bedeckt München 24°

SZ-Serie: Meter für Meter:Wo das Leben anfängt und endet

Sieht aus wie ein Toaster, wird auch so genannt: das Bettenhaus des Klinikums.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Straßen sind die Lebensadern der Stadt. Viele sind bekannt, manche sind berühmt, andere erzählen einfach nur gute Geschichten. Heute: die Marchioninistraße.

Von Stephan Handel

Die Straße zur Gesundung beginnt mit: Kita, Wirtshaus, Beerdigungsinstitut. Schon auf ihren ersten 100 Metern fasst also die Marchioninistraße das ganze Leben zusammen. Das Leben, das ein Stück weiter die Straße entlang manchmal beginnt und manchmal endet, täglich aber kämpfen sie dort darum, die Ärztinnen und Ärzte, die Pflegerinnen und Pfleger im Klinikum Großhadern.

Es gibt Straßen, die überwältigen den Begeher mit ihrer Pracht. Andere sind klein und hübsch, viele einfach hässlich. Die Marchioninistraße ist nichts davon. Sie ist weder besonders schön noch besonders abstoßend, sie ist einfach da, weil die Rettungswagen ja zur Notaufnahme kommen müssen, weil die Leute ihre Kranken besuchen wollen und die Studenten zur Vorlesung. Wäre die Marchioninistraße ein Gebäude, dann wahrscheinlich eine Mehrzweckhalle: Hauptsache praktisch.

Die Marchioninistraße beginnt an einem Wirtshaus.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Als das Klinikum der Universität in den 1960er-Jahren gebaut wurde, muss es den Hadernern vorgekommen sein, als wäre ein Ufo in ihren Vorgärten gelandet: 70 Hektar Fläche, das riesige Bettenhaus, "Toaster" genannt. Wie sehr sich das Klinikgelände unterscheidet vom restlichen Hadern, zeigt sich beim Blick auf den Stadtplan: dort kurvige, verwinkelte Sträßlein - hier alles rechtwinklig und konstruiert, und als Haupttangente eben die Marchioninistraße.

Sie beginnt sozusagen in den alten Zeiten, an der Heiglhofstraße, dem Haderner Dorfkern, wenn Hadern denn noch ein Dorf wäre. Dort steht ein Erdinger Weißbräu und die Kindertagesstätte, und hinter der Kreuzung mit der Sauerbruchstraße finden sich das Bestattungsunternehmen und ein Blumenladen. Dann aber ist Schluss mit bürgerlicher Wohngegend, für den Rest ihres guten Kilometers Länge ist die Marchioninistraße Krankenhaus-Zufahrt und sonst nichts.

Alfred Marchionini, der der Straße ihren Namen gab, war ein bedeutender Arzt und Wissenschaftler mit einem schillernden Lebenslauf. 1899 in Königsberg geboren, studierte er in seiner Heimatstadt, in Leipzig und in Freiburg, er war Allgemeinmediziner und Kinderarzt und habilitierte sich schließlich als Dermatologe und wurde Professor in Freiburg. 1938 aber verließ er Deutschland; seine Frau, ebenfalls Ärztin, hatte schon ihre Praxis aufgeben müssen, weil eine Großmutter den Nazis nicht ausreichend "arisch" war. Marchionini ging nach Ankara und wurde Direktor des staatlichen Musterkrankenhauses Numune Hastanesi, auch behandelte er den Präsidenten Atatürk. Erst nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück und wurde 1950 Leiter der "Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten", das ist die heutige Klinik Thalkirchner Straße. Von 1954 bis 1955 war er Rektor der LMU. Bis zu seinem Tod 1965 setzte er sich vor allem für die Versöhnung der Völker ein und für die Wiederanerkennung der deutschen Ärzte als Teil der medizinischen Welt.

Die Straße führt durch eine bürgerliche Wohngegend.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein kurviger Lebensweg, eine schnürlgerade Straße. Die Klinik beginnt schon vor der Klinik: Im Sigrid-Siegmund-Haus, benannt nach der Stifterin, werden menschliche Zellen untersucht und erforscht. Gegenüber stehen gerade 14 Taxis unter einem Schild "12 Taxis", dahinter eine Art Pförtnerhaus, aber ohne Schlagbaum und Kontrolle - wahrscheinlich eher Auskunft und Wegweiser. Danach links und rechts Parkplätze; vor einigen Jahren bekam das Klinikum Ärger, weil es sie kostenpflichtig machte, da ging offenbar einigen Hadernern günstiger Parkraum verloren. Links rein geht's zum Haupteingang, zuvor noch vorbei an der Berufsfachschule für Pflegeberufe, wo die Schüler in der Theorie das lernen, was sie im Klinikum praktisch anwenden.

