Ganze vier Gletscher hat Bayern noch: Schneeferner, Höllentalferner, Blaueis und Watzmanngletscher. Nie gehört? Kein Wunder. Mittlerweile sind sie auch kaum noch der Rede wert. Ein Jammer und eine große Herausforderung. Denn wie richtig erinnern an die Eiszeitriesen und ihre Geschichte, die es schon fast nicht mehr gibt?
Für Alexis Dworsky gehört zum Teil der Antwort wohl auch die Gletscherprise, die zur Eröffnung von „beyond coolness“ am 4. Februar serviert wurde. Im Maximiliansforum stellten er und seine künstlerischen Forscherkollegen sich der Frage aber auch ernsthafter. Dafür haben sie in der Fußgängerunterführung Maximilianstraße/Kreuzung Altstadtring Berge von Gletschervlies aufgetürmt für ihre künstlerische Forschungsarbeit.
Der Freisinger Dworsky ist Professor für mediales Gestalten an der Kunstuniversität Linz in Österreich und nach eigenen Aussagen erst über das Kunstprojekt zum Alpinisten geworden. Vor Ort am Berg seien ihm die riesigen Planen aus Gletschervlies ins Auge gestochen, mit denen die letzten Eisgiganten vor dem endgültigen Abschmelzen bewahrt werden sollen.
Laut Dworsky aber vor allem für den Gletschertourismus, nicht für die Natur. Denn für die ist der dicht gewebte Synthetik-Stoff eine Belastung. Damit war dann auch das perfekte Material für die Ausstellung gefunden, ein Stoff an der Grenze zwischen Erhalt und Zerstörung, Vergehen und Unvergänglichkeit.

Bayerns Gletscher schmelzen immer schneller:„Wir können die Gletscher nicht retten“
Für das scheinbar ewige Eis auf Bayerns Bergen ist nach Ansicht des Glaziologen Wilfried Haeberli längst alles zu spät - zwei Gletscher werden wohl schon recht bald verschwinden. Doch ihr Verschwinden kann den Menschen noch einen letzten Dienst erweisen.
Aus ihm bauten Dworsky und seine drei Mitstreiter Tina Frank, Simon Hochleitner und Nadja Reifer eine zerklüftete Gletscherlandschaft im Münchner Untergrund. In einer so gebildeten Grotte und auf dem weißen Vlies rundherum sind Projektionen zu sehen, die verschiedene Stadien der Gletscherschmelze zeigen oder den Ist-Zustand mit digitalen 3D-Modellierungen dokumentieren. Dazu sorgt die Straßenbahn direkt darüber alle paar Minuten für ein Donnern als ächzte der Gletscher selbst unter der Zeit.
Für sich steht dagegen die Installation von Rehema Chachage aus Tansania. Die bildende Künstlerin und Forscherin beschäftigt sich in „We Paused the Clouds“ intensiv mit dem Kilimandscharo, dem kolonialen Erbe der Region und dessen Folgen für Natur und Mensch vor Ort. Durch die Abholzung am Fuß des Berges für besseren touristischen Zugang gibt es dort weniger Niederschlag. Dadurch versiegt aber die Quelle des Furtwängler-Gletschers, der die Touristen anlockt.
So changiert die Ausstellung stets zwischen Klage und Dokumentation, zwischen dem Einfrieren im Jetzt und dem Loslassen, wo die Gletscher doch ohnehin schon verloren sind. „Beyond Coolness“ verwaltet nur den Nachlass. So etwa die Tonnen von Gletschervlies. In einem Workshop in der Färberei in der Claude-Lorrain-Straße am 21. Februar soll es gemeinsam zu neuen Objekten recycelt werden können.
Im Rahmen der Ausstellung findet am 22. Februar außerdem ein „Alpiner Exkurs“ zum Alpinen Museum auf der Praterinsel statt. Am 11. März können Besucherinnen und Besucher der Ausstellung zudem dem „Alpinen Diskurs“ renommierter Gletscherforscherinnen beiwohnen. Zur Finissage am 8. April zeigt das Maximiliansforum „Alpi“, einen dokumentarischen Essay von Armin Linke über die aktuelle Wahrnehmung des Alpenraums.
Beyond Coolness, von 5. Februar bis 12. April, Maximiliansforum, Fußgängerunterführung Maximilianstraße/Altstadtring, rund um die Uhr, Infos unter www.maximiliansforum.de

