Was bleibt von der Menschheit, wenn es die Menschen einmal nicht mehr gibt? Was geschieht, wenn Verschwörungsdenken einfache Erklärungen für komplizierte Zusammenhänge liefert? Und warum finden wir in einer Welt, die niemals schläft, eigentlich nicht zur Ruhe?
Diese Fragen begegnen den Besucherinnen und Besuchern im Goethe-Institut München. Sie hängen an den Wänden, gemalt und gezeichnet. Illustrationen, die der Augsburger Maro-Verlag zu seinen Buchtexten in Auftrag gegeben hat. Gezeigt werden sie an einem Ort, der sonst vor allem für Sprachkurse bekannt ist: Rund 250 Menschen aus 60 Nationen lernen hier wöchentlich Deutsch.

Zur Ausstellung kam es eher zufällig. Kuratorin Gudrun Bouchard wollte ursprünglich nur die Illustratorin Ulrike Steinke zeigen, ihre erklärte Favoritin. Doch die schlug vor, gleich eine ganze Illustrationen-Ausstellung zu machen, und brachte Verlegerin Sarah Käsmayr von Maro ins Spiel. Daraus entstand eine umfangreiche Ausstellung mit zahlreichen Bildern, die dicht gehängt auf zwei Etagen des Hauses zu sehen sind.
Für das Goethe-Institut, dessen Publikum mitunter, wie Bouchard bei der Eröffnung schmunzelnd erzählt, vor allem „Wohlfühlbilder“ schätzt, war das eine ungewohnte Wahl. Erwartet werden hier eher Landschaften und Porträts, nicht Illustrationen zu Verschwörungstheorien oder Zukunftsvisionen.

Doch schon beim Betreten der Ausstellung wird klar, warum sich das Wagnis lohnt: Kräftige Farben ziehen sich durch den gesamten Rundgang, Lila und Gelb, Rot und Türkis. Diese Konsequenz verleiht dem gesamten Rundgang eine Stimmigkeit, die man bei so vielen unterschiedlichen Techniken und Handschriften kaum erwarten würde.
Möglich macht das ein besonderes Druckverfahren des Verlags. „Wir arbeiten nie mit dem gewöhnlichen Vierfarbdruck, sondern immer mit zwei eigens ausgewählten Sonderfarben“, erklärt Käsmayr. So gewinnen die Illustrationen eine Intensität, die im normalen Druck nicht möglich wäre.
Für zwei Buchprojekte des Maro-Verlags haben Studierende zweier Kunsthochschulen, aus Düsseldorf und Leipzig, zu zwei chinesischen Science-Fiction-Erzählungen gearbeitet. Hinzu kommen Arbeiten freier Illustratorinnen und Illustratoren zu literarischen Essays aus den sogenannten Maro-Heften. Insgesamt sind es 13 Künstlerinnen und Künstler, die hier ausstellen. Sie alle eint dieselbe Herangehensweise: Keiner von ihnen erzählt die Texte einfach nach. Ihre Illustrationen geben der Geschichte etwas ganz Eigenes hinzu.
Wie unterschiedlich das ausfallen kann, zeigt sich schnell. Man muss zum Beispiel nah herantreten, um zu sehen, was Ulrike Steinke aus schwarzem Papier geschnitten hat: Vögel bei Nacht, in einer geheimnisvollen Dunkelheit, die sich erst erschließt, wenn man länger hinschaut. Wenige Meter weiter wird es unbehaglicher. Katharina Kulenkampff hat zu einem Essay über Verschwörungsdenken gezeichnet, in Rot und Blau, ein dichtes Gewimmel aus Figuren, hinter denen sich jeweils eine eigene kleine Geschichte zu verbergen scheint. Es sind aber keine Menschen, die da agieren, sondern Tiere. Würden Menschen gezeichnet, so Käsmayr, tappe man beim Thema Verschwörung viel zu schnell selbst in die Falle.
Genau solche Bilder sind es, die im Goethe-Institut für Gesprächsstoff sorgen. Institutsleiterin Imke Mohr erzählt, viele der Deutschlernenden blieben davor stehen, würden neugierig und fingen an, Fragen zu stellen. Und plötzlich redeten sie nicht mehr über Grammatik, sondern suchten nach den Worten für das Erbe der Menschheit.
Das Erbe der Menschheit, Goethe-Institut München, Rablstraße 24, noch bis 18. September, Öffnungszeiten: Montag, Dienstag und Donnerstag, 8 bis 18.30 Uhr, Mittwoch und Freitag, 8 bis 17.30 Uhr, Eintritt frei


