Süddeutsche Zeitung

München:Übergriffe bei Rathaus-Party

  • Jedes Jahr werden 18-jährige Münchner ins Rathaus eingeladen, um dort zu feiern, wo sonst Politik und Verwaltung arbeiten.
  • Diesmal kam es an dem Abend zu zwei Übergriffen von Flüchtlingen an jungen Frauen.
  • Die Stadt will Vorsorge dafür treffen, dass sich dies nicht wiederholt.

Von Heiner Effern und Susi Wimmer

Der Abend hatte sich eigentlich gut angelassen. Coole DJs, Live-Bands, verschiedene Dance-Floors, erzählt Constanze (Name von der Redaktion geändert). Sie und ihre beiden Freundinnen hatten das Gefühl, auf der richtigen Party zu sein. Obwohl sie im Rathaus stattfand, in das ein älterer Herr namens Dieter Reiter alle 18 Jahre alten Münchner eingeladen hatte.

Doch in den oberen Etagen in einem vollen Disco-Raum ging es dann los. Immer wieder wurden die drei Mädchen von jungen Männern aggressiv angetanzt, kein Wegdrehen half, kein klares "Nein". Sie sahen sich um, nicht nur ihnen erging es offenbar so. Die drei gaben auf, gingen weiter nach unten und wollten an einem zum Kinosaal umfunktionierten Raum vorbei.

Fünf junge Männer standen davor, quatschten sie an, sie sollten mit ihnen in den leeren Saal kommen. Das klare Nein brachte wieder nichts, plötzlich packte einer Constanze, ein zweiter eine Freundin am Arm, um sie mit Gewalt in den Raum zerren. Drei Security-Mitarbeiter gingen sofort dazwischen, warfen die jungen Männer raus.

Situation gelöst, Stimmung im Keller, aber nichts Gravierendes passiert, es hätte schlimmer kommen können. Das weiß auch Constanze. Einem anderen Gast erging es tatsächlich schlimmer. Ein 18 Jahre altes Mädchen wurde von einem gleichaltrigen Schüler aus Syrien attackiert. Er begrapschte sie brutal und versuchte gewaltsam, ihr einen Zungenkuss zu geben. Die junge Frau wehrte sich vehement. Die Polizei nahm den 18-Jährigen vorläufig fest. Er wurde wegen sexueller Nötigung angezeigt und später wieder entlassen.

Es sind zwei Vorfälle, wie sie auch in vielen Clubs geschehen können. Doch auch für Constanze, die früh genug Hilfe erhielt, ist etwas Gravierendes passiert. Denn sie verließ am 29. Oktober nicht irgendeine Disco - sondern das Münchner Rathaus. Die Bands und DJs heizten 1360 Besuchern in den Sälen und Büros ein, in denen sich die Politiker und Mitarbeiter um ihre Mitbürger kümmern. Damit sie gut leben, friedlich leben, sicher leben.

Constanze fand die Idee, alle gerade 18-Jährigen genau in dieses Rathaus einzuladen, gut und toll umgesetzt, gerade auch, weil Oberbürgermeister Reiter (SPD) offensichtlich auch viele Flüchtlinge eingeladen hatte. Sie hat auf ihrem Facebook-Profil einen Like beim Toleranzbündnis "München ist bunt" gesetzt. Die 18 Jahre alte Studentin hat der Abend dann umso mehr frustriert, weil all die von ihr wahrgenommene aggressive Anmache von jungen Männern ausging, die sie der Gruppe der Flüchtlinge zuordnet. Sie hat lange überlegt, ob sie das öffentlich macht, weil sie nicht Vorurteile schüren will. Aber sie will es auch nicht aus falsch verstandener politischer Korrektheit als normal hinnehmen, dass sie im Rathaus blöd angemacht wird. Auf den Dance-Floors "ging es schon unnormal heftig zu", sagt sie.

