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Gesundheit in München:Der Grippeimpfstoff wird knapp

Grippeimpfung

"Die Situation ist momentan ein bisschen angespannt", sagt Peter Sandmann, Inhaber der Nauplia-Apotheke.

(Foto: Stephan Rumpf)

Weil sich in diesem Jahr viel mehr Münchner als sonst impfen wollen, warten viele Praxen und Apotheken auf Nachschub. Doch wann die nächste Lieferung kommt, ist ungewiss.

Von Laura Kaufmann

Von einer kleinen Hausarztpraxis in Sendling hört man die gleiche Geschichte, wie sie gerade viele Praxen in der Stadt erleben: In den letzten beiden Wochen habe man 150 bis 170 Patienten gegen die Grippe geimpft, sagt die Sprechstundenhilfe, so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Jetzt aber gehe der Impfstoff langsam zur Neige, und ob in nächster Zeit Nachschub kommt, stehe in den Sternen. Bei vielen Hausarztpraxen steht auf der Website jetzt gleich neben der Handhabung von Corona-Tests die Info, ob momentan bei ihnen ein Grippeimpfstoff verfügbar ist - oder eben nicht.

Der Ansturm auf die Grippeimpfung ist groß. Vor allem den Risikogruppen wird vom Robert-Koch-Institut noch eindringlicher als sonst empfohlen, sich dieses Jahr impfen zu lassen, um im Fall der Fälle eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Die Impfquoten sind nämlich selbst bei Menschen über 60, Menschen mit Grunderkrankungen und Schwangeren seit Jahren chronisch zu niedrig.

Dieses Jahr wird das wohl anders aussehen. "Die Nachfrage ist sehr viel stärker als sonst üblich", sagt Silja Schwarz, die eine Hausarztpraxis in der Perusastraße betreibt. "Schon Ende September kamen die ersten Anfragen, normalerweise fangen wir Mitte Oktober mit dem Impfen an. Und es kommen viele, die sich sonst nicht impfen lassen würden." Mit dem Ergebnis, dass ihr Vorrat, mindestens 200 Impfdosen, jetzt aufgebraucht ist. Nachschub ist ihr für November zugesagt worden, "und wir hoffen fest, dass das auch stimmt".

Es könne momentan lokal und zeitlich zu Lieferengpässen kommen, erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vergangene Woche. In München ist das der Fall. Insgesamt hat die Bundesregierung 26 Millionen Dosen bestellt, die nach und nach zur Verfügung stehen, so viele wie noch nie. Allgemeinmediziner und Kardiologe Georg-Eike Böhme denkt aber nicht, dass das reicht. Gerade hat er in seiner Praxis "Hausärzte im Lehel" einen Stopp für Grippeimpftermine ausgegeben. "Der Andrang ist aufgrund von Corona sehr viel höher", sagt er. Bestellt hatte er ohnehin mehr als sonst, um die 1000 statt 700 Dosen. "Aber der Impfstoff ist ja nur limitiert verfügbar", sagt er. 2000 Dosen hätte er ohnehin nicht bekommen, sagt der Arzt, und bestellt er zu viel, bleibt er selbst darauf sitzen. Der Grippeimpfstoff wird jedes Jahr neu zusammengestellt und ist somit im Frühjahr schon nutzlos. "Momentan haben wir eine Mangelverwaltung", sagt Böhme. Bei seiner Apotheke hat er Nachschub bestellt und auch eine weitere Charge zugesagt bekommen. Nur wann die kommt, das weiß niemand. "Bis Weihnachten sollten wir schon durch sein mit den Impfungen", sagt er. Sich im Februar noch impfen zu lassen, das müsse dann auch nicht mehr sein. Immerhin: Die Senioren- und Pflegeheime, die seine Praxis betreut, konnten noch rechtzeitig immunisiert werden.

Die Impfstoffknappheit bekommt auch Katharina Schmitz von der Robert-Koch-Apotheke in der Maxvorstadt mit. Praxen aus der ganzen Stadt rufen jetzt bei ihr an und fragen, ob sie noch Impfstoff zur Verfügung hat. "Die Situation ist knapp" sagt sie. Grundsätzlich seien Ärzte vorsichtig beim Bestellen des Grippeimpfstoffes, und dieses Jahr hätten sie ohnehin schon mehr bestellt als in den Jahren zuvor. "Ich denke aber, die meisten würden doppelt so viel benötigen wie sonst."

Viele Praxen würden jetzt alle Impfwilligen, die keine Risikopatienten sind, abweisen, damit der Vorrat für die Älteren, Vorerkrankten und Schwangeren reicht. "Die Situation ist momentan ein bisschen angespannt", sagt auch Peter Sandmann, Sprecher des Bayerischen Apothekerverbands für München. "Realistischerweise glaube ich nicht, dass der Impfstoff ausreicht dieses Jahr." Ein Problem gebe es aber hauptsächlich bei den Einzeldosen, die sich Privatpatienten auf Rezept selbst aus der Apotheke holen, sagt Sandmann, denn damit würden sich die Praxen nicht bevorraten. Er betont aber auch, dass es sich um eine Momentaufnahme von Mitte Oktober handelt. "Die Hauptimpfsaison geht bis Mitte Dezember. Bis dahin kommt sicher noch etwas nach."

© SZ vom 20.10.2020/kafe
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