Der Taxistand vor der Krankenhaus-Pforte: Hunde verboten?

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zu Fuß geht es ab jetzt nur noch rechtsseitig die Marchionini-Straße entlang, ein baumgesäumter Weg mit ein paar Büschen und Rasen. Auf einer der dürren Draht-Bänke sitzt eine Patientin und sagt, hier sei es ihr lieber als auf der anderen Seite des Toasters: "Da sieht man nur Kranke. Hier passiert wenigstens ab und zu mal was." Nämlich immer dann, wenn ein RTW, ein Rettungstransportwagen, zur Zentralen Notaufnahme fährt: Schnell hin, vorsichtig zurück, so lautet die Grundregel bei Krankentransporten. Dann springen die Helfer, die Pfleger, die Ärzte heraus und versorgen den Kranken - die Routine der Lebensrettung. Und wenn sie gerade Pause haben, stehen sie draußen an der Mauer und rauchen, als wär' nichts, als würde es nicht täglich um alles gehen.

Die zentrale Notaufnahme liegt in einem 2014 eröffneten, neuen Gebäude, das sozusagen die Keimzelle des neuen Klinikums Großhadern ist. Bis 2030, wenn alles gut geht, soll alles anders werden: Der Toaster kommt weg, das gesamte Krankenhaus wird neu organisiert, weil die alten Gebäude mit dem Fortschritt der Medizin nicht mehr mithalten können, weil die Ärzte heute anders, interdisziplinärer arbeiten als vor 30, 40, 50 Jahren. Am Ende des Notaufnahme-Gebäudes zeigt sich auch das schon: Viele Operationen können heute schnell und schonend bewerkstelligt werden, das Ambulante OP-Zentrum ist genau darauf ausgerichtet. Natürlich gibt es auch die großen, die ganz großen Eingriffe, dafür gibt es in dem gleichen Haus 32 moderne OP-Säle.

Links der Patient, rechts die Forschung: Dort findet sich das Centrum für Schlaganfall- und Demenzforschung und das Deutsche Zentrum für degenerative Erkrankungen, hier wird weniger behandelt als geforscht. Ebenso im benachbarten Walter-Brendel-Zentrum, in dem das Institut für Chirurgische Forschung untergebracht ist. Walter Brendel war einer der vielen Münchner Ärzte, die die medizinische Wissenschaft entscheidend voranbrachten; unter anderem seine Forschung ermöglichte die erste Herztransplantation von Christiaan Barnard in Südafrika. Auch die Zertrümmerung von Nierensteinen mittels Ultraschall geht auf seine Kappe.

Die zentrale Notaufnahme liegt in einem neueren Gebäude.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Würde der Besucher nun am Walter-Brendel-Zentrum die Marchioninistraße verlassen und ein paar Stufen hinabsteigen, so käme er - alles hier ist ja Universität - zum dritten Standbein neben Klinik und Forschung: Die Fakultät für Chemie und Pharmazie bildet Apotheker und Chemiker aus, ihr kleiner Campus steht in heiterem Gegensatz zu den oft tragischen, dramatischen Geschehnissen im Krankenhaus. Links rum geht es tatsächlich Richtung Tod: Die Klinik für Palliativmedizin kümmert sich um Patienten, bei denen eine Heilung nicht mehr möglich ist - das ist ein Akt der Gnade, vorbei die Zeiten, als Mediziner ihre Patienten mit immer noch einem sinn-, weil aussichtslosen Therapieversuch gequält haben. Nun akzeptieren Ärzte, wenn sie mit ihrer Heil-Kunst am Ende sind, und ermöglichen den Menschen ein Ende in Würde und ohne Schmerzen.

Die Marchioninistraße endet mit einem stählernen Tor, das aber immer offen steht. Ginge man weiter, so würde man nach wenigen hundert Metern Martinsried erreichen und das dortige Biomedizinische Zentrum, wo privat und öffentlich am weiteren Fortschritt geforscht wird. Zurück aber führt die Hauptstraße des Klinikums Großhadern, seine Aorta, schließlich wieder zum alten Dorfkern, vorbei an Beerdigungs-Institut, Kinderkrippe und Biergarten. Dort sitzen die Gäste in der Sonne, gerade so als wüssten sie nicht, dass es dort drüben um Leben und um Tod geht, jeden Tag.

© SZ vom 28.07.2020/vewo

Gleichberechtigung
:Warum so wenige Straßen in München nach Frauen benannt sind

Der Stadtrat will an diesem Ungleichgewicht etwas ändern, doch damit geht es nur langsam voran. Bei jetzigem Tempo wäre ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis im Jahr 2773 erreicht.

Von Jakob Wetzel

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite