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Soziale Medien:So lernen Sie ihre Nachbarn richtig gut kennen

Der Nachbar ist in Mietshäusern oft ein unbekanntes Wesen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Mantra-Singen, Penny-Treuepunkte oder Leih-Schokobrunnen: Wer sich online mit seinen Nachbarn vernetzt, entdeckt ganz neue Seiten an ihnen.

Was weiß man schon über seine Nachbarn? Dass das Kind in der Wohnung unter einem abends lange weint. Dass die Studenten-WG über einem einmal im Jahr eine Party feiert, die dem großen Gatsby zur Ehre gereichen würde. Dass der freundliche Mann, der die Pakete für das ganze Haus annimmt, regelmäßig mit dem Hund rausgeht. Das war's dann auch schon.

Aber nur für Leute, die sich ausschließlich offline bewegen. Dank Portalen wie Nebenan.de wandert die Nachbarschaft ins Internet ab und dort ziemlich nah zusammen. Das ist toll. Auf Nebenan.de tobt das Leben, mit all seinen süßen und weniger süßen Facetten. Da sind zum Beispiel die Leute, die ihre Tochter zum Geburtstag mit einem geliehenen Schokobrunnen überraschen wollen. Die Frage nach dem Schokobrunnen steht in der virtuellen Nachbarschaft direkt neben dem Aufruf, sich bei der Stadt über den Schlachthof-Gestank zu beschweren. Darunter sucht jemand eine "zuverlässige Putzfrau für drei bis vier Stunden pro Woche. Ein Traum wäre es, wenn sie auch noch kochen könnte." Prompt meldet sich ein Herr, der mitteilt, er mache "unglaublich gutes Irish Stew". Wie zuverlässig er putzt, verrät er jedoch nicht.

Einer will wissen, was mit seiner Lieblingspizzeria los ist, die sei schon seit Wochen geschlossen, und kein Zettel an der Tür kläre über den Grund auf. Der Mann leidet unter akutem Entzug: "Wir brauchen dringend wieder gute Pizza." Auch recht spezielle Anfragen findet man. Eine Musikerin sucht "singbegeisterte Nachbarn für einfach zu singende Mantras". Jemand will seinen Nachbarn Penny-Treuepunkte abluchsen, jemand anders braucht dringend eine bestimmte Ausgabe einer Finanzzeitschrift, und einer möchte Tipps für ein Dragqueen-Styling haben. Wieder brandaktuell könnte ein Gesuch aus der Zeit vor Weihnachten sein. Da suchte eine Frau nicht nur nach einer Lichterkette und Baumschmuck: "Vielleicht hat ja auch einer eine kleine Grippe abzugeben." Nachdem die Grippewelle jetzt in Bayern angekommen ist, stehen die Chancen ja nicht schlecht.

© SZ vom 29.01.2020/sim
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