MünchenDas haben Polizei und Zoll bei der Großrazzia im Bahnhofsviertel gefunden

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Mit einem Großaufgebot durchsuchen Polizei und Zoll zahlreiche Läden im Bahnhofsviertel.
Mit einem Großaufgebot durchsuchen Polizei und Zoll zahlreiche Läden im Bahnhofsviertel. Robert Haas
  • Polizei und Zoll führten am Mittwochnachmittag mit 500 Beamten die größte Kontrollaktion in Münchens Geschichte im Bahnhofsviertel durch.
  • Bei der gleichzeitigen Durchsuchung von fast 50 Läden wurden in etwa jedem zweiten Geschäft Verstöße entdeckt.
  • Die Beamten fanden 23 Mindestlohnverstöße, 21 Fälle von Schwarzarbeit, Drogen, Waffen und nahmen mehrere Personen fest.
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Ein Einsatz, wie ihn München noch nie gesehen hat: In der Landwehrstraße tauchen am Mittwochnachmittag schlagartig 500 Beamte auf.  Nun liegt die Bilanz vor.

Von Martin Bernstein

Später Mittwochnachmittag, 17 Uhr. Haupteinkaufszeit auch in der etwa 600 Meter langen Landwehrstraße südlich des Münchner Hauptbahnhofs. Die Kunden kommen plötzlich in Scharen. Und sie kommen alle gleichzeitig. Doch sie wollen nicht kaufen, nur schauen, das aber umso genauer. Die Kunden tragen Uniform: Es sind mehr als 400 Polizistinnen und Polizisten und sie haben weitere 100 Kolleginnen und Kollegen vom Zoll dabei. Was an diesem Mittwoch im Münchner Bahnhofsviertel geschieht, ist in dieser Form die größte Kontrollaktion, die es in der Stadt jemals gab.

Der Einsatz wurde minutiös geplant, ein halbes Jahr lang. Wer an diesem Nachmittag rund um die Großbaustelle, die sich Münchner Hauptbahnhof nennt, unterwegs war, dem fiel womöglich auf, dass ungewöhnlich viele Ordnungshüter präsent waren, auch in größeren Gruppen. Aber der aufmerksame Beobachter hätte das vielleicht mit dem abendlichen Fußballspiel des FC Bayern München gegen Real Madrid in Verbindung gebracht. „Das war durchaus hilfreich“, wird Münchens Polizeisprecher Thomas Schelshorn später am Abend sagen und dabei lächeln.

Denn so können sich die Einsatzkräfte unbemerkt formieren an einem Nachmittag in der dicht bevölkerten Innenstadt. Kurz vor 17 Uhr geht es dann plötzlich ganz schnell: Polizeiautos mit blinkendem Blaulicht blockieren Kreuzungen, versperren die Zufahrten in die Landwehrstraße. Polizistinnen und Polizisten bedeuten Autofahrern mit energischen Handbewegungen: Fahren Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Kein Durchkommen: Wer am vergangenen Mittwoch am späten Nachmittag in die Landwehrstraße wollte, wurde abgewiesen.
Kein Durchkommen: Wer am vergangenen Mittwoch am späten Nachmittag in die Landwehrstraße wollte, wurde abgewiesen. Robert Haas

Zu sehen gäbe es allerdings jede Menge. Fast 200 Einsatzfahrzeuge in und um die Landwehrstraße. Und 500 Beamtinnen und Beamte, die mit einem Mal überall zu sein scheinen. Zumindest in jedem Geschäft der an Geschäften nicht eben armen Landwehrstraße. Und in den Seitenarmen im Bahnhofsviertel, in der Goethe- und der Schillerstraße. Gleichzeitig betreten die Ordnungshüter fast 50 Läden. Niemand soll die anderen warnen können.

Und niemand soll fliehen können. Hauptaufgabe der Polizei bei dieser Kontrollaktion ist es zunächst, die Situation in den jeweiligen Geschäften „einzufrieren“. Jeder im Raum muss bleiben, wo er gerade ist. Und niemand kann plötzlich etwa vom Beschäftigten zum angeblich unbeteiligten Kunden mutieren. Ein Dönerbrater muss um Erlaubnis bitten, an seinen Drehspieß gehen zu dürfen, damit das Fleisch nicht anbrennt.

Die Landwehrstraße in München ist ein multikultureller Hotspot. Wer jemenitisch, afghanisch, türkisch, bosnisch, arabisch essen möchte, wer einen rasiermesserscharfen Haarschnitt mit Undercut und abgeflämmten Ohrhaaren wünscht, wer erleben möchte, dass Rauch auch nach Erdbeeren oder Aprikosen schmecken kann, ist hier ebenso gut aufgehoben wie Glücksspielfreudige und -süchtige oder – wie später am Abend und vor allem in den Seitenstraßen – diejenigen, die es in Tabledance-Bars und ähnliche Etablissements zieht. Wenn München überhaupt irgendwo wie eine Weltstadt wirkt, dann in und um die Landwehrstraße. Das mag man mögen oder nicht.

