Hoch oben im fünften Stock sind die Schweineställe. Oder wie Eckhard Wolf sie lieber nennt: „Lofts mit Bergblick für Schweine.“ Schließlich würden diese hier unter besseren Bedingungen leben als üblicherweise in der Landwirtschaft, sagt der Tiermediziner der LMU München und blickt auf die mit Metallgittern abgetrennten Bereiche, wo schon in wenigen Wochen die ersten Schweine einziehen sollen.
Trotz der Loft-Atmosphäre dürfte die Begeisterung bei den Tieren über ihr neues Zuhause etwas geringer ausfallen als bei jenen 180 Wissenschaftlerinnen und 80 sonstigen Beschäftigten, die Anfang März hier eingezogen sind – in das sogenannte ICON auf dem LMU-Campus in Großhadern. Das Kürzel steht für „Interfaculty Center for Endocrine and Cardiovascular Disease Network Modelling and Clinical Transfer“. Frei übersetzt handelt es sich also um ein interdisziplinäres Forschungszentrum rund um Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, das neue Therapieansätze in die klinische Anwendung bringen will.

Weitaus prägnanter als der Name des Neubaus formuliert es Dorothee Bär (CSU), die von einer „Megafactory der Forschung, des Wissens und der Exzellenz“ spricht. Die Bundesforschungsministerin ist bei der Eröffnung des ICON ebenso zugegen wie die in Bayern für Wissenschaft und Verkehr zuständigen CSU-Ressortchefs Markus Blume und Christian Bernreiter. Ein solches Großaufgebot an Politikern ließe sich durchaus als Indiz für den Geltungsdrang ihrer Zunft sehen.
Die meisten der heute Anwesenden führen so viel ministeriale Präsenz jedoch eher auf die Bedeutsamkeit des neuen Forschungszentrums zurück. Schließlich soll im ICON an der häufigsten Todesursache überhaupt geforscht werden – in der Welt ebenso wie in Deutschland. Gemeint sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, an denen bundesweit 350 000 und rund um den Erdball circa 18 Millionen Menschen pro Jahr sterben.
In diesem Bereich habe die Medizin zuletzt viele neue Erkenntnisse gewonnen, sagt Steffen Massberg, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I am LMU-Klinikum, der neben Eckhard Wolf vom Lehrstuhl für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie an der LMU einer von zwei Gründungsdirektoren des ICON ist. „Aber nur wenige davon haben den Weg in die klinische Anwendung gefunden.“ Und genau das solle anders werden in dem 63 Millionen Euro teuren Forschungszentrum, das Bund und Land mit je 23 Millionen Euro gefördert haben.
„ICON steht für einen neuen Weg, indem es eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und klinischer Anwendung bildet“, betont Massberg. Nicht nur würden hier viele „Clinician Scientists“ arbeiten – also Medizinerinnen und Mediziner, die sowohl forschen als auch Patienten versorgen. Sondern im ICON kommen laut Eckhard Wolf auch Fachleute verschiedener Disziplinen zusammen – „Medizin und Tiermedizin, Biologie und Gentechnologie, Pharmazie und Chemie“.
Und dann ist da noch etwas Besonderes, auf das Markus Lerch hinweist, der Ärztliche Direktor des LMU-Klinikums. Nämlich: „Das ungewöhnlich und klare Commitment zu Großtierversuchen.“ Gemeint sind damit Experimente mit jenen Schweinen, die während des Untersuchungszeitraums in den „Lofts“ im fünften Stock leben. „Ohne solche Großtierversuche ist die translationale Medizin, also die Übertragung der Erkenntnisse aus der Wissenschaft in die Anwendung, kaum möglich“, betont Lerch. Wolle man beispielsweise – und genau daran wird am ICON geforscht – Herzklappen entwickeln, um sie Menschen einzusetzen, so müssten sie zuvor an Großtieren getestet werden. Gleiches gelte etwa auch bei Versuchen rund um die Transplantation von Schweineherzen.

„Warum Schweine?“, fragt Eckhard Wolf – und liefert eine zweigeteilte Antwort. Zum einen seien die Tiere dem Menschen „anatomisch und physiologisch sehr ähnlich“. Zum anderen könnten die Schweine gezielt gentechnisch so modifiziert werden, dass beispielsweise ihr Krankheitsbild dem des Menschen entspreche. Letzteres soll auf dem LMU-Campus der Tierärztlichen Fakultät in Oberschleißheim geschehen, von wo aus die Tiere dann je nach Bedarf ins ICON gebracht werden. Dort würde dafür gesorgt, „dass es den Schweinen bestmöglich geht“, betont Eckhard Wolf – wohl wissend, dass es durchaus Kritik an den Untersuchungen im neuen Forschungszentrum gibt.
So meldete sich kurz nach dessen Baubeginn im Sommer 2021 der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ zu Wort und beanstandete das „archaische System“ mit Experimenten an genmanipulierten Schweinen. Mit dem ICON entstehe eine weitere Einrichtung, „die auf althergebrachte Forschung am Tier setzt, anstatt sich humanbasierter Spitzenforschung mittels Multi-Organ-Modellen, Computersimulationen oder Bevölkerungsstudien zu widmen, die zu relevanten Ergebnissen für kranke Menschen führt“, kritisierte Silke Strittmatter, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vereins.
Ganz anders bewerten das naturgemäß die Medizinerinnen und Wissenschaftler, die in den Laboren des neuen Forschungszentrums an verschiedenen Projekten rund um kardiovaskuläre Erkrankungen arbeiten – mit einer hochmodernen technischen Ausstattung, wie Markus Lerch betont. „Neuentwicklungen, die am ICON entstehen, finden einen direkten Zugang in die Klinik“, gibt sich der Chef des LMU-Klinikums überzeugt. „Das ist für die Herzmedizin in Deutschland einmalig.“

