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Comic:Die Schattenseiten der Schickeria

Uli Oesterle widmet sich den in vielerlei Hinsicht wilden Siebzigerjahren.

(Foto: Uli Oesterle/Carlsen Verlag)

Der Comicautor Uli Oesterle zeichnet im ersten Band seiner autobiografisch inspirierten Graphic Novel "Vatermilch" ein ungewöhnliches Bild vom München der Siebzigerjahre

Noch vor drei Monaten war ich in den Betten der göttlichsten Frauenzimmer zu Hause. Jetzt habe ich nicht mal mehr ein eigenes." Mit diesen Worten fasst Rufus Himmelstoss im eisigen Winter 1975 die Situation zusammen, in die er als ehemaliger Markisenhändler geraten ist. "Champagnerdusche mit Fotomodellen, Belugahäppchen und russische Eier": Das waren seine liebgewonnenen Gewohnheiten, als er noch mit Jackett, Schlaghosen und Sonnenbrille in einem Jaguar E-Type als Dienstwagen durch Olching, Puchheim oder Gräfelfing fuhr, um dort Gelenkarmmarkisen, Stores und Jalousien an den Mann zu bringen. Oder eher: an die von Langeweile zermürbte Hausfrau. Und nun? Lebt der Ex-Markisen-Casanova in München auf der Straße und ist auf Almosen angewiesen, nachdem er seinen Job verloren und seine Frau ihn rausgeschmissen hat. Und nachdem er betrunken einen tödlichen Unfall verursacht hat, bei dem eine Mutter und ihre zwei Kinder umkamen.

Rufus Himmelstoss ist also auf Fahrerflucht. Etwas, das Peter Oesterle nicht war. Zumindest soweit man, soweit Uli Oesterle das weiß. Aber: Der Vater des mit Werken wie "Schläfenlappenphantasien" und "Hector Umbra" bekannt gewordenen Münchner Comiczeichners war ebenfalls Markisenhändler. Und es gibt ein Foto vom Ende der Siebzigerjahre, so erzählt Uli Oesterle am Vatertag, auf dem sein Vater einen Dreiteiler, enges Jackett, Schlaghose und "sogar die gelb getönte Sonnenbrille" trägt. Die "Günther-Netzer-Frisur" und "kapitalen Koteletten" sind dagegen "freie Erfindung", und das mit dem Jaguar ist "natürlich eine komplette Übertreibung". Das heißt: "ein Stilmittel, um Rufus Himmelstoss noch arroganter erscheinen zu lassen, ein Symbol für seine Großmannssucht". Aber sonst gibt es zwischen der Hauptfigur in "Vatermilch" und Peter Oesterle so einige Gemeinsamkeiten.

Absturz eines Markisenhändlers.

(Foto: Uli Oesterle/Carlsen Verlag/Frank Bauer)

"Vatermilch", so heißt die neue, vierteilige Graphic Novel von Uli Oesterle, von der an diesem Dienstag, 26. Mai, bei Carlsen das "Buch 1: Die Irrfahrt des Rufus Himmelstoss" erscheint. Es ist eine Annäherung an den unbekannten Vater mit den Mitteln der Fiktion. An einen Geist, der 1975 für 35 Jahre fast komplett aus Uli Oesterles Leben verschwand, bis er dann 2010 durch einen Brief aus Karlsruhe von dessen Tod erfuhr. In Karlsruhe hat Peter Oesterle lange Zeit gelebt. Dort wurde auch Uli Oesterle 1966 geboren, bevor seine Mutter in den Siebzigern mit ihm ins "hässliche Germering" am westlichen Rand von München zog, wo er als "Schlüsselkind" aufwuchs. Woran er sich noch erinnert, das sind gemeinsame Wochenenden im Kino. Danach, nachdem der Vater als Alkoholiker auf der Straße gelandet war, hat der Münchner ihn nur noch einmal 1989 lebend gesehen. Bei der Beerdigung der Großmutter.

Was zwischen 1975 und 2010 geschah, das ist, weil Peter Oesterle keine sozialen Kontakte hatte, allenfalls in Bruchstücken bekannt. So gab es immer wieder Gerüchte, dass man ihn irgendwo in Karlsruhe gesehen hatte. Und dass er am Korsakow-Syndrom, einer schweren, die Merkfähigkeit beeinträchtigenden Gemütsstörung gelitten hat - das hat Uli Oesterle erst nach dem Tod erfahren. Auch Rufus Himmelstoss leidet darunter, genauso wie unter seiner Obdachlosigkeit, seinen Gewissensqualen, der Trennung von Frau und Sohn. Dass er dieses Martyrium in München durchmacht, in der "Hochphase der Schwabinger Schickeria", ist eine künstlerische Zutat. Um Distanz "zur eigenen Existenz" zu schaffen. Aber auch weil der Schwabinger Kunstpreis-Träger von 2018 der Meinung ist, "man sollte den Ort kennen, den man beschreibt und zeichnet".

In seiner Graphic Novel nähert sich der Münchner Comiczeichner Uli Oesterle dem unbekannten eigenen Vater an.

(Foto: Carlsen Verlag/Frank Bauer)

Für die Darstellung bestimmter Orte musste er dann aber doch im Internet oder Stadtarchiv recherchieren. Wie etwa das längst verschwundene Einkaufs- und Freizeitzentrum Schwabylon und die legendäre Disco Yellow Submarine, vor der Rufus Himmelstoss den Weg des Celebrity-Paares Freddy Mercury und Barbara Valentin kreuzt. Oder die Paul-Heyse-Unterführung, die 1975 noch ganz anders aussah. Was das Thema Obdachlosigkeit betrifft: Dafür hat Oesterle 2016 an einem öffentlich ausgeschriebenen Kunstprojekt teilgenommen, von dem er zufällig erfahren hatte, und drei Tage ohne Handy, Geldbeutel und Hausschlüssel auf der Straße gelebt. "Diese drei nasskalten Tage Anfang Oktober 2016 werde ich nie vergessen. Sie bescherten mir einen tiefen Einblick in das, was es bedeutet, am Rande der Gesellschaft zu leben."

Aber "Vatermilch" ist nicht nur eine Erzählung über Rufus Himmelstoss, sondern allgemein über schwierige Vater-Sohn-Beziehungen. Und so gibt es in der Graphic Novel auch einen Victor Himmelstoss, der in einer Parallelhandlung 2005 mit dem Tod des Vaters konfrontiert wird. Wie Uli Oesterle ist dieser Zeichner von Beruf. Wie dieser hat er eine Frau und einen Sohn. Und weil er kein Vorbild hatte, fühlt er sich zur Vaterschaft nicht wirklich befähigt. Ach, und dann gibt es da noch den kleinen Ulrich, eine fiktive Figur, mit der Victor im Atelier hitzige Kunstdebatten führt. Und die, ein charmantes Vexierspiel, Uli Oesterle sehr ähnlich sieht.

"Ich wollte etwas Echtes schreiben, etwas, das mich angeht und das trotz der teils frei erfundenen Elemente glaubwürdig bleibt", erzählt Oesterle im Nachwort. Und man kann sagen: Mit Buch 1, das neben seiner bunt-schillernden, vielschichtigen Erzählung durch seinen eleganten, lockeren Zeichenstil besticht, ist ihm das höchst eindringlich gelungen. Buch 2, in dem Rufus neue Freunde und seine "erste wahre Liebe" findet, sollte eigentlich genau in einem Jahr erscheinen. Aber so wie sich durch Corona vieles andere verschoben hat, wird es wohl nun eher im Herbst oder Winter 2021 herauskommen.

© SZ vom 25.05.2020

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