Ärger im Kreativquartier:Der Zusammenhalt ist bröckelig

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Die Mauer des Kreativquartiers Schwere-Reiter-Straße

150 Meter Graffiti-Spraykunst, gestaltet von Jugendlichen und dem Künstlerkollektiv "Graphism" an der Mauer des Kreativquartiers, Schwere-Reiter-Straße.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Begriffe wie "Gemeinschaft" sind auf der 150 Meter langen Mauer zu lesen. Doch die Kunstschaffenden im Kreativquartier fühlen sich bei der deren Gestaltung übergangen - nicht zum ersten Mal.

Von Ellen Draxel

Die Worte, die seit rund zwei Wochen in großen Lettern an der Außenmauer des Kreativquartiers an der Schwere-Reiter-Straße zu lesen sind, klingen harmonisch. Begriffe wie "Gemeinschaft", "Offenheit", "Zusammenhalt", "Vielfalt" und "Toleranz" stehen da - scheinbar ein Sinnbild dessen, was sich dahinter abspielt. Das Kreativquartier, und dort an vorderster Front das Kreativlabor als Ort der Kunst und der künstlerischen Freiheit, firmiert als Miteinander-Vorzeigeviertel der Stadt.

An der Umsetzung dieses Ziels allerdings hapert es ab und an. Nicht im Zusammenspiel der Künstler und Kunstschaffenden untereinander. Aber zwischen den Nutzern und den Verantwortlichen für das Gelände - dem Kulturreferat, dem Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt und der Münchner Gewerbehof- und Technologiezentrumsgesellschaft (MGH) - poppen immer wieder Meinungsverschiedenheiten auf.

Jüngstes Beispiel: die Gestaltung dieser Mauer. "Die Vergabe der Wandgestaltung ist für uns komplett unverständlich ohne jede Einbindung des Akteursfeldes erfolgt", kritisiert Ulrich Gläß vom Verein Labor. Außer einer ersten, dürren und informellen Anfrage vom Juli seien die Nutzer und Nutzerinnen des Kreativlabors "in keiner Weise und zu keiner Zeit informiert oder in den weiteren Vergabeprozess eingebunden worden". "Enttäuschend" findet Gläß das. Das Vorgehen passe aber zu den "vielen kleinen Nichtabsprachen und Unzulänglichkeiten" in der Vergangenheit. Dass es seit einigen Monaten, basierend auf einem Stadtratsbeschluss, einen Vertrag zwischen dem Verein, dem Kulturreferat und der MHG gibt, der die Nutzung der Wand- und Freiflächen im Kreativquartier "ohne Ausnahmen" regelt, die Rücksprache also allein deswegen "notwendig gewesen wäre", ärgert Gläß besonders.

Mauerkunst im Kreativquartier: Auch Bezirksausschuss nicht informiert

Den Nutzern geht es bei ihrem Unmut auch um die Außenwirkung der Mauer in den öffentlichen Raum. Gerade solch eine Fläche müsse doch "so gestaltet werden, dass sie die Identität des Quartiers als vielfältigen Ort für Kunst, Kultur, Bildung und Soziales" abbilde. Im Sinne der Schaffung einer Corporate Identity. Der Bezirksausschuss unterstützt die Kritik. Denn auch Neuhausens Lokalpolitiker sind trotz eines permanenten Engagements für das Kreativquartier nicht informiert worden, entsprechend "irritiert" reagieren sie. Bei einer "derart gesellschaftspolitischen Aussage" und der farblichen Gestaltung von 150 Metern in ihrem Stadtbezirk hätten sie zumindest erwartet, im Vorfeld in Kenntnis gesetzt zu werden und ihre Meinung kundtun zu können. Doch das ist nicht passiert. Für den Vorsitzenden des Unterausschusses Kultur, Willi Wermelt (SPD), ist das Verhalten des Kompetenzteams und der MGH daher ein "Affront".

Ärger im Kreativquartier: Das Motto der Mauer-Botschaften lautet "Schön, dass es dich gibt!"

Das Motto der Mauer-Botschaften lautet "Schön, dass es dich gibt!"

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Und die Initiatoren? Die Emotionalität, mit der auf dieses Projekt reagiert werde, habe sie "überrascht", meint Susanne Mitterer vom Kompetenzteam. Einerseits könne sie die Aufregung verstehen. Andererseits habe dem Labor e.V. die offene Anfrage der Organisation "Dein München" vorgelegen, es sei aber keine Rückmeldung gekommen. Auf Anregung der gemeinnützigen Organisation wurde die Mauer von 30 Jugendlichen und dem Künstlerkollektiv "Graphism" besprüht. Die Wandgestaltung, erklärt Mitterer, sei also ein temporäres, soziokulturelles Projekt, kein auf Dauer angelegtes Design. "Das Ganze ist als Workshop konzipiert, dies war der erste Teil und im Frühjahr folgt dann der zweite mit einer erneuten Umgestaltung der Mauer." Danach sei die Sache aber "vorbei".

Die Bitte, kreativ sozio-kulturelle Angebote umsetzen zu können, war sowohl von Gläß als auch von den Stadtteilvertretern wiederholt geäußert worden. Mitterer betont zudem, dass die Außenmauer in dem dreiseitigen Vertrag zur Nutzung der Flächen "nicht enthalten" sei. Das Argument der Außenwirkung könne sie zwar nachvollziehen, sagt die stellvertretende Teamleiterin. "Aber wir haben sauber reagiert in dieser Hinsicht." Das Kulturreferat sei mit eingebunden worden, "und da hieß es, das passt". Das einzige "kommunikative Versäumnis" sei gewesen, die Nutzer vor Beginn des Projekts nicht informiert zu haben.

Bleibt abzuwarten, ob solche Konflikte künftig der Vergangenheit angehören. Vor wenigen Wochen hat die regierende Rathauskoalition einen Antrag eingebracht mit dem Ziel, die Selbstverwaltung im Kreativlabor zu ermöglichen und zu stärken. Im Rahmen eines dreitätigen Workshops sollen die Akteure vor Ort klären, wie eine gleichberechtigte Form der Mitbestimmung aussehen und eine Zusammenarbeit mit der Verwaltung und der MGH "zielführend gelingen" kann. Sie begrüße, sagt Susanne Mitterer, den Antrag sehr.

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