Reizüberflutung sind wir mittlerweile gewohnt. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt kontinuierlich, während die Anzahl an parallel genutzten Bildschirmen wächst: Zwischen Chatnachrichten, die auf Beantwortung warten, Eilmeldungen, die gelesen und verarbeitet werden müssen, minütlich eintreffenden Push-Notifications und Videos, die man viel zu mühelos konsumieren und direkt wieder vergessen kann, fällt es oft schwer, sich auf nur eine Sache zu konzentrieren.
Eine, die es schafft, die Aufmerksamkeit bei sich zu behalten, ist Grace Dahl. Und das obwohl (oder weil?) ihre hypertanzbaren Sets selbst an Reizüberflutung grenzen: Mit ihrer Art zu mixen, zieht die DJ und Produzentin aus Amsterdam jede Crowd in ihren Bann. Das Tempo ist rasant, die Beatwechsel sind überraschend, die Transitions präzise – zum Beispiel, wenn futuristische Sounds vor sich hin wabern, während im Hintergrund ein dumpfer Bass wummert, der schließlich von akustischer Zurückhaltung abgelöst und durch den perfekt getimten Drop aufgelöst wird.
Und Grace Dahl? Die wirkt dabei ganz unaufgeregt, scheint mühelos auf eine Kombination aus Intuition und Handwerk zurückzugreifen. Letzteres baute sich die DJ mit finnischen und ungarischen Wurzeln vor etwa zehn Jahren auf, als sie mit 18 entschied, Musik zu ihrem Beruf zu machen. Sie belegte dafür einen Mixing- und Produktionskurs an der „DJ School Amsterdam“, und konnte sich, besonders was Timing und Beatmatching angeht, ein fast mathematisches Skillset für die Arbeit hinter dem Mischpult anlegen.
Weniger lehr- und erlernbar ist wahrscheinlich die kreative Herangehensweise, die Dahl verinnerlicht hat. Wobei ihre Voraussetzungen dafür sicher von Vorteil waren: Ihre Eltern haben in den Neunzigerjahren Elektro-Events in Budapest organisiert und ihr die Technoszene früh nahegebracht. Heute sagt die DJ, dass es nicht unbedingt die Liebe zu elektronischer Musik war, die ihre Eltern ihr mitgegeben haben, sondern vielmehr die Chance, sich frei zu entfalten. Zu experimentieren und sich kreativ auszuleben – egal, welches Genre das auch sein mag.
Diesen Freigeist spürt man auch bei Dahls Produktionen: Die kommen mit einem ähnlich stramm-getakteten Groove und unerwarteten Soundelementen daher wie ihre DJ-Sets, von denen eines am Freitag im Blitz stattfindet. Und ein bisschen Reizüberflutung ist an einem Freitagabend im Club doch genau das Richtige.
Grace Dahl, Freitag, 14. Juni, 23 Uhr, Blitz Club, Museumsinsel 1