Die Begleiterscheinungen dieser bunten Welt gefallen indes weder der Stadtverwaltung noch der Polizei noch vielen Geschäftsinhabern selbst, auch nicht den Hotelbetreibern und den Anwohnern im Bahnhofsviertel. Die Ecke gilt als einer der Kriminalitätsschwerpunkte der bayerischen Landeshauptstadt mit Gewalt- und Drogenverbrechen sowie Schwarzarbeit und illegaler Prostitution. Früher war die Landwehrstraße auch Münchens „Arbeiterstrich“, auf dem Tagelöhner und Wanderarbeiter auf mies bezahlte Jobs warteten, was sie nicht selten zu Opfern ausbeuterischer Geschäftemacher werden ließ.

Auch mit Kameras ausgerüstet gehen die Polizei- und Zollbeamten in verschiedene Geschäfte.
Auch mit Kameras ausgerüstet gehen die Polizei- und Zollbeamten in verschiedene Geschäfte. Robert Haas

Im November hat das Münchner Polizeipräsidium im südlichen Bahnhofsviertel zwei Video-Überwachungstürme in Betrieb genommen. Die Türme stehen an den Ecken der Schiller- und Adolf-Kolping-Straße sowie der Adolf-Kolping- und Zweigstraße. Anwohner und Geschäftsleute hatten sich über wachsende Straßenkriminalität beschwert. Eine städtische Taskforce hat für das Areal ein Konzept entworfen, das einerseits mehr Präsenz der Polizei und des Sicherheitsdiensts der Stadt vorsieht, aber auch mehr Licht, mehr Sauberkeit, Schanigärten und Tempolimits sowie verbesserte soziale Angebote.

Jetzt also die Kontrolle in noch nie dagewesener Intensität. Ob das denn nicht Voreingenommenheit sei, möchte später eine Passantin vom Polizeisprecher wissen. So ein Aufmarsch, gerade hier. Schelshorn hat die Antwort parat. Eine derartige Aktion sei nur Erfolg versprechend, wo auf kleinem Raum zahlreiche Objekte beisammen seien, die man gleichzeitig betreten und kontrollieren könne. Und das sei in der Landwehrstraße nun mal der Fall. Es gehe um Prävention und, ja, auch um Abschreckung.

Das Ergebnis gibt dem Konzept anscheinend recht. Etwa 80 Gewerbebetriebe seien insgesamt kontrolliert und mehr als 200 Beschäftigte befragt worden, bilanziert Zoll-Sprecher Thomas Meister am Donnerstag. Die Beamtinnen und Beamten haben Ausweise und Arbeitspapiere überprüft. Sie haben kontrolliert, ob der Tabak in den Shishabars korrekt versteuert und gesundheitlich einwandfrei ist. Sie haben Hygiene und Rettungswege in den Dönerläden und Lebensmittelgeschäften untersucht. Und sie sind fündig geworden. Nicht überall natürlich. Aber sehr oft.

In ungefähr jedem zweiten Geschäft nämlich, sagt Meister. Dabei wurden 23 Verstöße gegen Mindestlohnbestimmungen, 21 Fälle von Schwarzarbeit und 28 Fälle von illegaler Beschäftigung aufgedeckt. Sein Kollege Schelshorn zählt auf, was die Polizei gefunden hat: die Drogen Kokain, Khat und Marihuana, Lachgas, für das seit Sonntag ein Verkaufsverbot besteht, sowie eine Schreckschusswaffe unterm Ladentisch. Eine Person sei festgenommen worden wegen des Verdachts, sich illegal in Deutschland aufzuhalten. Gegen drei Personen bestanden offene Haftbefehle, zwei 25 und 31 Jahre alte Männer wurden als mutmaßliche Drogendealer festgenommen.

Den Mitarbeitern der städtischen Berufsfeuerwehr fielen etwa 50 Verstöße gegen Brandschutzbestimmungen auf, einige Läden wurden wegen Hygienemängeln angezeigt. Insbesondere beim Zoll wird die Kontrollaktion anschließend am Computer fortgesetzt. 85 weitere Verdachtsfälle müssen noch abgearbeitet werden: Stimmen die gezeigten Papiere auch? Wurden Sozialabgaben ordnungsgemäß bezahlt?

In der Landwehrstraße geht bis zum frühen Abend alles ruhig über die Bühne. Fast unnatürlich still ist es angesichts all dessen, was hier gleichzeitig auf engem Raum geschieht. In einigen Barbershops fallen weiter Haare unter den gezielten Scherenschnitten flotter Barbiere, während direkt hinter dem Friseurstuhl zwei Zollbeamte mit dem Besitzer diskutieren. Im nächsten Geschäft ist außer für den Ladeninhaber und sechs Polizisten für niemanden mehr Platz. Kunden werden abgewiesen: „Kommen Sie später wieder.“ Wann das sein wird? Kann niemand sagen.

Gegenüber beraten zwei Beamte, wo sie in der engen Straße ihren Einsatz-Lastwagen abstellen können, der dort offenbar gleich benötigt werden wird. Wofür? „Gehen Sie bitte weiter, hier...“. Überall stehen Ladenbesitzer, Mitarbeiter und Kunden in Grüppchen zusammen. Sie diskutieren, die meisten leise und ruhig. Einige lachen, ein paar sind erkennbar aufgeregt. Eine Kontrollaktion wie diese gab es in München noch nie.

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