Auch der Gastgeber, Oberbürgermeister Dieter Reiter, will das nicht einfach so hinnehmen. "Für ein derartiges Verhalten gibt es bei mir überhaupt keine Toleranz. Die Sicherheitskräfte haben erfreulicherweise schnell und gut reagiert, aber wir werden künftig alles tun, um derartige Übergriffe möglichst schon im Vorfeld zu verhindern." Die Stadt werde bei den Partys künftig noch stärker darauf achten, "dass zusätzlich speziell ausgebildete weibliche Ansprechpersonen eingesetzt werden, die kritische Situationen im Idealfall schon im Entstehen erkennen", sagt Reiter.

Für falsch verstandene Rücksichtnahmen stehe er nicht. "Dass offenbar junge Männer mit Migrationshintergrund beteiligt waren, darf nicht wegdiskutiert werden, sondern muss auch benannt werden. Nicht umsonst steht Integration ganz oben auf unserer Agenda. Dabei geht es um gegenseitigen Respekt und das Einhalten von Regeln."

Über die zwei Vorfälle hinaus seien keine Überschreitungen bekannt, heißt es von der Pressestelle der Stadt. Insgesamt seien etwa zehn junge Männer des Hauses verwiesen worden. "Bis auf die wenigen Vorfälle mit alkoholisierten 18-Jährigen oder Älteren, die es überall gibt, war es ein ruhiger und normaler Abend", sagt auch Monika Primas, Chefin des Security-Unternehmens, das die Stadt für die Party engagiert hatte.

Was Clubbetreiber zur Situation in München sagen

Sie kennt, schätzt und begleitet die Veranstaltung seit Jahren. Die diesjährige sei von weniger Einsätzen gekennzeichnet gewesen als die vergangenen. "Im Verhältnis zum Vorjahr hatten wir sogar deutlich weniger Probleme mit überdimensioniertem Alkoholkonsum, offenbar wurde weniger vorgeglüht." Eine Zunahme von Vorfällen, in denen Mädchen bedrängt würden, kann sie nicht erkennen. "Prinzipiell ist diese Veranstaltung von Publikumsseite her ruhig und entspannt - ein Trend lässt sich daher in Bezug auf Übergriffe aller Art keinesfalls erkennen."

Alles Alltag also? Fragt man Münchner Clubbetreiber zur Anmache von Mädchen, kommen sie als erstes auf die Trinkerei. "Der Alkoholkonsum beim Ausgehen hat sich auf einem hohen Level eingependelt", sagt Jakob Faltenbacher von der Milchbar. Er beobachtet im Münchner Nachtleben ein gesteigertes Aggressionspotenzial, "aber das kann man keiner Nationalität zuordnen".

Milchbar-Türsteher Christian Zadro erzählt, dass der Club im Außenbereich und auf der Raucherterrasse ohnehin von Security kontrolliert werde, "und die Innenräume sind videoüberwacht". Betrunkene oder aggressive Männer versuche man schon an der Eingangstüre auszusortieren, sagt David Süß, Inhaber des Clubs Harry Klein. "Die Bar soll ein sicherer Ort zum Flirten sein", sagt er. Übergriffe könne man nie völlig vermeiden. "Aber wenn sich eine Frau gestört fühlt, dann geht der Mann. Und zwar ohne Anhörung."

Im Neuraum und in der Nachtgalerie, den etwas preisgünstigeren Clubs, schauen auch des öfteren junge Flüchtlinge vorbei. "Aber Probleme gab es noch nie", versichert Betreiber Dierk Beyer. Er findet, wenn viele Menschen auf kleinem Raum zusammenkämen, seien Konflikte manchmal nicht zu vermeiden. "Wir haben Abende, da kommt die Polizei dreimal vorbei, und dann wieder Abende, da passiert gar nichts." Insofern schätzt er die beiden bekannten Vorfälle bei der Rathaus-Party als nicht ungewöhnlich ein.

Für Constanze wird das kein Trost sein. Sie ging gegen Mitternacht nach Hause, obwohl die Party eigentlich eine "Supersache" hätte sein können.

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Quelle:
SZ vom 01.12.2016/mmo
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