgendwas zu verhindern."

Sozialpädagogik hatte Schreyer studiert und 1973 bei der Stadt München angefangen, im Jugendamt. Später wechselte er zur Schuldnerberatung. Bei der Stadt hat er sein ganzes Arbeitsleben verbracht, abgesehen von der Phase im Stadtrat. 1990 stellten die Grünen ihn nicht wieder für den Stadtrat auf - damals galt noch das Rotationsprinzip, das verhindern sollte, dass Abgeordnete sich zu sehr von der Basis entfernen. Schreyer wurde Mitarbeiter bei Sabine Csampai, der ersten Bürgermeisterin in der Geschichte der Stadt; später war er im Büro von Bürgermeister Hep Monatzeder unter anderem für Radverkehr und Kinderbetreuung zuständig, bevor er ins Sozialreferat zurückkehrte, um sich um das Thema Wohnen zu kümmern.

In den Jahren 1997 bis 1998 war er außerdem Vorsitzender der bayerischen Grünen. Schreyer hat also jede Menge Erfahrung mit in die Fraktion gebracht.

Die ist heute, in seiner zweiten Stadtratsphase, auf das Vierfache von damals angewachsen. Mit 24 Sitzen bilden die Grünen zum ersten Mal die stärkste Kraft im Stadtrat. Ob sie diese Rolle schon richtig gefunden haben? "Ich würde sagen, wir haben sie leichter gefunden als die SPD ihre Rolle", jene der kleineren Partnerin. Es gehe eben nicht nur darum, in einer Koalition dabei zu sein, sondern darum, ein so starkes Gewicht zu haben, "dass man die Stadt ein Stück weit in seine Richtung gestalten kann". Es sei nun vieles umsetzbar, woran vorher nicht zu denken war: die Umverteilung des Verkehrsraums etwa.

Schwieriger war indes das Sich-Finden als Fraktion im Corona-Jahr. Anfangs habe es viele Missverständnisse gegeben; mittlerweile aber sei die Fraktion gut zusammengewachsen. Und noch etwas ist anders als in seiner ersten Amtszeit: "In der Regierung muss man seine Konzepte so entwickeln, dass sie finanzierbar sind und dass sie Menschen nicht vor den Kopf stoßen - wir sind ja breiter aufgestellt inzwischen", sagt Schreyer. Wenn er heute etwa zur geplanten Fällung von Tausenden Bäumen für den Kiesabbau im Forst Kasten sagt, dass das Vergabe- und Stiftungsrecht nun mal so seien, wie sie sind, klingt das nicht gerade radikal - auch wenn seine Fraktion und er den weiteren Kiesabbau eigentlich ablehnen. Deshalb müsse sich freilich etwas ändern: "In das Stiftungsrecht gehört in Zukunft ein Klima- und Artenschutzvorbehalt hinein." Es mache ihm Hoffnung, dass so viele junge Menschen begriffen hätten, was in der Klimakrise zu tun sei. "Ich glaube, dass es tatsächlich eine Chance gibt, die Welt doch noch zu retten."

Er lacht. Gerade ist Schreyer von einem Urlaub auf Thassos zurückgekommen, auf der griechischen Insel besitzt er seit mehr als 30 Jahren ein Häuschen. Er hat das Flugzeug genommen - allerdings nur ausnahmsweise, wie er betont, wegen der Pandemie sei es nicht anders gegangen. Normalerweise fährt er mit dem Auto; geflogen sei er seit zehn Jahren nicht mehr. Ob er in fünf Jahren noch einmal für den Stadtrat antreten will? Eigentlich würde er dann doch gern seinen Ruhestand genießen, sagt Schreyer. Er stellt sich das so vor: Deutschland und München werden grün regiert, und er schaut von Griechenland aus zu. So würde ihm das gut passen.

© SZ vom 01.06.2021/van/syn
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