Ob sie mal kurz den Kugelschreiber ausborgen dürfe, fragt die 77-Jährige. Sie wolle sich die Nummer ihrer Sitznachbarin notieren. „Für mich ist das heute ein Glückstag“, das hatte die Frau mit dem pinkfarbenen Barett schon zu Beginn gesagt. Da hatte sie gerade erfahren, das es nicht nur Maronisuppe, sondern auch Ochsenbackerl geben wird. Beides kann sie sich sonst eher nicht leisten. Und nun hat die Obergiesingerin sogar eine neue Bekanntschaft gemacht. Ihr dritter Advent, der hätte besser kaum laufen können. Das sieht die 77-Jährige so, das sehen aber auch die anderen 23 Seniorinnen und Senioren so, die an diesem Nachmittag im Nachbarschaftstreff „Giesinger Herz“ an festlich gedeckten Tischen sitzen.
Zu verdanken ist das unter anderem Adi Šadija und Johannes Deck: Der eine arbeitet beim TSV 1860, der andere ist einer der Geschäftsführer des Restaurants Madam Anna Ekke und zusammen haben sie vor ziemlich genau einem Jahr ihren Supperclub „Secret Service“ gestartet. Nach einem Dutzend Abenden, an denen sie eher jüngere Menschen an zwei langen Tafeln zusammengebracht und für sie gekocht haben, war im Mai schon wieder Schluss. Man soll ja bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten ist.
Vor ein paar Wochen dann aber kam ihnen eine neue Idee: Warum nicht Menschen einladen, die sonst nur selten eingeladen werden? Ein Adventsessen für alleinstehende Rentnerinnen und Rentner sollte es werden und schwups, aus „Secret Service“ wurde „Community Service“. Auch die Location war schnell gefunden: Der neue Giesinger Nachbarschaftstreff der Stiftung Münchner Herz, die Margot und Günter Steinberg vor 15 Jahren gegründet haben. Deren Tochter Silja Steinberg war sofort begeistert, wie sie am Telefon erzählt: Einsamkeit, die sei besonders in der Weihnachtszeit schrecklich. Und als Wirtin vom Hofbräukeller ist es für sie ein Leichtes, die Zutaten fürs Drei-Gänge-Menü zu spendieren.
Das Prinzip, am Anfang ein paar Teller auf den Tisch zu stellen, für alle zum Teilen, das hatte sich bei den Supperclubs im Glockenbachviertel bewährt, schnell kamen die Menschen ins Gespräch. In Giesing funktioniert das an diesem Tag nicht immer: Statt sich nur ein paar Garnelen zu nehmen, schnappt sich eine ältere Frau gleich den ganzen Teller. Aber immerhin, es scheint ihr zu schmecken. Und auch wenn sie anfangs noch etwas überfordert zu sein scheint und vom Konzept sharing plates offensichtlich noch nie gehört hat, wirkt sie nach vier Stunden doch ganz zufrieden. Einfach mal rauskommen, darum geht es.



Ihr Platznachbar, ein Mann, dem Bülent Askar schon vor der Beschlagnahmung durch die ältere Dame Garnelen und etwas schwarzes Aioli auf den Teller getan hatte, ist gar den Tränen nahe; mit stockender Stimme bedankt er sich auf Türkisch. Askar, der die Gesamtleitung mehrerer Stiftungseinrichtungen innehat, ist nicht überrascht: „In Deutschland alt zu werden, ist schlimm“ – wegen der Armut, wegen der Einsamkeit – und in den meisten Fällen wegen beidem.
Das beobachtet auch Katharina Lang, die Leiterin vom Giesinger Herz. Das ganz große Problem mit der Einsamkeit sei aber: Sie ist unsichtbar. Menschen, die allein daheim sitzen, die sieht niemand, vermisst niemand. Für die Organisatoren des Adventsessens mögen es deshalb nur ein paar Stunden Arbeit sein, für ein paar der Seniorinnen und Senioren hier bedeuten diese Stunden die Welt – und das liegt gar nicht mal so sehr daran, dass das Backerl herrlich zart ist. Udo Heilemann, der sich zur Feier des Tages eine blaue Nikolausmütze aufgesetzt hat, sagt: „Mir persönlich geht’s gar nicht so sehr ums Essen.“
Der 85-Jährige hat schon mal zwei Jahre auf der Straße gelebt, nach seiner Scheidung war das. Heute hilft ihm, wie im Übrigen auch einigen anderen im Raum, gegen die Einsamkeit hauptsächlich eigenes soziales Engagement. Und trotzdem: Wo er Weihnachten feiern wird, weiß er bislang nicht mit Sicherheit. Vermutlich aber am Mariahilfplatz. Dort organisiert Günes Seyfarth mit der Pfarrei wieder ein Weihnachtsessen für Menschen, die sonst allein wären.
Bei diesem einen Adventsessen wollen es die Organisatoren nicht belassen
Das Kreisverwaltungsreferat hat vor ein paar Tagen ebenfalls 250 wohnungslose Menschen zum Weihnachtsessen eingeladen, die Feier im Hofbräuhaus an Heiligabend hat ohnehin längst Tradition und auch die Gemeinschaft Sant’Egidio lädt am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag wieder „einsame, mittellose und alte Menschen, Obdachlose und Flüchtlinge“ zum Essen ein; einmal im Hasenbergl, einmal in Neuhausen. Allerdings richten sich viele der genannten Angebote eben vorwiegend an arme Menschen.
Unterhält man sich mit einem Mann im gestreiften Poloshirt, begreift man jedoch, dass es wichtig ist, auch andere Aspekte mitzudenken. Denn obwohl er nahezu täglich zum Mittagessen ins Alten- und Service-Zentrum Harlaching geht, einsam ist der 61-Jährige noch immer. Er glaubt, dass das unter anderem an seiner psychischen Erkrankung liegt, auch an seinem Tisch kommt er nur zögerlich ins Gespräch.
Doch als die gespendeten Geschenke verteilt werden, freut er sich nicht nur über seine Tasse und den Früchtetee, sondern auch darüber, dass eine Frau ihm den Rasierschaum, der sich in ihrem Päckchen befand, in seine Tüte steckt. Da mag noch keine neue Freundschaft daraus erwachsen, aber für einen Moment fühlt der Mann sich gesehen.
Es gibt allerdings auch jene, die weder alt noch allein sind. Waltraud und Wolfgang Reitz zum Beispiel. Das Ehepaar aus dem Rheinland ist vor gut einem halben Jahr nach München gezogen, in die Nähe ihres Sohnes. Einsam, das sagt die Frau, habe sie sich noch nie gefühlt. Nicht mal nach dem Umzug nach Giesing. Über die Einladung zum Adventsessen haben sie und ihr Mann sich trotzdem gefreut. „Dann muss ich heute nicht mehr kochen.“
Und die Organisatoren? Die sind sich – Familie Steinberg wie die Männer von Community Service – schon zu Beginn einig: Bei diesem einen Mittagessen wollen sie es nicht belassen. Denn egal ob nun einsam oder nicht, über Gesellschaft freuen sich gerade ältere Menschen doch nicht nur im Advent.


