StadtplanungBüschl-Gruppe steigt bei der Großmarkthalle aus

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Beim Projekt Großmarkthalle muss die Stadt München zurück auf Anfang.
Beim Projekt Großmarkthalle muss die Stadt München zurück auf Anfang. Landeshauptstadt München

Trotz mehrmaliger Fristverlängerung gelingt es dem Immobilienunternehmen nicht, einen geeigneten Investor zu finden. Nun muss die Stadt entscheiden, wie es mit dem Projekt weitergehen soll. Die Politik reagiert mit großer Enttäuschung.

Von Linus Freymark

Es ist kurz nach elf Uhr am Donnerstagvormittag, als eine Nachricht die Münchner Stadtspitze in Aufruhr versetzt: Die Büschl-Gruppe zieht sich aus dem Großmarkthallen-Projekt in Sendling zurück. „Wir haben weltweit keinen End-Investor gefunden, der das Vorhaben übernehmen und finanzieren will“, erklärt Ralf Büschl, Beiratsvorsitzender des Projektentwicklers. Deshalb zieht sich Büschl aus der Ausschreibung für das wohl mehrere Hundert Millionen Euro teure Bauvorhaben zurück. Das Problem für die Stadt: Der Immobilienentwickler war der einzige Interessent.

Entsprechend fallen die politischen Reaktionen aus. „Es ist wirklich äußerst bitter, dass ein so langer Prozess und die vielen politischen und öffentlichen Diskussionen nun ohne greifbares Ergebnis enden“, kommentiert Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die Entwicklung. Auch Christian Smolka von der Fraktion aus Grünen, Rosa Liste und Volt erklärt, es sei „enttäuschend, dass nun nach mehreren Fristverlängerungen die versprochene Lösung nicht zustande kommt.“

CSU-Stadtrat Andreas Babor sagt, es sei „sehr bedauerlich, dass trotz intensiver Suche bislang kein Investor für die Großmarkthalle gefunden werden konnte“. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Christian Köning geht davon aus, dass der Neubau der Großmarkthalle durch den Rückzug der Büschl-Gruppe nicht wie geplant bis 2030 realisierbar ist.

Tatsächlich stellen sich nach dem Rückzug des Investors Fragen in der Stadt. Wie lange wird sich der Neubau der Großmarkthalle verzögern? Wird das Projekt überhaupt jemals in Sendling oder doch woanders realisiert? Oder steht das Projekt als Ganzes vor dem Aus – und damit womöglich auch der Münchner Großmarkt?

Ein Stadtquartier hätte entstehen können

Die Planungen dafür beschäftigen die Stadt seit Jahren. 2017 rückte man im Rathaus davon ab, in kommunaler Eigenregie zu bauen und strebte stattdessen eine Investorenlösung an. Nachdem einige Ideen ersonnen und wieder verworfen worden waren, stand schließlich der Plan, dass Büschl auf dem Areal an der Schäftlarnstraße ein 425 Meter langes und bis zu 30 Meter hohes Logistikzentrum bauen sollte, in dem Platz für den Großmarkt vorgesehen war. Durch die Komprimierung der bisher auf dem 26 Hektar großen Areal verstreuten Händler wären Flächen freigeworden, auf denen ein Stadtquartier hätte entstehen können.

Büschl wollte den Bau umsetzen und das Areal dann an einen sogenannten Bestandshalter weiterverkaufen. Der schien mit einem Hamburger Unternehmen auch gefunden zu sein. Doch wie Büschl am Donnerstag erklärt, habe der Investor aus dem Norden „überraschend darauf bestanden, Baurecht für ein allgemeines Logistikzentrum zu erhalten“ und somit von der Zweckbestimmung eines Großmarktes abzuweichen.

Dies sei aufgrund baurechtlicher Vorgaben nicht möglich gewesen, weshalb sich erst der hanseatische Geldgeber und dann Büschl zurückzogen. Der Projektentwickler aus Grünwald hatte bereits in der Vergangenheit mehrmals Fristverlängerungen von der Stadt bekommen, um einen Geldgeber finden und ein finales Angebot für die Bebauung des Areals abgeben zu können.

Nur bis maximal 2030 lässt sich der Betrieb in der maroden Halle fortführen

Ohne Bauherrn muss die Stadt quasi von Neuem mit der Planung beginnen. Dabei drängt die Zeit: Bis maximal 2030 lässt sich der Betrieb in der bisherigen, maroden Großmarkthalle fortführen – und auch das nur mit Instandhaltungskosten in Millionenhöhe. Danach muss der Großmarkt woanders unterkommen.

Aber wo soll das sein? OB Reiter sagt, genau das müssten sich „Politik und Verwaltung in den nächsten Wochen gründlich überlegen“. Dabei müsse man vermeiden, dass sich ein „unbefriedigender Vorgang“ wie jetzt wiederhole. Grüne und Linke kritisieren derweil, dass die Stadt überhaupt auf einen Investor gesetzt hat. Dadurch stehe man nun „an demselben Punkt wie vor fast einem Jahrzehnt“, so Grünen-Stadtrat Smolka. Und Stefan Jagel von der Linken stellt klar: „Der Großmarkt darf nicht sterben.“

Die Fraktion aus FDP und Bayernpartei entfacht derweil die Debatte um den Standort neu. „Großmärkte gehören an den Stadtrand“, sagt der Fraktionsvorsitzende Jörg Hoffmann und plädiert erneut für eine Kulturmeile auf dem Areal. Hoffmanns Vorschlag:  Auf dem Gasteig-Gelände sollten Wohnungen entstehen, der Interimsgasteig an der Brudermühlstraße zum dauerhaften Konzertsaal werden. Zwischen diesem und dem Volkstheater solle dann auf dem Areal der Großmarkthalle ein Kulturzentrum entstehen.

Die CSU dagegen will am bisherigen Standort festhalten, da der Großmarkt die Nahversorgung garantiere und Arbeitsplätze schaffe. Rathauschef Reiter äußert sich zurückhaltender. Es gehe darum, eine Lösung zu finden, die „langfristig und für das gesamte Quartier eine positive Entwicklung erwarten lässt“, sagt der Oberbürgermeister. Sein Parteikollege Köning forderte die Politik auf, „alles zu tun, damit eine sichere Perspektive für die Händlerschaft aufgezeigt wird“.

Die zeigt sich überrascht vom Rückzug Büschls und wähnt sich aufgrund der erneuten Verzögerung in einer „Hinhalteposition“, sagt Günther Warchola, Präsident des Verbands des Bayerischen Fruchtimport- und Großhandels mit rund 350 Mitgliedern. Die Entwicklung verursache Kosten für die Händler und gebe ihnen keinerlei Planungssicherheit, so Warchola. Gerade für mittelständische Familienbetriebe sei dies von großer Bedeutung. Zudem beklagt der Verband, nicht genügend in die Entscheidungsprozesse einbezogen zu werden. „Wir möchten nicht länger nur abwarten, sondern wollen die Diskussion aktiv mitgestalten“, sagt Warchola.

Unterdessen hat die Büschl-Gruppe angeboten, das Ergebnis ihrer vierjährigen Planungen an die Stadt abzutreten. Möglich wäre dann unter anderem, dass die Stadt das Bauvorhaben doch selbst umsetzt. Allerdings dürften die Voraussetzungen dafür aufgrund der angespannten Haushaltslage deutlich schlechter sein als noch 2017.

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